Reportage : Krach auf Sylt

Jeder soll herkommen dürfen, sagen sie auf Sylt, "es muss aber nicht mit 103 Dezibel sein". Seit Linienmaschinen die Nordseeinsel anfliegen, ist die Ruhe dahin. Wie Sylt um seine Exklusivität kämpft.

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Himmlisch. Kein Mensch zu sehen an Sylts Nordspitze. Fast eine Million Urlauber reist jährlich auf die Insel – auch auf der Suche nach Einsamkeit.
Himmlisch. Kein Mensch zu sehen an Sylts Nordspitze. Fast eine Million Urlauber reist jährlich auf die Insel – auch auf der Suche...Foto: Fotex

Die deutsche Nordseeküste: 1300 Kilometer Deiche, Sandbänke und Schlick. Und ganz oben wird es schick. Wo der Sand auch Strand ist. Auf Sylt.

Wie ein Anker liegt die Insel in der See. Fast eine Million Menschen reisen im Jahr an. Die Immobilienpreise bewegen sich auf Rekordniveau, und nirgendwo in Deutschland sind Zweitwohnungen so dicht gesät wie hier, wo bei Spaziergängen feiner Dünensand durch die Zehen quillt, wo man, fernab von allem, unter sich ist und Sylt-Fans wie Fritz J. Raddatz vom „Raunen“ einer vielstimmig schweigenden Landschaft schwärmen. Davon handelt es, das Inselgefühl. Es trägt das Bewusstsein permanenten Mangels in sich. Inseln des Überflusses, das sind Gebilde der Fantasie. Abgeschieden im Meer zu leben, wo könnte man einsamer sein?

Nur bei Sylt ist alles anders. „Perle der Nordsee“ wird es genannt. Oder „Insel der Reichen“. Es ist etwas Besonderes an diesen 99 Quadratkilometern. Und nicht etwa, weil die Hälfte unter Naturschutz steht. Für eine Insel ist Sylt viel zu gut zu erreichen. Seit 1927 ist es mit festem Land durch den Hindenburgdamm verbunden. Die Bahntrasse hat das Eiland vom Meer abgekoppelt, unabhängig gemacht von den Gezeiten und abhängig von Zugfahrplänen. Kaum ein Wetter mehr, das die Insel von der Welt abschneiden würde. Eine klemmende Weiche wäre schlimmer als eine Sturmflut. Das ist Sylts Segen. Aber auch sein Fluch.

Vor der Westerländer Hochhauskulisse flattern in diesen Tagen bunte Flaggen im Wind, und der Geruch von Bratfett und Fisch liegt in der Luft. Es tut sich etwas. Und es beginnt mit einem hohen Pfeifen.

Tief senkt sich ein Airbus 320 aus dem Himmel, schwebt heulend vom Meer heran und über Strand und Dächer hinweg, der Rumpf bemalt in den Farben einer deutschen Fluglinie. Es wird laut im Herz der Insel. 156 149 Menschen sind im vergangenen Jahr auf diese Weise angekommen. Eine Stunde zuvor waren sie noch in Berlin oder Düsseldorf. Das Kreischen der Triebwerke geht in Grollen über, wenn die Maschine abbremst und den Schub umkehrt. Und das Grollen setzt sich fort in den Gemütern.

„Es sollen alle herkommen dürfen“, sagt Günther Thomas, ein jovialer Westfale, „es muss aber nicht mit 103 Dezibel sein.“ Die Art, wie der Unternehmer aus Osnabrück die Zahl ausspricht, lässt erkennen, dass er damit mehr als nur die Lautstärke meint. 103 Dezibel, das sind 103 Gründe, dass etwas nicht mehr stimmt. „Die Fluggesellschaften haben die Insel total verändert“, klagt er. Es geht um einen Kulturkampf.

