Zeppelinfahrt : Den Bodensee neu erleben

Mit einem Zeppelin kann man ganz neue Seiten vom Bodensee entdecken. Man sieht viel mehr als in einem Flugzeug. Und ist doch nicht dem Spiel der Winde ausgeliefert wie beim Ballonfahren.

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Empfangen wird der Passagier wie in einem normalen Flughafen: Hinter einem weißen Tresen prüfen zwei Angestellte in blauen Uniformen den Ausweis und stellen das Ticket für Flug FDHA1440MAI aus. Ein schneller Kaffee noch, in der grauen, futuristischen Bar, dann werden die Passagiere für den Flug „Mainau 14.40“ zur Sicherheitskontrolle gebeten. Nagelschere und Feuerzeuge bleiben am Boden, die Frau in Blau wirft einen kurzen Blick in die Taschen. Ein Film zur Einstimmung spricht vom „stillen Fisch im blauen Luftmeer“, der heute ein „Fahrzeug des Friedens“ sei. Das war nicht immer so: Im 1. Weltkrieg fielen Bomben auf London und Paris – aus Zeppelinen. Doch das ist nun wahrlich Geschichte.

Während die Passagiere in einen Kleintransporter steigen, schwebt der Zeppelin ein, von vorn einem Kugelfisch mit drei Flossen nicht unähnlich. Von der Seite erinnert er mit seinen 75 Metern Länge, 19 Metern Breite und 17 Metern Höhe eher an eine stumpige weiß-blau-rote Zigarre. Während zwei Angestellte das Luftschiff an einem Seil halten, erfolgt der Passagierwechsel fliegend: Zwei Gäste steigen über die kleine Treppe hinein, zwei andere sprinten gleich danach heraus – so bleibt das Gewicht stabil.

#Tür zu, anschnallen wie im Flieger, die kleinen Seitenpropeller malen weiß-blaue Kreise in die Sonne. Das Brummen wird lauter, schon zieht das Schiff schräg nach oben weg, zügig, aber nicht rasend schnell. Sechs Passagiere sitzen in je einer Reihe links und rechts. Niemand scheint verängstigt, alle blicken konzentriert durch ihr Fenster oder in der Kabine herum. Das Flugfeld und der große Hangar bleiben zurück. Dort werden die Technikfreunde später alles über das Gerüst aus Aluminium und Karbon, das Hüllenmaterial, ein dreischichtiges Laminat und die schwenkbaren Triebwerke erfahren.

Seit 1991 gibt es in Friedrichshafen mit dem neu entwickelten Zeppelin NT wieder Passagierflüge. Sie dauern zwischen 30 Minuten und zwei Stunden und sind so gefragt, dass bis heute weit mehr als 100 000 Gäste begrüßt werden konnten. Jetzt aber ist das Gefährt erst mal auf den üblichen 300 Metern Flughöhe angekommen. Der Zeppelin geht in die Waagerechte, das luftige Leben beginnt. Die Flugbegleiterin stellt den Kapitän, sich selbst und die Flugroute vor: Von Friedrichshafen geht es über den See nach Konstanz, weiter zur Mainau und über Uhldingen und Meersburg zurück – alles in einer Stunde. Wer will, kann sich jetzt abschnallen und in der Kabine herumgehen, die an das Innere eines mittelgroßen Busses erinnert. Alle wollen. Zwei Fenster haben Öffnungen zum Aufklappen, höflich lässt man sich den Vortritt beim Fotografieren.

Unten erstreckt sich ein Teppich aus Hausdächern, den Pflanzreihen einer Baumschule und großen Flächen grüner Kunststoffnetze, die die Obstbäume vor Hagel schützen. Und da ist er, der weite, der stille, der gleichmäßig geriffelte, blausilberne See mit den gewundenen Ufern. Schnurgerade ziehen die Fähren von Meersburg nach Konstanz, die unvermeidlichen Segelboote sind heute natürlich auch unterwegs.

In der Kabine kommt man ins Plaudern. Ein älteres Paar aus Australien hat die Fahrt schon vor sieben Monaten gebucht und bei seinem Europatrip extra den Abstecher nach Deutschland eingeplant. Welch ein Glück, dass heute ein Traumtag ist und bestes Flugwetter herrscht. Der Rentner aus Friedrichshafen sah zehn Jahre lang „die Dinger über sich hinwegziehen“, heute sitzt er zum ersten Mal selbst darin. Und der Silberlockige in der Wildlederjacke weist ausdrücklich darauf hin, dass er aus Echterdingen stamme, „wo, Sie wissen das sicher, 1908 der vierte Zeppelin in Flammen aufging“. Worauf ein Sturm im Land losbrach und die Deutschen sechs Millionen Mark sammelten, damit der gebeutelte Graf Zeppelin seine Luftschiff- Versuche fortsetzen konnte.

