Städtetrip mit Kindern : Sprung in den Burggraben

In Nürnberg können Kinder zu kleinen Rittern werden. Und auch sonst gibt’s viel zum Staunen über Rüstungen, Rostbratwurst und vieles mehr. Eine kleine Reise in die Vergangenheit.

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Geisterstunde. Wenn der Mond über der Kaiserburg aufgeht, wirkt der Bau noch dramatischer.
Geisterstunde. Wenn der Mond über der Kaiserburg aufgeht, wirkt der Bau noch dramatischer.Foto: Daniel Karmann/picture alliance

Tim kniet im Museum für Kommunikation in Nürnberg (MfK) vor einem Bildschirm, Papa Michael sitzt ihm gegenüber im Führerhaus. Mit Gesten und Worten versucht der Fünfjährige seinem Vater zu vermitteln, wohin der den Joystick samt Greifarm steuern soll, damit sich die Würfel auf dem Bildschirm vor Tims Augen übereinanderstapeln. Kommunikation eben. An einer anderen Station warten fünf Kopfhörer. Dort können sich Besucher Stimmen von Babys und Kindern verschiedenen Alters anhören. Tim fragt ungläubig: „Habe ich mal so gesprochen?“ Aber ja!

An einem weiteren Pult können sich Besucher ein und denselben Satz in zehn verschiedenen deutschen Dialekten anhören. Die Dauerausstellung des Museums unterhält Erwachsene und Kindern grandios, denn sie wimmelt nur so von Mitmachelementen – und erfüllt damit die Ansprüche von Eltern und Kindern ideal.

Ein Städtetrip mit jüngeren Kindern bringt Eltern stets in ein Dilemma: Mama und Papa wollen Kultur, die Kleinen möchten lieber kreischen und klettern. Wie passt das zusammen? Die Antwort: Weniger Programm ist mehr. Aber Eltern müssen nicht nur auf die Interessen ihrer Kinder Rücksicht nehmen. Idealerweise sucht man Sehenswürdigkeiten oder Aktivitäten aus, die beide Generationen glücklich machen. Gemäldegalerien und Kirchen gehören eher nicht dazu. Hilfreich ist, dem Kind zwei Möglichkeiten vorzustellen und es entscheiden zu lassen.

„Felsengänge. Ich will in die unterirdischen Felsengänge!“, jubelt Tim. Die mittelalterlichen Gänge, in der die Brauer einst ihr Bier kühlten, durchlöchern Nürnbergs Untergrund wie einen Schweizer Käse, sind aber nur mit Führung begehbar. Gesagt, getan. Theoretisch. Praktisch ist die 16-Uhr-Führung an diesem Tag ausgebucht. Die 17-Uhr-Führung auch. Tränen, Zorn, Fußstampfen.

Dann die rettende Idee: Auf zum Planetarium an der – Nomen est Omen – U-Bahnstation Plärrer. 16.25 Uhr Ankunft an der Kasse des Planetariums – und die Vorstellung „Der Sprung ins All“ beginnt 16.30 Uhr. Perfektes Timing. Uff. Dank Nürnberg-Card kommen wir sogar gratis ins Planetarium.

Jugendherberge ist nicht gleich Stockbett

Zu einem stressfreien Städtetrip trägt neben Improvisationstalent auch eine kinderfreundliche Unterkunft bei, die Auslauf und Spielkameraden bietet. Hier fällt die Wahl auf die Jugendherberge. Sie liegt in einer Burg und ist damit bei Kids von zwei bis zwölf ein Selbstläufer. Dazu kommt die Lage in der Altstadt: Fußweg zu besagten Felsengängen? Vier Minuten. Zur Kaiserburg, um Ritterrüstungen und Waffen zu besichtigen? Direkt nebenan.

Wer bei Jugendherberge jetzt an Stockbetten mit harten Matratzen und Toilette auf dem Flur denkt, liegt gründlich daneben, stattdessen: schicke, lederbezogene Hocker und Bänke, schlichte, aber edle und massive Holztische und Bänke, Designerlampen, viel indirektes Licht und eine Bar, die abends Fränkisches Bier und Cocktails wie „Sex on the beach“ kredenzt.

Durch die weitläufigen historischen Räume toben vormittags und abends die Kinder. Das Maisonettezimmer im siebten Stock verfügt über zwei Ebenen: unten ein Stockbett für zwei, oben für die Eltern zwei Betten nebeneinander, die man bei Bedarf auseinanderschieben kann – wer sich das wohl ausgedacht hat? Das Bad liegt auf der Elternebene und verfügt über Dusche, Toilette und Waschbecken. Die Betten sind bezogen, Handtücher liegen bereit, der Fernseher mit Flachbildschirm funktioniert, aber das Beste ist doch der Ausblick über die Dächer von Nürnberg.

Gleich neben der Jugendherberge zeigt Stadtführerin Antje Schirmer während einer Kinderführung einen halbrunden Hufabdruck auf der Burgmauer. Genau an dieser Stelle drückte sich nämlich einst ein Ross samt Raubritter ab, um dann 18 Meter in die Tiefe zu springen. Eppelein von Gailingen, so sein Name, sollte vor rund 750 Jahren vor dem Fünfeckturm direkt vor der Jugendherberge gehängt werden.

Ein letzter Wunsch wurde ihm gewährt: Noch einmal auf seinem Pferd sitzen. Diese Gelegenheit nutzte er zu einer spektakulären Flucht. Noch eine Woche soll von Gailingen durch den Reichswald geritten sein. Tim, fünf Jahre alt, lauscht, berührt die Spuren und blickt, festgehalten von Papa Michael, fasziniert die 18 Meter in den Burggraben hinab: „Da ist das Pferd runtergesprungen? Hat der sich da nicht alles gebrochen?“Die Wahrheit erzählt Antje Schirmer nur den Eltern. „Er wurde gefangen und grausam gerädert, doch dies lasse ich bei Kindern natürlich weg.“

Ein Schäufele weckt das Kind im Mann

Den Jüngsten bringt sie das Mittelalter mit praktischen Dingen näher. „Tim, willst du die Kettenhaube anprobieren?", fragt Schirmer. Kopfschütteln, erst muss sich Papa das zweieinhalb Kilo schwere Metallaccessoire überstülpen, dann Mama und dann, ja, dann will auch Tim ein echter Ritter sein.

Zu einem Nürnberger Ritter gehören natürlich auch Nürnberger Rostbratwürste. Angeblich sind sie so klein, damit der Metzger sie einst nach der Ausgangssperre durch das Schlüsselloch reichen konnte. Das kommt bei Kindern super an. Schmecken tun sie dem Junior in jedem Fall, die Erwachsenen entscheiden sich im Traditionslokal „Bratwurst Röslein“ für eine weitere Spezialität: das Schäufele. Der Anblick des opulenten knusprigen Schulterteils weckt sogar das Kind im Mann.

„Die Knochen nehmen wir mit nach Hause. Die passen super zu unserem Dinosaurierskelett“, erklärt Michael. Nun hat Schweineschulter zwar wenig mit Tyrannosaurus & Co zu tun, aber die etwa 15 Zentimeter langen und acht Zentimeter breiten schaufelartigen Knochen sind spektakulär und bereichern mittlerweile in Bleiche gesäubert den heimischen, selbstfabrizierten Fossilienbaukasten, der bislang vornehmlich aus Hühnerknochen besteht. Das Schäufele als bleibendes Souvenir – mal schauen, wie lange es dauert, bis Mama zu Hause Wurststücke aus den Schlüssellöchern kratzen darf.

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