Weißgerbermuseum : Für alle Felle

Im Weißgerbermuseum von Doberlug-Kirchhain, dem einzigen seiner Art in Europa, erfahren Besucher wie aus roher Tierhaut Luxusleder entstand.

Stefan Woll
Besuchern wird von Andreas Hanslok keineswegs das Leder gegerbt.
Besuchern wird von Andreas Hanslok keineswegs das Leder gegerbt.Foto: Museum

„Jeder liebt Leder. Leder liebt jeder.“ Das Wortspiel, das die Schaufenster an Arno Wolfs „Alter Gerberey“ in Doberlug-Kirchhain ziert, hat fast schon etwas Beschwörendes, Flehentliches. In einem Umfeld, in dem sich – einen guten Fußweg vom Bahnhof entfernt – neben schmuck Renoviertem auch Spuren von Wegzug, Zerfall und Stillstand im Stadtbild beständig halten, kann es die Binnennachfrage kaum sein, die diese Liebe trägt. Dabei war die Lederherstellung, namentlich die Weißgerberei, in der alten Handwerkerstadt einmal ein florierendes Gewerbe.

Aber wo nicht mehr viel ist, ist umso mehr Erinnerung – im örtlichen Weißgerbermuseum, dem einzigen seiner Art in Europa, hat sie ihre Stätte. Den Namenszusatz „Kloster- und Gerberstadt“ darf die 9000-Einwohner-Stadt seit Beginn des Jahres tragen. Nahezu 100 Betriebe, in denen aus roher Tierhaut weiches, geschmeidiges Leder hergestellt wurde, reihten sich einst entlang der Kleinen Elster, gleichsam wie auf einer Perlenkette. Das war 1912. Lebensader für das Lederhandwerk war der schmale Fluss, der heute bedächtig, nachgerade lahm und ockerfarben durch den Ort rinnt. Vorbei auch an jenem Gerberhaus aus dem Jahre 1753, in dem seit 1963 das Weißgerbermuseum mit seinem Haupthaus untergebracht ist.

Hier dokumentieren, auf zwei Etagen verteilt, Geräte, Werkzeuge und Utensilien die Vielzahl der für den traditionellen Gerbvorgang charakteristischen Arbeitsschritte – begleitet von ein bisschen allzu sozialistisch-realistisch geratenen Gemälden des 2012 verstorbenen Finsterwalder Malers Horst Bahr.

Die Exponate zeigen, wie unter Verwendung von Gerbstoffen wie Alaun und Kochsalz, auch Mehl und Eiern, aus gewöhnlichen Schaf- oder Ziegenfellen in mühevoller Handarbeit jenes feinste weiße Luxusleder entstand, für das das Städtchen schließlich berühmt wurde. Unmengen Wasser wurden dabei verbraucht und überwiegend ungeklärt in die Kleine Elster abgeleitet. Stand die zu hoch, schwammen manchem Gerber auch schon mal die Felle davon.

Portemonnaies, Handtaschen, Stiefel

Dass das Gewerbe – und damit den Ort – auch stets ein derber Duft umwölkte, hatte mit dem Tauben- und Hundekot zu tun, der – der Beize beigemischt – das Leder noch elastischer machte. 60 Pfennig gab es, wenn Kinder einen Eimer voll brachten. So erfährt der erstaunte Museumsbesucher, mit welcher Rezeptur etwa Glacéhandschuhe früher verlässlich anschmiegsam und fein gerieten …

Andreas Hanslok, Historiker und Archivar, leitet im 20. Jahr das Ausstellungshaus. Mit seinem Namen verbindet sich der Wandel von einem rein technischen Spezialmuseum zu einem multifunktionalen historischen Zentrum, das jenseits musealer Kernaufgaben, dem „Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen“, längst zu einer überdisziplinären Kultureinrichtung am Ort geworden ist.

Aus der Wendezeit, in der es die VEB Lederfabrik Doberlug-Kirchhain und mehr als zehn private Gerberei-Werkstätten gab, sind neben Arno Wolf nur noch Manfred Oettrich und Paul E. Hoeppner mit eigenen Betrieben übrig geblieben. Manfred Oettrich, dessen Großvater in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts noch als Weißgerber arbeitete, hat sich heute auf das Gerben von Fellen verlegt, das er nach eigenem Bekunden „ökologisch verträglich mit pflanzlichem Gerbstoff“ aus gemahlener Rinde und Früchten des Mimosa-Baumes gestaltet.

Hoeppner hingegen hat sich auf Straußenleder spezialisiert. Mit dem noppenreichen Leder des Vogels besetzt er offenkundig eine „einträgliche Nische“, in der sich bundesweit nur noch zwei weitere Firmen finden. Aus dem Laufvogel werden dann Portemonnaies, Handtaschen, Stiefel oder Ledersofas.

Reichlich Exotisches hat auch das Weißgerbermuseum noch zu bieten. Da liegt das kleine Mäusefell neben der drei Zentimeter dicken Elefantenhaut, an der Wand hängt eine mehr als vier Meter lange Python. Gegerbt. Die Museumsdependance in der Gerberstraße 42 freilich sollte nicht versäumen, wer eine komplette, noch funktionstüchtige Produktionsstrecke besichtigen und einen Eindruck von der industriellen Lederherstellung gewinnen will.

Weißgerbermuseum, Potsdamer Straße 18, Doberlug-Kirchhain; Telefon: 03 53 22 / 22 93, geöffnet dienstags–donnerstags 9–12 und 14–17, freitags 10–12 und 14–16 Uhr, sonnabends nach Voranmeldung, sonntags 14–16 Uhr; Eintritt Erwachsene 4, Familien (bis 5 Personen) 12 Euro, Führungen (anmelden!) 10 Euro; Anfahrt: Regionalbahn bis Doberlug-Kirchhain

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