Turku : Auf Zimtsohlen

In Turku wird’s jetzt finster für viele Monate. Die Finnen überstehen die bittere Zeit mit Toleranz, Humor und Kreativität.

Birgit Weidt
Lichtblick. Wer’s heller mag, geht zum Fluss. Dort spiegeln sich die Lichter der Laternen, Restaurants locken mit Lampionketten.
Lichtblick. Wer’s heller mag, geht zum Fluss. Dort spiegeln sich die Lichter der Laternen, Restaurants locken mit Lampionketten.Foto: imago/Gerhard Leber

Die Bäckersfrau in der Markthalle reicht dampfende Korvapuusti über die beschlagene Kuchentheke. Diese zuckrigen Zimtschnecken versöhnen mich mit dem dunklen Tag draußen. Sie klopft sich das Mehl von der Schürze und hält mir dann noch ein kleines Päckchen Schuhsohlen unter die Nase: „Hier, riech mal, Zimtsohlen. Da duften die Socken, und du kriegst nie kalte Füße! Kannst du auch bei mir kaufen.“

Die Markthalle ist der Treffpunkt für Einheimische und Touristen, aber auch für Regisseure und Kameramänner. Für sie ist das 200 Jahre alte Gebäude eine begehrte Filmkulisse: Schon die historischen Eingangstüren sind beeindruckend. Die imposanten Pendeltüren aus massivem Holz sind so schwer, dass man sie nicht einfach schnell aufstoßen, sondern nur langsam aufdrücken kann, um sich dann geschickt hindurch- zuschieben. Innen, zwischen schmiedeeisernen Säulen, reihen sich hunderte Stände mit historischen Messinguhren, bunten Wollknäueln, flauschigen Fellen, wuchtigen Holzbottichen und schweren Reissäcken.

Hier ist es hell, warm, und es duftet gut. Kein Wunder, dass die Menschen gern in diese Halle kommen und sich dann fürs Einkaufen besonders viel Zeit lassen. Jedenfalls im Winter. Denn da ist alles willkommen, was die Stimmung hebt.

„Da lassen wir es krachen“, sagt Hauki, Komponist des Heavy-Metal-Musicals „1827 – Infernal Music“. Der Mann, ein Altrocker in den besten Jahren, mit schütterem Haar und schwarzen Lederklamotten, ist begeistert von der musikalisch-metallischen Dröhnung: „Ja, es muss wehtun! Denn wenn es wehtut, dann spüre ich mich erst richtig!“ Für ihn ist es unvorstellbar, dass 80 Prozent aller finnischen Lieder in Moll komponiert sind: „Das kann man mal bei Sonnenuntergang hören, aber doch nicht, wenn die Sonne fast gar nicht mehr aufgeht.“ Hauki ist davon überzeugt: Moll-Musik fördere die Selbstmordrate, Heavy Metal dagegen steigert die Lebensenergie.

Liebe auf den zweiten Blick

Man sagt den Leuten in Turku nach, sie seien introvertiert, hätten eine melancholische Tangoseele, gepaart mit etwas Weltschmerz und einem leichten Hang zum Trübsinn. „Dem muss man etwas entgegensetzen“, findet der Musiker. „Nach dem Prinzip: Wenn du Kopfschmerzen hast und dir jemand mit einem Hammer auf den Zeh haut, sind wenigstens die Kopfschmerzen weg. So ist es mit der Musik, die zerstreut den Winterblues.“

Das Musical „1827 – Infernal Music“ widmet sich der Geschichte Finnlands ältester Stadt, die nicht nur 1827, sondern viel öfter völlig abgebrannt war und im Eiltempo wieder aufgebaut wurde. Nicht nur durch das Heavy-Metal-Stück, auch während eines Spaziergangs durch die Straßen der Stadt wird schnell klar: Turku hat architektonisch durch Brände und Kriege gelitten und ist keine lieblich-romantische Metropole. Man muss schon wissen, wo die schönen Ecken sind. Aber dann kann es klappen mit der Liebe auf den zweiten Blick. Die meisten Sehenswürdigkeiten liegen in der Nähe des Auri-Flusses: russische Jugendstilvillen in zarten Pastelltönen, ein 200 Jahre altes Handwerkerdorf, der backsteinrote Dom, die älteste Kathedrale des Landes.

Der Charme Turkus entfaltet sich am Ufer des Flusses. Hier wirkt die Stadt, auch in all den dunklen Winterstunden, heller als mitten im Zentrum; hier spiegeln sich die Lichter der Laternen und auch die der Schiffe, die vor Anker liegen oder als maritime Restaurants mit bunten Lampionketten Gäste anlocken. Hier, an der Promenade, ist es lebhafter als sonst in der City, die Leute schlendern im Schnee, schlecken, auch bei schärfsten Minusgraden, an ihren Eiswaffeln und wärmen sich in einem der vielen kleinen Cafés auf, trinken heißen Pfefferminztee und essen die typisch finnischen Reis-Piroggen.

