Wellness im Allgäu : In den Wiesen blüht die Kraft

Müde, matt und marode? Dagegen ist ein Kraut gewachsen. Heu, Kräuter und Blumen setzen sich bei der Wellness im Allgäu immer mehr durch.

Beate Schümann
Frisch von der Alm. Heu ist was für Pferde. Aber auch der Rohstoff für die Wellness im Allgäu
Frisch von der Alm. Heu ist was für Pferde. Aber auch der Rohstoff für die Wellness im AllgäuFoto: Stefan Puchner/pa

„Heu macht glücklich“, sagt Simone Fassbender leise, während sie zwei heiße, prall gefüllte Säckchen mit getrocknetem Gras über den Rücken streicht. Würziger Wiesenduft zieht einem in die Nase, die Gedanken kreisen um Sommer, Sonne und Berge. Sanft drückt die Wellnesstherapeutin im Burghotel Falkenstein die sogenannten Stempel auf die Haut, die Wirkstoffe von rund 75 verschiedenen Almkräutern, Gräsern und Blumen in den Körper bringen soll. „Reines Bio-Heu“, sagt sie. Das Geheimrezept der Wellness im Allgäu stecke voller guter Geister, die entspannen, den Stoffwechsel anregen und sogar heilend wirken können.

Je nachdem, was gerade drinsteckt. Denn die Summe aus Arnika, Blutwurz, Gänseblümchen, Johanniskraut, Löwenzahn, Rotklee, Schafgarbe, Spitzwegerich und vielen anderen Kräutern, Gräsern und Blumen setzt sich mit jeder Ernte neu zusammen. Für die Heustempelmassage wird eine Flüssigkeit aus Heudestillat und Rapsöl hergestellt. Fassbender erhitzt die Stempel, taucht sie ins Heuöl und massiert es mit kreisenden Bewegungen vom Nacken an der Wirbelsäule entlang zu den Hüften und über die Rippen zurück zu den Schultern in die Haut. Von den wohltuenden Kräften getrockneter Bergwiesen wissen die Bauern seit Jahrhunderten. Heu kann bei Störungen des Bewegungsapparates, Atemwegserkrankungen, Rheuma oder Schlafstörungen helfen.

Ein bisschen Spa muss sein, finden die meisten Urlauber. Doch vielen geht der Wellnesswirrwarr aus fragwürdigen Konzepten zu weit. Zu viele unterschiedliche Qualitätssiegel haben bislang keine klare Linie erkennen lassen. Die meisten Menschen suchen Einfaches, Natürliches und Unverfälschtes. Da kommt das Bergheu gerade recht. Es stammt von den tausend Meter hohen Allgäuer Alpen. Beweidet werden die Wiesen hier nicht mehr und auch nur einmal im Jahr gemäht. So bleibt die Vielfalt der Pflanzenarten bestehen.

Seit kurzem wird in einigen Hotels auch mit Heu gekocht

Im Allgäu sind viele Menschen aufs Heu gekommen. Auch Jan Schubert, Tourismusdirektor von Pfronten, gehört dazu, der seine Gemeinde zur Heuregion und seine Stadt zum Bergwiesenort erklärt hat. „Wir machen uns den Kulturwandel in der Landwirtschaft zunutze“, sagt er. Wurde das Heu früher an die Kühe verfüttert, wird die einstige Tiernahrung heute meist durch Silage ersetzt. Um die bunten Bergwiesen zu erhalten, wurde in den letzten Jahren eine umfangreiche Heu-Wertschöpfungskette entwickelt. „Therapieheu“ aus kontrollierter Produktion wird für Anwendungen wie Heusauna, -wickel, -bäder und zum Inhalieren genutzt. Es werden Kompressen, Kissen, sogar Schlafmatratzen mit dem Naturprodukt gefüllt und neue Kosmetiklinien entworfen.

Das Thema wurde im Allgäu sogar noch sensorisch erweitert. „Wir riechen Heu nicht nur“, sagt Schubert, „wir schmecken es auch.“ Heuschnäpse, -liköre und -limonade, denen ein kräutriges, würziges Aroma eigen ist, gibt es schon länger. Doch seit kurzem wird in einigen Hotels auch mit Heu gekocht. In Obermaiselstein kreiert Christian Berwanger, Inhaber und Chefkoch im Hotel Berwanger Hof, regelmäßig Heumenüs. Das kann etwa aus einem Cremesüppchen vom Oberallgäuer Bergwiesenheu mit Edelpilzen und Rotkleeblüten bestehen, gefolgt von einem gebratenen Schweinefilet unter der Alpkräuterkruste und, zum süßen Abrunden, einer Bergwiesenheu- Creme. „Es ist im Grunde ganz einfach: Heuküche ist Kräuterküche“, sagt Berwanger, der gerade die Kooperation Allgäuer Heuwirte gegründet hat.