Mit den Billigfliegern setzt auch der Massentourismus ein. So sieht das Schreckbild aus, das Sylts exklusiven Ruf zu zerstören droht. Günter Thomas ist Vorsitzender der Fluglärminitiative aus 200 Leuten, die seit 2005 den Aufstand proben. Seit große Verkehrsmaschinen über Kurhotels und die Nordseeklinik hinwegdonnern. Mit weißlockigen Haaren und in einem bequemen Hausanzug sitzt Thomas in seinem Garten, von dem er einen weiten Blick auf die Windschattenseite der Insel hat. Vor ihm liegt bläulich schimmernd das Watt. Davor der Galgenhügel, auf dem in alter Vorzeit Hinrichtungen stattfanden. Die Grillen zirpen im Heidekraut, doch in Wenningstedt bangen Pensionen um ihre Existenz. Stammgäste schreiben bedauernde Briefe, sie könnten die Überflüge nicht mehr ertragen. 38 Einzelklagen werden gegen den Flughafen angestrengt. Die Umnutzung des ehemaligen Militärgeländes für zivile Zwecke sei ohne Planfeststellungsverfahren erfolgt, heißt es. Den Gegnern geht es um Entschädigungsforderungen in Millionenhöhe für Grundstücke, deren Wert beträchtlich ist und weiterhin steigt.

Günter Thomas ist Ruheständler. Hin und wieder sieht er nach der Firma, dafür muss er runter von der Insel, auf die er zum ersten Mal wegen seines Asthmas und seither jedes Jahr wieder kam. Heute hat sein gelber Porsche ein nordfriesisches Kennzeichen. Sylt sei immer gut erreichbar gewesen, sagt er, niemand brauche also den Krach von über 3000 Flugbewegungen im Jahr. Und sei es nicht auch „reizvoll, in der Autoschlange auf die Abfahrt des Bahnshuttles zu warten“? Dieses Ritual gehörte doch zum Urlaub dazu, und er nickt seiner Frau zu, die den Espresso reicht. „Wer hier raufkommt, braucht doch seine Reise nicht im Minutentakt zu planen. Die Hetze, die dahintersteht …“, sagt er.
„Früher warst du auch anders“, wirft Frau Thomas ein. Und er weiß es.

Warum Krawall schlagen an einem Ort, der einem wie ein Paradies vorkommt? Sind die Probleme, abgesehen davon, dass die Insel von Stürmen regelmäßig beinahe weggespült wird, nicht ziemlich klein?

Anlass zur Sorge geben drei Hotelkomplexe mit insgesamt über tausend Betten, die in die Dünenlandschaft gesetzt worden sind. So etwas kannte man zwischen List und Hörnum bislang nicht. Aus Mangel an Wohnraum müssen die Bediensteten in den Häusern selbst oder eigens hochgezogenen Siedlungen unterkommen. Die sehen wie Sozialbauten aus. Weitere Projekte sind in Planung. Sylt durchläuft einen rasanten Wandel. Aber niemand weiß, wohin.

Für Günter Thomas führt er zurück. „Warum wiederholen wir die Fehler der 60er Jahre?“, fragt er und hat die 14-stöckigen Hochhäuser in Westerland vor Augen, Symbole eines Wohlstands für alle. „Ja, selbstverständlich“ richtet sich Thomas’ Ärger über die 103 Dezibel auch gegen die Klientel, die nun in Sichtweite seines Gartens einschwebt. Er verbucht es als Erfolg seiner Initiative, dass die Fluglinien verstärkt moderne, leisere Maschinen für den Sprung nach Sylt einsetzen. Man dürfe das nicht so laut sagen wegen des sozialen Dünkels, sagt er, aber die da anreisten, hätten nur das Geld zur Verfügung, das in ihrem Portemonnaie sei. Die Realität des deutschen Arbeitsmarkts kommt so auch auf Sylt an. Geringe Lohnzuwächse, wenig Kapitalbildung.

