Wörlitzer Park : Das Erbe der Sichtachsen

Vor 250 Jahren entstand der Wörlitzer Park. Bis heute ist er offen für jedermann. Der Eintritt ins Gartenreich ist frei.

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Komponierte Landschaften. So kommt der Venustempel gut zur Geltung.
Komponierte Landschaften. So kommt der Venustempel gut zur Geltung.Foto: Volkmar Heinz

Für Cranach gab es neue Filzpantoffeln. Das heißt für die Cranach-Sonderausstellung im Gotischen Haus. Die zeigt noch bis zum 4. Oktober, wie eine Sammlung altdeutscher Malerei am Ende des 18. Jahrhunderts aussah. Ansonsten läuft das Jahr in den Wörlitzer Anlagen in der gewohnten Beschaulichkeit: Der Sommer im Gartenreich bündelt einen üppigen Strauß von Konzerten und Theaterstücken. Sonderführungen ergänzen das Standardprogramm. Gegondelt wird mit oder ohne Menü.

Und dabei gäbe es dieses Jahr das passende Jubiläum für ein rauschendes Fest: Vor 250 Jahren begann der Bau der Wörlitzer Anlagen durch Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, den die Leute in der Gegend noch heute – oder heute wieder – untertänigst bis spöttisch „unseren Fürsten“ nennen.

Warum dieser Spatenstich Geschichte schrieb, erläutert Uwe Quilitzsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kulturstiftung Dessau/Wörlitz: „Prinz Franz, Enkel des ‚Alten Dessauers‘ und Preußenmarschalls Leopold I., musste Friedrich dem Großen in den Siebenjährigen Krieg folgen.

Das Siegen fand der Sechzehnjährige zuerst toll, dann verlor er die Lust am Kampf gegen den Kaiser, ließ sich ‚krankschreiben‘, auf den Thron katapultieren und sein Ländchen für neutral erklären. Die Preußen kassierten dafür reichlich und Leopold III. machte sich aus dem Staub – nach England und Italien.“

Als sich der Pulverdampf verzogen hatte und der junge Fürst von seiner Grand Tour zurückkehrte, war er voller Ideen zur „Landesverschönerung“. Er schuf gemeinsam mit seinem Freund, dem Baumeister von Erdmannsdorff, das „Gartenreich Dessau-Wörlitz“, dessen Juwel der Wörlitzer Park ist, der erste seiner Art in Deutschland.

Wie es der Fürst bestimmt hatte

Wörlitz war Garten gewordene Ökonomie und Aufklärung. Ökonomie, denn dem Nützlichen – die Landwirtschaft – wurde das Schöne hinzugefügt, nicht umgekehrt. Und Aufklärung, denn jedermann durfte die Anlagen betreten, konnte anhand der Beispielfelder lernen, wie in der modernen Welt Getreide und Feldfrüchte angebaut werden, wie man Deiche konstruiert, welche Pflanzen im Süden gedeihen oder welche Götter und Philosophien in der Welt existieren. Ein Demokrat war der Fürst nicht, eher ein Absolutist, der festgelegt hatte, was für seine Untertanen – und damit für ihn – gut ist. Vieles davon war wegweisend, aber nicht verhandelbar.

Der Besitz des Fürsten überlebte das turbulente 20. Jahrhundert als Stiftung, als Kulturstiftung Dessau/Wörlitz. „Und insofern“, so sagt Quilitzsch schmunzelnd, „ist Leopold noch immer unser aller Dienstherr.“ Was die Sache allerdings nicht einfacher macht, denn wie zu vermuten ist, besteht die Hinterlassenschaft nicht aus einem Vermögen, mit dessen Zinsen die riesigen Anlagen unterhalten werden können.

Überhaupt ist es nicht einfach, einen Park wie den Wörlitzer zu betreiben. Wie es der Fürst einst bestimmt hatte, ist er offen für jedermann. Also wird weder Eintritt kassiert noch und gibt es Einlasskontrollen. Da kann es dann schon mal passieren, dass an einem der Eingänge ein geschäftstüchtiger Verleiher jede Menge Skiroller und Stöcke bereitstellt und wenig später eine Gruppe in rasendem Tempo vorüberflitzt. „Das kann doch nicht sein!“, schimpft Quilitzsch beim Blick auf die Vorbeipreschenden, wohl wissend, dass er wenig dagegen unternehmen kann.

