Sachsen : Das zweite Leben

Die „Route der Industriekultur“ in Sachsen zeigt, was schon früher großartig war. Auf Besucher wartet manche Überraschung.

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Die spinnen, die Sachsen. Nein, nicht mehr. Die alte Spinnerei in Leipzig ist zum Kunstmekka geworden. Hier das Werk "Pieta 2007" von Lee Youngbaek.
Die spinnen, die Sachsen. Nein, nicht mehr. Die alte Spinnerei in Leipzig ist zum Kunstmekka geworden. Hier das Werk "Pieta 2007"...Foto: Franz Lerchemüller

Ein richtiger Buchstabensalat hat genau festgelegte Zutaten: 330 Mal das e, 40 Stück vom A und 100 vom a. Dazu 28 „Z“s, eine vorgeschriebene Mischung aller anderen Lettern natürlich, nicht zu vergessen die Prise „q“s, 14 an der Zahl – und schon hat man ein „Minimum“, ein Päckchen frisch produzierter Buchstaben, wie es die Schriftgießereien an die Drucker lieferten. Ein Quantum, das für etwa zehn Seiten eines durchschnittlichen Romans ausreichte. Solch erstaunliches Fachwissen erwirbt man sich im Museum für Druckkunst in Leipzig.

In der Messestadt erschien 1650 die erste Tageszeitung der Welt, im 19. Jahrhundert war hier eines der Zentren der Buchherstellung. 1500 Verlage, Drucker und Buchbinder waren ansässig, aber auch Hersteller von Druck- und Setzmaschinen. Die langen 500 Jahre Druckereigeschichte werden im Museum sehr lebendig, denn die meisten der 90 ausgestellten Maschinen funktionieren noch und werden von Fachleuten vorgeführt. In der Gießerei riecht es nach dem heißen Blei, mit dem einer der Männer eben die Form eines kleinen k ausgießt. An der Handpresse drucken sich Schüler ein historisches Rezept von „Leipziger Allerlei“, und als Roland Müller, gelernter Setzer, die Linotype bedient, rasselt sie so monoton vor sich hin, wie sie noch bis 1990 in der Druckerei der „Leipziger Volkszeitung“ tagtäglich gerasselt hat.

Das Museum ist Teil der neu aus der Taufe gehobenen „Route der Industriekultur in Sachsen“, einer längst überfälligen Verbindung 51 wichtiger Zeugnisse der reichen Wirtschaftsgeschichte des Landes. Fabriken, Ausstellungen, Fahrzeuge und Bauwerke aus Berg- und Maschinenbau, Verkehr, Textil- und Nahrungsmittelindustrie wurden zu einem abwechslungsreichen und überaus informativen Rundkurs zusammengefasst.

2001 zogen Künstler in die "Spinnerei" ein

Grundlage der Industrialisierung in Sachsen war der Bergbau, der schon im 10. Jahrhundert begann, und Kapital und frühes technisches Know-how schuf. Vor allem im Erzgebirge erinnern noch Stätten wie das Bergbaumuseum in Oelsnitz oder die Zinngrube Ehrenfriedersdorf daran. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts aber entwickelte sich die Textilverarbeitung zur treibenden Kraft des Fortschritts.

Die „Spinnerei“ in Leipzig entstand erst ab 1884 – war jedoch nach 25 Jahren bereits die größte des Kontinents, eine Fabrikstadt mit modernsten Produktionshallen und Arbeiterwohnhäusern, eigenem Kindergarten, Schwimmbad und Schrebergartenbereich. Die einen Meter dicken Backsteinwände, die gusseisernen Kastenfenster und das durchdachte Beleuchtungs- und Energiekonzept beeindrucken noch heute.

Nach einem wechselvollen Auf und Ab wurde die Anlage 2001 von drei Privatleuten gekauft – und ihr zweites Leben begann. Künstler und Kunsthändler zogen ein, die Galerie Eigen + Art machte die Maler der „Neuen Leipziger Schule“ weltbekannt.

Ihr Star Neo Rauch kommt heute noch täglich mit dem Fahrrad zu seiner Werkstatt gestrampelt. 120 Ateliers, eine große Firma für Künstlerbedarf und 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche verteilen sich über die 20 Gebäude – und die Warteliste für Neumieter umfasst gut 100 Namen.

Das Aussichtsturm in Löbau ist ein Meisterstück

Im Gefolge der Textilfabrikation wuchs die Bedeutung der metallverarbeitenden Industrie – die Nachfrage nach schnelleren, größeren und billigeren Spinn- und Nähmaschinen war schließlich enorm. Als das Städtchen Löbau sich, wie so viele andere, Mitte des 19. Jahrhunderts einen Aussichtsturm gönnen wollte, bot das Eisenhüttenwerk Bernsdorf an, einen solchen „unterhalb des Selbstkostenpreises“ zu gießen. Ein 28 Meter hoher, achteckiger Turm aus eisernen Platten und Säulen, mit filigranen gotischen und byzanthinischen Ornamenten – das schien das passende Meisterstück, um die Welt wissen zu lassen, zu welchen Leistungen die Branche inzwischen fähig war.

1854 wurden 70 große und über 100 kleine Gussteile mit Schlitten und Ochsen auf den Löbauer Berg gezogen, dort zusammengesteckt, mit Blei vergossen und auf die 2,20 Meter tiefen Fundamente gesetzt. Und das Erstaunlichste war: Alles passte haargenau.

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