Steht also die Ballermannisierung des Eilands bevor? Als Sylt vor einigen Jahren einen Marketingplan erarbeiten ließ, war gerade eine neue Spezies entdeckt worden. Die Lohas. Zwölf Prozent der Deutschen zählen dazu wegen ihres „Lifestyle of Health and Sustainability“. Es ist die Aussöhnung der grünen Ideologie mit der Konsumkultur. Und für Sylt soll es die Zukunft sein. Zwischen roten Hagebutten, Zwergkiefern und Dünengras gibt es, was Lohas suchen in ihrem Streben nach Gesundheit und Nachhaltigkeit: Natur, gute Restaurants, eisgekühlter Weißwein und Salz auf der Haut.

Und so fühlt sich Peter Douven ziemlich missverstanden in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf das anbrandende Meer und die Flaggen. Douven ist so etwas wie die graue Eminenz der Insel, wobei er, damit konfrontiert, gequält lächelt. Als Tourismusmanager prägt er das Inselbild. Außerdem steht er dem Flughafen vor. Keineswegs wolle er immer mehr Menschen auf die Insel locken, sagt er und spricht von fehlendem Hinterland, äußerster Randlage und drangvoller Enge. Es gebe eine Logik des begrenzten Raums, die laute: Quantitatives Wachstum ist nicht möglich. Schon jetzt habe Sylt die Belastungsgrenze erreicht. Mehr Leute würde die Insel gar nicht verkraften.
Also hat sich Douven einen Plan zurechtgelegt. Erstens soll, wer kommt, mehr Geld da lassen. Was nur durch ein Mehr an Luxus gelingt. Und zweitens soll, wer kürzer bleibt, schneller ersetzt werden. Die Drehzahl erhöhen, nennt Douven das. Er weiß, dass dieser Plan dem Trend entspricht. Die Deutschen zerstückeln ihren Jahresurlaub in immer kürzere Einheiten. Zum Flugbetrieb gibt es daher keine Alternative, meint er. Dass keine Busverbindung zum Flughafenterminal besteht, weil sie zu teuer ist; dass der Flughafen selbst etwa eine Dreiviertelmillion Euro Verlust macht, sind für ihn keine Argumente. Denn Lohas haben keine Zeit.

Douvens Plan bürdet vor allem den kleinen, traditionellen Familienbetrieben viel auf. Noch bestimmt der hohe Zweidrittel-Anteil von Privatvermietungen das Dasein auf Sylt. Aber die neuen, edlen Hotels setzen Standards.

„Gegen die steigenden Ansprüche konnten wir nicht mehr anverdienen“, sagt das Ehepaar R.. Plötzlich seien Kamin und Flachbildschirm wichtig gewesen. Die R.s betrieben jahrelang eine Pension, nun haben sie das Grundstück verkauft. Der Investor riss das alte Haus ab und ersetzte es durch einen Neubau. Vielleicht sei es besser so, sagt Herbert R., besser als ständig erinnert zu werden. Seiner Frau ging es nach dem Verkauf schlecht. Es war ihr Elternhaus. Sie entstammt einer Bauernfamilie. Deren Glück war, dass der Hof in Kampen lag, jenem mondänen Sommerdomizil Hamburger Verleger, Journalisten und Kaufleute, das in den 60er und 70er Jahren zum gesellschaftlichen Treffpunkt wurde.

Von Menschen umgeben zu sein, die den Alltag hinter sich lassen, hat auf Herbert R., Jahrgang 1932, abgefärbt. Er kramt nach Fotoalben. Natürlich hat er sie alle gekannt, Gunter Sachs, Hans-Joachim Kulenkampff, Oswalt Kolle, all die Millionäre, Erfinder und Erfolgsmenschen. Den Aufstieg Kampens zur Künstler- und Prominentenkolonie hat Herbert R. als Parkplatzwächter miterlebt. Nacktbaden war die Antwort der Kulturelite auf das deutsche Wirtschaftswunder, deshalb kamen sie. R. verkaufte Würstchen, betrieb einen Kiosk. Die Leute blieben oft sitzen, spielten mit ihm Karten, bis der Tag vorbei war. Heute, sagt Herbert R., sei Kampen ein Übernachtungsdorf. Also tot.