Wie zu Zeiten von Fürst Franz. Prunkvoll sind Zimmer und Salons eingerichtet.
Wie zu Zeiten von Fürst Franz. Prunkvoll sind Zimmer und Salons eingerichtet.Foto: Volkmar Heinz

Die Suche nach Pflanzen ist kompliziert

„Offen für jedermann“ ist ein Balanceakt und bedeutet derzeit auch, dass man sich als Kulturdenkmal dagegen verwahrt, irgendwo einen Spielplatz einzurichten oder Picknickdecken auf den Wiesen zuzulassen. „Wir sind jedenfalls kein Stadtpark, in dem man Badminton spielen oder grillen kann“, zieht Sebastian Doil eine Grenze. Ihm obliegen Pflanzenpflege und Gartenunterhaltung. Er bestimmt, welche Bäume verschnitten, gefällt oder neu gepflanzt werden, welche Blumen die Rabatten zieren, was zu tun ist, um die Sichtachsen zu erhalten.

Seine Bibel ist das detailliert erhaltene Pflanzenverzeichnis aus der Entstehungszeit. „Manchmal bekommen wir Ärger mit Naturfreunden, die darauf bestehen, dass wir ein wegen Altersschwäche gerodetes Gehölz ersetzen. Aber wenn das nach dem Jahr 1800 dazugekommen ist, hat es in diesem denkmalgeschützten Park keine Existenzberechtigung.“ Also beginnt die mitunter komplizierte Suche nach Pflanzen, die auch auf der historischen Liste stehen, gefolgt von den Bemühungen um deren (An-)Wachsen.

Dabei sind Kompromisse unumgänglich: „In der Bepflanzung um 1800 gab es kaum Frühlingsblüher, die Saison begann erst mit dem Sommerflor“, erläutert Doil. „Aber das möchten wir unseren Gästen im März, April und Mai nicht antun. Mitunter müssen wir auch bei den Pflanzen Abstriche machen. Abstriche heißt in diesem Falle: Die heutigen Blüten sind zum Teil prachtvoller; beispielsweise würden historische Stiefmütterchen in den Augen heutiger Blumenfreunde spärlich anmuten.“

"Spüren Sie das Grummeln unter Ihren Füßen?"

Um die alten Formen überleben zu lassen, arbeitet Wörlitz in der Arbeitsgruppe „Historische Pflanzenverwendung“ an der Fachschule für Gartenbau Weihenstephan mit. Ausschließlich die denkmalpflegerisch exakten Blumen zu pflanzen, würde aber bedeuten, diese komplett selber zu ziehen. Solch einen Aufwand, vergleicht man ihn mit den Preisen im Pflanzengroßhandel, betreibt die Stiftung nicht.

Aufwendig ist auch der Ausbruch des Wörlitzer Vesuvs, der auf der Insel Stein für Feuerspeiereien bereitsteht. Im Frühjahr 1766 hatte der Fürst auf seiner Grand Tour Neapel besucht und einen vergleichsweise harmlosen Ausbruch miterlebt. Dieses Schauspiel sollte auch sein Volk kennenlernen und so ließ er den Golf von Neapel in Wörlitz nachbauen, den Vesuv und die Villa des damaligen britischen Botschafters Sir William Hamilton.

Quilitzsch und ein Freund, Professor an der TU Cottbus, haben Quellen studiert, experimentiert und inszeniert – und wissen jetzt wieder, wie der Vulkan optisch beeindruckend zum Spucken gebracht werden kann. „Immer mal wieder, aber nicht regelmäßig“, umschreibt Quilitzsch seine eruptive Terminplanung. Also wann? „Spüren Sie schon das Grummeln unter Ihren Füßen? Nächstes Jahr, wenn wir eine Ausstellung zu Lady Hamilton aufbauen, dann könnte es passieren.“ Ganz ohne großes Jubiläum.

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