Frische Birkenzweige aus der Tiefkühltruhe

Beginnen die dunklen Monate, schaut der sonst sparsame Finne nicht mehr so genau auf jeden Cent. Er gibt im Winter mehr Geld aus als im Sommer: trinkt büchsenweise Bier, schluckt einiges an Antidepressiva und futtert sich mit Schokolade ein bisschen Hüftspeck an. Außerdem bewegt er sich weniger als in der warmen Jahreszeit und macht des Öfteren Kaffeepausi – eines der wohl schönsten ausgewanderten deutschen Worte, als Aufschrift an der Busanzeige zu lesen, wenn der Fahrer seine gewerkschaftlich zugesprochene Mittagspause antritt.

Und, dafür ist das Land bekannt, der Finne rennt in den kalten Monaten noch öfter in die Sauna als im übrigen Jahr. Was ihm dabei immer wichtig ist: frische Birkenzweige. Die findet er nun nicht mehr im verschneiten Winterwald, dafür aber in den Tiefkühltruhen der Supermärkte, eingefroren und gut sortiert neben Mais und Möhren – für sage und schreibe 9,50 Euro. Die Zweige werden daheim aufgetaut und finden ihren Einsatz beim gegenseitigen Abklatschen im gemeinschaftlichen Schwitzkasten.

Nun, wo es länger dunkel ist und die Tendenz zu einer allgemeinen leichten Gereiztheit zunimmt, bemühen sich die Finnen mehr als sonst, tolerant miteinander umzugehen. Besonders Frauen in Gegenwart ihrer trunkenen Ehemännern lassen nicht nur Nachsicht walten, sondern besitzen auch die Gabe, wenn es sein muss, sofort das Steuer an sich zu reißen, wenn der Göttergatte aufgrund eines erhöhten Promillepegels für die Position hinterm Lenkrad nicht mehr taugt. Deshalb sagt man ihnen nach, dass sie in der Lage sind, zur Not auch den Wagen vom Rücksitz aus zu lenken. Zu Hause dann angekommen, hat Meckern keinen Zweck – sie lässt ihn links liegen, schnappt sich etwas Wolle und beginnt zu stricken. Stricken ist übrigens ein Pflichtfach in der Schule und – wichtiges feminines Beruhigungsmittel.

Schwarz ist mehr als eine Farbe

Toleranz spielt sich auch außerhalb der Familie ab. Zum Beispiel am Lieblingsort der Turkuer, der Stadtbibliothek. Es ist ein moderner, kastenförmiger Bau, in dem man sich nach Schulschluss und Feierabend trifft: Die Kleinen schaukeln in kugelförmigen Sesseln oder schmökern bäuchlings auf der flauschigen Lesewiese; Teenies surfen im Internet, und die Erwachsenen studieren ausgiebig die Tageszeitungen.

Während im Sommer streunenden Trunkenbolden Angeln in die Hand gedrückt werden, damit sie mit ihren Schnapspullen am Meer sitzen und somit aus dem Stadtbild verschwinden, verzichten im eisigen Winter die Clochards zugunsten eines warmen Platzes tagsüber auf den Hochprozentigen und lümmeln mit aufgerissenen Schuhen und geflickten Jacken brav im Lesesaal, gern vertieft in amerikanische Comics. Und sie werden geduldet. Was nicht selbstverständlich ist, denn die Stadtbibliothek ist das Wahrzeichen und der Stolz der Stadt. Die Bibliothek öffnet mit einem Extraprogramm auch spätabends ihre Türen, für Laternenpicknick, Schattenspiele und philosophische Diskussionsrunden, zum Beispiel über die Frage: „Wie überleben wir Finnen die Finsternis?“ – „Ich bin hier geboren, kann mich dennoch nicht an die langen Nächte gewöhnen“, sagt Nijna Suominen, gebürtige Finnin, aufgewachsen in Turku. Die Animationskünstlerin gestaltete ein Programm „Die 876 Farben der Dunkelheit“, und in dem geht es auch um die Schönheit der Dämmerung.

Eine der zahlreichen Künstlerinnen, die dieses Projekt begleiten, ist die Malerin Helena Hildur W. Sie ist eine „Schwarzmalerin“, arbeitet mit Kohle, Tinte und Acryl: „Schwarz ist mehr als eine Farbe“, sagt die kleine Frau, die aussieht wie ein fröhlicher Alt-Hippie, mit wallender Mähne und Nickelbrille. „Es ist eine Vision, eine Ahnung von dem, was dahinter, auf der anderen Seite von Schwarz, verborgen sein mag.“

Helena liebt die kürzer werdenden Tage mit der früh einbrechenden Dunkelheit und mag das künstliche Licht in den Häusern, das einen langen Abend verspricht und Geborgenheit ausstrahlt: „In der Nacht, wenn nur noch hier und da ein Fenster erleuchtet ist, erscheint mir die Welt wieder als das, was sie ursprünglich war: eine wohlige Insel, umgeben von Dunkelheit und einer kosmischen Stille.“

Warum eigentlich 876 Farben? – „Das ist eine Fantasiezahl“, erklärt sie lachend, „die besagt, dass selbst, wenn es kein Licht gibt, nicht alles finster um uns herum ist. Und auch die Dunkelheit wunderschöne Nuancen hat.“

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