Stade : Auf, Matrosen, ohé

Im „Elbblick“ am Anleger Stadersand werden Sehleute glücklich. Fährt ein Schiff vorüber, kennt Bernd Thiele einen Schnack dazu.

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Zum Greifen nah. Nicht nur Kreuzfahrtriesen wie die „Queen Mary 2“, auch andere große Pötte wecken Fernweh an der Elbe.
Zum Greifen nah. Nicht nur Kreuzfahrtriesen wie die „Queen Mary 2“, auch andere große Pötte wecken Fernweh an der Elbe.Foto: Morn

„Und hier ist wieder der“ – kleine Kunstpause – „Schiffsmeldedienst.“ Im Tonfall eines Nachrichtensprechers auf NDR 1 wirbt Bernd Thiele (65) mit seiner Ankündigung um Aufmerksamkeit. Was sein Publikum im Restaurant, Café und Bistro „Elbblick“ am Stadersand nun zu hören bekommt, sind keine schnöden Durchsagen über die hier zum Greifen nahen Pötte auf der Elbe, die sich gen Hamburg hinauf oder seewärts stromab schieben. Sondern Entertainment. Am 26. Januar geht er wieder auf „Sendung“.

Alleinunterhalter Thiele, den hier die meisten Gäste duzen, also: „der Bernd“, sagt Schiffe mit Namen, Flagge, technischen Daten, Zielhafen und Tiefgang nicht einfach nur so an. Nö, büschen Seemannsgarn für Landratten und andere Ahnungslose mischt er nur allzu gerne unter. Von der „A La Marine“ weiß er, dass der Containerfrachter auf der PeeneWerft gebaut wurde, ursprünglich aber „eine Rakete werden sollte“. Oder Binnenschiffe deshalb so tief im Wasser lägen, weil sie Haschisch geladen hätten. Die nahende „Heinrich Ehler“ löse solch eine Bugwelle aus, dass man sich unten auf dem Schwimmponton gut festhalten und dabei die „Stiefel übers Gesicht!“ ziehen solle. Das große „T“ am Schiffsrumpf markiere die Stelle, wo Tee geladen sei. Kommt gerade kein Schiff vorbei, wird auch schon mal ein U-Boot begrüßt.

Derlei Käptn-Blaubär-Geschichten mögen die Menschen, honorieren sie mit freundlichem Lächeln bei Kaffee und Kuchen, einem Bierchen oder frisch gebratenen Heringen mit Kartoffelsalat. Mittwochs schlagen Geburtstags- oder Ehejubilargruppen meist älteren Semesters auf, einfach nur, um sich vom netten Herrn Thiele per Mikrofon Glückwünsche übermitteln zu lassen. Aber gerne doch. Es geht familiär zu.

Die Gäste kommen gern

Seit 2007 wird der würfelförmige Neubau mit Rundumverglasung und Außenterrasse als Ausflugslokal genutzt – errichtet freilich auch als Schutzraum für den Fall eines Giftgasunfalls im benachbarten Werk von Dow Chemical. Landschaftlich reizvoll ist was anderes als dieser Platz hier, wo die Schwinge aus Stade kommend in die Elbe mündet. Aber es gibt einen herrlichen, unverbauten Blick auf die Elbe und einen Fähranleger: Stadersand.

Gastronom und Pächter Robert Diekers und sein Kumpel Thiele etablierten die „Schiffsansagen“. Keine wirklich neue Idee, um Gäste anzulocken. Aber sie hatten Erfolg: auch ohne Nationalhymnen abzuspielen und Flaggen zu dippen wie im ungleich berühmteren „Willkomm Höft“ auf der anderen Elbseite, wo „Begrüßungskapitäne“ mit drei (und eben nicht vier) goldenen Streifen auf den Schulterklappen die immer gleichen etwas monotonen Durchsagen machen.

Thiele genießt seine Auftritte hier, wieselt um die Tische herum, Klönschnack hier, Schulterklopfen dort – bis das nächste Schiff naht. Dann eilt er in seine Ecke zum Computer, hat im Internet „Marinetraffic“ aufgerufen, schaut auch mal in seine Schiffsbibliothek mit 2000 Schaublättern und kündigt den Pott an: „Ein Kahn für Nichtraucher und solche, die es werden wollen: Die ,Odin‘, 180 Meter lang, ist ein Tanker.“

„Bernd an der Orchesterorgel“

Einmal im Monat, immer sonntags, läuft er zur Höchstform auf für „Glückwünsche und Musik“. Wie beim NDR eben. Und natürlich wird das gesamte Gelände beschallt. Dann schleppt Berufsmusiker Thiele Keyboard, Rhythmusmaschine und Gesangsanlage herbei, um auf Wunsch Ständchen zu bringen und Schlager zu singen: „Rote Rosen schenk ich dir“. An solchen Tagen wird der „Bernd an der Orchesterorgel“ an jene zehn wundervollen Jahre erinnert, die er als Barmusiker auf dem längst verschrotteten russischen Kreuzfahrtschiff „Estonia“ zubrachte, wo sich Passagiere auch schon mal „An der Nordseeküste“ mitten auf dem Amazonas wünschten.

Bernd Thiele ist ein leidenschaftlicher Musiker. Schon als Neunjähriger sang er in der Lübecker Knabenkantorei.
Bernd Thiele ist ein leidenschaftlicher Musiker. Schon als Neunjähriger sang er in der Lübecker Knabenkantorei.Foto: Bernd Ellerbrock

Die gute Bezahlung ließ ihn auch das verkraften. Doch als sein Sohn zur Welt kam, setzte die Familie ihm die Pistole auf die Brust: „Entweder, oder.“ Thiele entschied sich für das „entweder“, wurde Landratte und tingelte fortan mit der Jo-Reinhardt-Combo durchs Land der Goldenen Hochzeiten und Schützenfeste.

Die Seefahrt hat Thiele ein Leben lang nicht losgelassen. Als Sprössling einer hanseatischen Kaufmannsfamilie lernte er bei der Handelsbank in Lübeck. Später verschlug es ihn nach Hamburg in eine Bankfiliale auf der Reeperbahn und in den Freihafen als Kassierer. Doch seine Leidenschaft galt schon immer der Musik: Als Neunjähriger sang er in der Lübecker Knabenkantorei, nahm dort sechs Jahre lang Gesangsunterricht, später schrieb er sich ein fürs Abendstudium an der Orgelakademie.

Das meistgewünschte Lied im „Elbblick“ sei „La Paloma“, verrät Thiele und intoniert leise: „Auf, Matrosen, ohé, einmal muss es vorbei sein.“ Wie einst Hans Albers, denn die Tonlage der beiden ist dieselbe: Bariton.

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