Saarland : Mystik in Stein

Der Ringwall von Otzenhausen ist eine der mächtigsten keltischen Befestigungsanlagen in Europa. Ein Wanderweg führt vorbei.

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Wackliger Untergrund. Das zehn Meter hohe Keltendenkmal darf betreten werden – am besten in Wanderschuhen. Foto: Kaiser
Wackliger Untergrund. Das zehn Meter hohe Keltendenkmal darf betreten werden – am besten in Wanderschuhen. Foto: Kaiser

Steil ist die Treppe, und holprig dazu. Wie behände Kronprinz Friedrich Wilhelm wohl hinaufgekommen ist auf den „Hunnenring“, damals, 1837? Es ist dieselbe Treppe, die noch heute auf den gut zehn Meter hohen Steinwall führt, der eine der spannendsten touristischen Attraktionen im nördlichen Saarland ist. „Nur für Geübte“, so warnt ein Schild, sei die Treppe zu benutzen. Tourismusmanager der Region wünschen sich deshalb, wenn schon kein Fahrstuhl infrage kommt, eine bequemere Treppe mit breiten Stufen und ordentlichem Geländer. Denn dann trauten sich vielleicht mehr Besucher hinauf auf den Ringwall von Otzenhausen. Es ist eine der eindrucksvollsten keltischen Befestigungsanlagen in Europa. Wie ein riesiges Dreieck geformt, umschließt sie eine Fläche von mehr als 18 Hektar.

Die Verantwortlichen vom „Projekt Ringwall“, vor gut zehn Jahren gegründet, pochen auf den Denkmalschutz. „Wir wehren uns seit Jahren gegen eine Aufstiegshilfe“, sagt Projektleiter Thomas Finkler und fügt hinzu: „Wir wollen am Fuß des Steinwalls auch keine rauschenden Feste mit Halligalli und Keltentrünken.“

Es geziemt sich nicht in der mächtigen Anlage auf dem fast 700 Meter hohen Dollberg. 20 Meter hoch sollen die Mauern einst gewesen sein, aber auch mit ihren heutigen zehn Metern wirken sie gigantisch. Von oben blickt man weit über die waldreiche Landschaft des Saarlands, tief unten glitzert das Wasser in der Primstalsperre. An einigen Stellen soll der Ringwall, der über zweieinhalb Kilometer verläuft, bis zu 25 Meter dick gewesen sein. Wie konnten die Treverer, Angehörige eines in der Gegend lebenden keltischen Stammes, diese Steinberge bloß auftürmen? Immerhin mussten sie das Material nicht allzu weit schleppen. Es wurden einfach die Felsbrocken der eiszeitlichen Blockmeere gesammelt, die ringsherum reichlich vorhanden waren. Wohl schon im 5./4. Jahrhundert vor Christus haben sie den Wall angelegt, möglicherweise zum Schutz vor marodierenden Germanenstämmen. Man nimmt an, dass der Wall zur Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus während oder kurz vor der römischen Okkupation geräumt wurde. Spuren eines Kampfes oder Indizien einer Eroberung konnten die Archäologen nicht finden. Wohin gingen die Treverer dann? Viele Fragen ergeben sich an diesem Ort – und wenige können beantwortet werden.

Die riesige Anlage verfiel. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, als sich Experten um das frühgeschichtliche Relikt sorgten. Denn: Es schrumpfte. Bewohner der Gemeinde Otzenhausen holten sich hier Steine als Baumaterial. Graf Villers von Burgesch, Mitglied der „Gesellschaft für Nützliche Forschungen“, reichte daher beim preußischen Königshaus eine Petition ein. Man sollte, so wünschte der Graf, den Bürgern beim Wegschaffen der Steine Einhalt gebieten. Als Antwort kam der preußische Kronprinz, um sich selbst ein Urteil zu bilden. Und war wohl ebenso beeindruckt wie einige Jahre später der französische Baron Emil d’Huart. „Es ist dieser ’Ring von Hautzenhausen’ eine so gigantische Anlage, daß man sie eher für ein Werk der Titanen als ein von Menschenhand geschaffenes Werk betrachtet“, schwärmte er.