Schon kommt das andere Ufer mit dem Hafen von Konstanz in Sicht. Wie winzig die Imperia, die provokative Figur des Künstler Peter Lenk, von hier oben wirkt. An der Rheinmündung heben sich große hellgrüne Flecken im Wasser ab. Es sind keine Algenfelder, korrigiert der Friedrichshafener, sondern höher gelegene Unterwasserbänke. Im Steigenberger-Hotel, dem ehemaligen Dominikanerkloster direkt am See, kam 1838 Graf Ferdinand Adolf August Heinrich von Zeppelin zur Welt. Nur weil der pensionierte Reitergeneral sich schon mit 52 ganz seinem Hobby, der Luftschifffahrt widmen konnte, erhob sich am 2. Juli 1900 der erste Zeppelin in die Luft. Ihre große Zeit hatten die Luftschiffe dann im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts. Und heute Nachmittag schwebt die Hightech-Ausgabe gelassen auf das flache Schweizer Ufer zu.

Das Surren der Motoren nimmt man fast nicht mehr wahr, und niemanden stört, dass die Kabine gelegentlich leicht wackelt. Hier oben mit 60, 70 Stundenkilometern am Himmel zu schweben – das ist die Entdeckung der Langsamkeit beim Fliegen: Man sieht viel mehr, erkennt viel deutlicher als in einem Flugzeug. Und ist doch nicht dem Spiel der Winde ausgeliefert wie beim Ballonfahren.

Hinter Konstanz zeichnet sich die Insel Reichenau im Untersee ab. So kurz ist das Verbindungsstück des Rheins zum Bodensee also – plötzlich bekommt Geografie Konturen. Die bunten Dächer sind die Gebäude der Universität, und schon gleitet die Insel Mainau unten vorbei, „das Schloss der Deutschritter, 1,2 Millionen Besucher pro Jahr“, erinnert die Frau in Blau.

Das Cockpit ist nicht abgetrennt, der Pilot nimmt seinen Kopfhörer ab, um Fragen zu beantworten, während er mit seinem „Sidestick“ weitersteuert. Fritz Günther, Leiter des Flugbetriebs, ist zugleich Fluglehrer und schon einige Jahre bei der Firma. „Man startet und landet einen Zeppelin immer gegen den Wind, im Sommer gibt es eine andere Thermik als im Winter – und man steuert ein so komplexes Fluggerät vor allem mit Erfahrung.“ Deshalb müssen Berufspiloten mindestens 1000 Flugstunden aufweisen und ein acht- bis zehnmonatiges Training absolvieren, ehe sie selbstständig ein Luftschiff vom Typ Zeppelin NT steuern dürfen.

Vier neue Zeppeline wurden seit 1997 in Friedrichshafen gebaut. Nummer eins wurde 2007 durch eine Windhose bei einem Einsatz im südlichen Afrika zerstört, wo er zwei Jahre lang für eine Diamantenfirma Bodeninformationen gesammelt hatte. Nummer zwei ging 2004 nach Japan, kam jedoch kürzlich in Teilen wieder nach Friedrichshafen zurück, weil die Betreiberfirma pleitegegangen war. Nummer vier transportiert Touristen in San Francisco.
Und Nummer drei ist jetzt bereits auf dem Rückweg ans östliche Ufer, seinen kleinen Schatten stets im Schlepptau. Die zwölf Passagiere stehen und staunen. Jeder scheint das Geschehen tief in sich aufsaugen zu wollen – immerhin kostet jede Minute hier oben fünf Euro pro Person. „Für uns geht es jetzt rüber zur Birnau“, sagt die Begleiterin. Wie ein Schwan thront die weiße Barockkirche über den Rebenhängen. Die Pfahlbauten von Uhldingen stehen kreisrund im grünen Wasser, in Reih und Glied liegen Boote im Hafen. Rostrot, dunkelgelb und flaschengrün leuchten die Wälder, der Herbst ist schon fortgeschritten. Deshalb lesen in den exakt abgezirkelten Rebenreihen von Meersburg auch nur noch ein paar wenige Männer – spielzeugklein – letzte Trauben. Die Fassade des Staatsweingutes erstrahlt in kräftigem Gelb.

Friedrichshafen kommt in Sicht. „Da unten bei MTU“, zeigt der Rentner stolz, „habe ich Motoren zusammengeschraubt.“ Dann geht alles recht schnell: Abkippen, niedergehen, fliegender Passagierwechsel. Ein Glas Sekt gibt es noch, eine Urkunde – und vor dem Fenster steigt der gemütliche Wal schon wieder auf.
Telefonische Auskunft unter der Rufnummer: 075 41 / 590 00

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