Auch bei Waltraud Bächle-Waibel marschiert die Kräutergarde auf – in Form von Cremes, Lotionen und Salben, die sie auf ihrem Bauernhof in Ofterschwang verrührt. Als Kind ging die Allgäuerin mit einer betagten Nachbarin zum Kräutersammeln auf die Almen und lernte ihre Bedeutung. Arnika belebt, Kamille desinfiziert, Johanniskraut beruhigt, Ringelblume regeneriert. Die Basisstoffe sind Bienenwachs und Rapsöl. Von chemischen Zusätzen wie Konservierungsstoffen, Emulgatoren oder künstlichen Düften hält sie nichts. „Warum sollten wir den Einklang von Körper und Geist in Sri Lanka oder China suchen, wo wir das Altbewährte vor der Haustür haben?“ fragt sie und beruft sich auf den Naturarzt Paracelsus. Der schrieb schon vor 500 Jahren, dass jede Region über die Heilmittel verfügt, die sie braucht.

Wellness im Allgäu: Die Kur nach Sebastian Kneipp ist weit verbreitet

Das alte Wissen aus Klöstern und den Bergen hat Charme. Hildegard von Bingen, Theophrastus von Hohenheim, auch Paracelsus genannt, Sebastian Kneipp und deren Jünger stehen bei Naturfans hoch im Kurs. Klöster füllten im Mittelalter Bibliotheken mit Naturforschung, ganze Bauerngenerationen verfügten über ein Depot an erprobten Hausmitteln, deren oft vergessene Kräfte wieder neu entdeckt werden. Zurück zur Einfachheit. Je natürlicher, desto authentischer.

Im Allgäu haben sich Hotels und Bauernferienhöfe mit Angeboten wie Heu-Wellness und Kneippkuren unter den Labels Alpenwellnesshotels, Gesundheitshotels oder Kräuterlandhöfe zusammengeschlossen. Viele verwenden Holz für Fassaden und Wände, für die Dämmung Schafwolle und Kork, für die Böden Schiefer oder Terrakotta. In den Zimmern liegt ein Dinkelkissen gegen Verspannungen bereit, manche Bettdecke ist mit Schafwolle gefüllt. Auf den Büfetts stehen Müsli, Quark, Rohmilchkäse, Biobrot und selbst gemachte Konfitüren.

Dem Prinzip der Einfachheit folgt auch die Gesundheitstheorie von Sebastian Kneipp, die auf fünf Säulen beruht: Wasser, Kräuter, Ernährung, Bewegung und innere Balance. Kneippverfechter halten das Modell seit langem für wirkungsvoller als jegliche Wellness. Besonders im Allgäu, das Kneippland schlechthin. Schließlich wurde der Gesundheitspfarrer 1821 in dem Landstrich geboren und wirkte lange in Bad Wörishofen.

Inzwischen gibt es jedoch in fast allen Orten öffentliche Wassertretanlagen sowie Kneippanwendungen in den Hotels. „Manche finden Kneipp heute etwas verstaubt“, sagt Katrin Schüle von Schüle’s Gesundheitsresort & Spa bedauernd. In ihrem Hause werden Kneipps Rezepte hingegen seit langem praktiziert. Der Anlage für Hydrotherapie wurde allerdings bei der Modernisierung ein schickes Design verpasst.

Jüngere Menschen mögen das Wort "abhärten" nicht

Die Grundlagen der Kneipp’schen Lehre bleiben aktuell: abwechslungsreiche Ernährung, Aktivität in frischer Luft und Wasseranwendungen. Die kalten Güsse und Wickel seien indes etwas aus der Mode gekommen, seit Kneippkuren nicht mehr verordnet und von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt würden, erzählt Katrin Schüle. Nur ältere Menschen und jene, die die Resultate von Kneipp-Anwendungen bereits positiv erlebt haben, seien dafür zu gewinnen. Jüngeren Menschen stellten sich schon beim Wort „abhärten“ die Haare auf.

Doch genau darum gehe es. Um Prävention. Viele von Schüles Gästen, die sich gestresst und vom Alltag überfordert fühlen, kommen wegen der Kneipp’schen Lebensphilosophie her, andere wegen der Heilverfahren. Die größte Schwierigkeit liegt darin, die Anregungen zu Hause ins Leben zu integrieren.

Frauen überzeuge die ganzheitliche Gesundheitsidee schnell, erzählt Schüle, denn „Kneippen hat viel mit Spüren und Erleben zu tun“. Sich auf die Wiese zu legen und die Wolken zu beobachten oder bei einer Wanderung die Füße in den Bach zu hängen, auch das ist Kneipp. Bei Männern steht dagegen die Fitness im Vordergrund. „Morgens Tautreten und man startet voller Tatkraft in den Tag“, empfiehlt Bianca Stöcke, sogenannter Wellness-Master in der Badeabteilung vom Schüle’s. „Männer lieben die kalten Güsse“, behauptet Stöcke. Ein Nervenkitzel, vermutet sie. „Das ist wie auf dem Nürburgring von null auf 250 aufzudrehen.“

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