Ein archäologischer Weg rund um die Festungsanlage informiert auf zehn Stationen über den Bau. Man erfährt dort einiges über die Kelten, die mächtige Toranlage und die Besiedlung des Innenplateaus. Die spezielle Art des keltischen Mauerbaus bezeichnete Gaius Julius Caesar in seinen Schriften bewundernd als „murus gallicus“. Die Stämme, inzwischen natürlich längst verrottet, waren durch lange Eisennägel miteinander verbunden. Die Außenseite der Mauer war mit einem Trockenmauerwerk verblendet, das Innere mit Erde und Geröll verfüllt. Wer drinnen lebte, war gut verschanzt. Mit Speeren, Pfeil und Bogen und Schleuderkugeln hielt man angreifende Feinde auf Distanz.

Noch rätselt die Wissenschaft jedoch, welche Bedeutung der Ringwall hatte. War es eine sogenannte Fliehburg, ein Oppidum (stadtähnliche Siedlung) oder gar der Adelssitz eines reichen Keltenstammes? Immerhin hat man bei Grabungen in der Umgebung zahlreiche, üppig ausgestattete Fürstengräber gefunden. Macht und Einfluss könnten sich die Treverer über die florierende lokale Eisenproduktion gesichert haben.

Mystik wohnt an diesem Ort. „Besonders oben auf dem sogenannten Königsplatz kann man das spüren“, sagt Thomas Finkler. Dort stehen seit 2005 auch einige Skulpturen, die im Rahmen des europäischen Künstlerprojekts „Kunst & Kelten“ geschaffen wurden. Aber sie wirken nicht an diesem Ort, der durch tausende Steine besticht. Neben dieser Wucht wirkt alles andere klein und läppisch. Oben, auf dem Ringwall, staunt der Besucher – und wird ganz still.

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SAAR-HUNSRÜCK-STEIG

Der Premiumwanderweg verläuft auf 184 Kilometern zwischen der Saarschleife bei Orscholz, Trier und Idar-Oberstein. Wanderer können ihn im Ganzen, aber auch in zwölf extra ausgewiesenen Etappen entdecken. Es gibt auch immer wieder Abstecher, sogenannte Traumschleifen. In der Mitte des Steigs, auf Etappe 6 zwischen Nonnweiler und Erbeskopf, liegt der Keltenring. Das Denkmal ist ganzjährig frei zugänglich.

ÜBERNACHTUNG
800 Meter vom Saar-Hunsrück-Steig entfernt ist das Hotel Parkschenke Simon, Auensbach 68, 66620 Nonnweiler, Telefon: 06873/669970, im Internet: www.parkschenke-simon.de; Übernachtung mit Frühstück ab 44 Euro pro Person im Doppelzimmer.

WANDERPAUSCHALE
Die Region bietet verschiedene Wanderarrangements an. Eine neuntägige Pauschale, Beginn in Trier, Ende in Idar-Oberstein, kostet zum Beispiel 357 Euro pro Person im Doppelzimmer. Insgesamt werden bei der Wanderung 118 Kilometer zurückgelegt. Gepäcktransfers können gegen Aufpreis (116, 50 Euro für 2–4 Personen) gebucht werden. Für manche entlegene Etappen empfiehlt es sich, ein Lunchpaket mitzunehmen. Im Rahmen der Wanderpauschale kann es gegen Aufpreis bestellt werden. Auskunft im Internet unter:

www.hunsrueck-steig.de

WANDERFÜHRER
Heidrun Braun: Abenteuer Saar-Hunsrück-Steig, Leinpfad Verlag, Ingelheim, März 2010, 239 Seiten, 13,80 Euro.

AUSKUNFT

Tourist-Information Nonnweiler, Telefonnummer: 068 73 / 66 00, im Internet: www.nonnweiler.de

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