Im Norden hat sich derweil das Arosa-Resort wie ein gestrandeter Ozeandampfer in die Dünenlandschaft geschoben. Schlagbäume verhindern den freien Zugang. Ein Schutzraum will das Hotel sein mit drei Restaurants, Pool und Saunen, durchs Foyer schlendern Gäste im Bademantel. Der „neue Luxus“ zeigt sich im Verzicht auf Pomp und Dekor. Im Süden besetzt neuerdings das Budersand-Hotel jene Zone zwischen Land und Meer, die normalerweise wirtschaftlich nicht genutzt werden kann und früher als Kasernengelände diente. Das Niemandsland wurde von einer Erbin des Wella-Konzerns kultiviert, ein Golfplatz erstreckt sich bis ans Watt.

Solche „Wellness-Oasen“ stehen von diesem Sommer an für Ego-Urlauber bereit, die vor allem freinehmen wollen von sich selbst. Die auf die Insel gehen, um runterzukommen, innerlich.

Wie schwer es aber ist, von der Insel runterzukommen, wenn man ein Leben auf ihr verbracht hat, davon berichten die R.s. Aufs Festland gehen, wie viele andere, kam für das Ehepaar nicht infrage. Da waren sie schon mal, in Dinslaken, in den 50ern. Als sie zurückkehrten, staunten die Nachbarn über die Möbel, die sie vom Lastwagen luden. Eine Fernsehtruhe war darunter, so was kannte man hier nicht. Herbert R. hatte als Bergmann gut verdient. Nun saß er mit seinem früheren Grubendirektor am Strand und spielte Skat.

Es gibt ihn immer noch, den Kartentisch in einem verwitterten Wohnwagen auf einem Parkplatz bei Kampen, nur der Kiosk ist weg. In Herbert R.’s ausgebeulten Kordhosen klimpert das Kleingeld, ein zerfranster Strohhut sitzt auf dem Kopf des alten Mannes und mechanisch lässt er einen Block mit Parkscheinen durch die Finger schnippen. Parkgebühr: Zwei Euro. Sich mit Herbert R. zu unterhalten, heißt, tief einzutauchen in die Geschichte der Insel, auf die er 1946 als Flüchtlingskind kam. Er war damals 14. Seine Vater, ein Bauer aus Pommern, der die Wälder liebte, hatte den britischen Offizier im Auffanglager „Westerwald“ sagen hören und war ganz enttäuscht, als er in Westerland aus dem Zug stieg mit seinen neun Kindern und nur eine karge Insel vorfand, ohne Wald.

Damals war es die Armut an diesem verlassenen Flecken, die einen zum Insulaner machte. R. kriegte Kohl- und Steckrübensuppe vorgesetzt und aß Muschelfleischwurst. Zum Heizen rupfte er Heidekraut, denn Holz gab es nicht. Drei Monate dauerte die Saison, ab 1. September blieb die Insel wieder sich selbst überlassen. Im Winter schnitt Herbert R. das Reet für die Dächer, im Sommer verdingte er sich als Strandkorbwächter, bis er Arbeit auf diesem Parkplatz fand.

Jetzt könnten sich die R.s selbst Urlaub leisten. Aber Frau R. winkt ab. „Wir haben das ja nie gelernt“, sagt sie.

Jeder lebt auf seiner eigenen Insel, sagt einer, den die Sylter zum Inselschreiber beriefen. Von dem Sylt, das in Illustrierten und Reisemagazinen auftaucht, habe er nichts mitbekommen, erzählt Schriftsteller Jan Peter Bremer. Der Berliner weilte 2007 für mehrere Wochen in Rantum. Seine Kinder beeindruckte er damit, dass er einem Schaf das Leben rettete. Es lag auf dem Deich, auf die Seite gekippt. Als er es hoch hob, löste sich die Kolik. Das Schaf entleerte sich mit Wucht. Von wegen schick..

Im nächsten Teil der Serie lesen Sie vom Brückenschlag nach Usedom.

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