Fotoreise : Schön ist langweilig

Mit Stativ und Kamera durch laue Nächte stapfen. Schule des Sehens: Was man bei einer Fotoreise in der Provence lernen kann.

Birgit Weidt
Avignon. Kunst am Bau? Wohl eher nicht. Doch Altstädte bieten der Fotolinse viel.
Avignon. Kunst am Bau? Wohl eher nicht. Doch Altstädte bieten der Fotolinse viel.Foto: PA

Julius Meyer weiß aus Erfahrung: Im Urlaub ist für ihn die Versuchung groß, umfassend all das zu fotografieren, was ihm vor die Linse kommt. Da hat er Zeit und nimmt sie sich auch. Der Nachteil: Die Gestaltung der Bilder wird oft zur Nebensache. Und zu Hause ärgert es ihn, dass er zwar tausende Fotos auf seinen Computer lädt, doch das einzigartige, wunderbare, herausstechende Motiv ist irgendwie nicht dabei. Das will er ändern: Der Informatiker und Hobbyfotograf möchte seinen Blick schärfen, Bilder besser komponieren und technisch versierter sein. Deshalb ist diese Reise in die Provence bereits seine zweite organisierte Fototour.

„So, wir messen jetzt auf den Himmel“, ruft Dozent und Kursleiter Martin Trippen. Die 15-köpfige Gruppe hantiert emsig mit den Apparaten – jeder ist in wenigen Sekunden für die Aufnahme bereit. Es herrscht absolute Stille und höchste Konzentration. „Das Motiv zwei Blenden unterbelichten! Die charakteristischen Wolken, die wollen wir herausarbeiten.“

Die Landschaft glüht in der Sonne, in diesem einzigartigen Licht, das nicht nur Maler wie Cézanne, Picasso, Chagall und van Gogh verzauberte, sondern auch professionelle Fotografen und ambitionierte Amateure inspiriert. Der blank geputzte Himmel ist weit aufgespannt und strahlt tiefblau, dazu kommt eine beeindruckende Fernsicht. Das liegt am Mistral, jenem starken Nordwind, der vom Rhônetal bis zur Côte d’Azur bläst, die Luft klar werden lässt und auch bewirkt, dass viele der Bäume sich – vom Wind gedrückt – nach Süden neigen. „Hier!“, ruft Martin Trippen. „Der Olivenbaum. Das ist ein Zwiesel, der sich schön gabelt. Welch wunderbare Form, welch einzigartige Struktur!“ Seine Begeisterung steckt an. Dicht gedrängt positionieren sich die Teilnehmer um das knorrige Kunstwerk der Natur.

Das Motiv wäre gefunden, doch die eigentliche Arbeit fängt nun erst richtig an. Denn: Wie wird aus dem Baum ein Bild? Die meisten in der Gruppe rücken ihn in die Mitte, was im Sucher zwar korrekt aussieht, letztendlich aber langweilig wirkt. Da fehlt die Spannung, die Dynamik. Trippen geht deshalb von Stativ zu Stativ, umreißt in kurzen Sätzen die Grundregeln der Bildkomposition, erzielt mit kleinen Verschiebungen interessante Effekte. Später im Atelier wird er die Bilder ausdrucken, inhaltlich besprechen und den Teilnehmern das Gefühl geben, erstmals beim Fotografieren nicht nur Zufallstreffer gelandet zu haben.

Er ermuntert jeden, unter seiner Anleitung zu experimentieren, mit Motiven und Aufnahmetechniken zu spielen. Trippen versteht sich auch als „Seh-Mann“, er möchte die Gruppe anregen, genauer hinzuschauen, verschiedene Einstellungen auszuprobieren und sich dafür auch Zeit zu nehmen. Sein Programm ist genau überlegt: Für jeden Tag gibt es ein bestimmtes Motto. Die rosa Flamingos im ornithologischen Park Pont du Gau, nahe Les Saintes- Maries-de-la-Mer, stehen für den Rausch der Farben, ebenso wie die flimmernde Ofenglut in der Glasbläserei in Saint- Rémy oder die weißen Pferde der Camargue. Ganz gleich welche Farbe – jede wird zur Herausforderung. Ein anderes Mal geht es um die Harmonie und Schönheit bestimmter Formen: Auf dem Programm stehen die Architektur des Papstpalastes und die Gassen in Avignon, die geschwungenen Straßenlaternen von Marseille oder die Kirchenglocken in Dörfern.

Und damit auch am Abend niemand seine Kamera gleich aus der Hand legt, sind zudem die jeweiligen Hotels und Pensionen der Reise sorgfältig ausgesucht und sollen optisch anregen. So überrascht das Designerhotel Atelier de l’Image in Saint-Rémy-de-Provence mit verwunschenen Gärten und einem immens verwinkelten, riesigen, immergrünen Heckenlabyrinth; die burgähnliche Hostellerie Bérard in La Cadière-d’Azur dagegen besticht mit bäuerlicher Inneneinrichtung und mittelalterlichen Gemächern. Die Nacht wird lang und selbst im Mondlicht stapfen noch einige der Enthusiasten mit Stativ und Apparat durch den lauen Sommerabend und experimentieren mit dem kalten, harten Licht, das man trotz Dunkelheit noch einfangen kann.

Fotografisch gesehen ist Südfrankreich oft eine Herausforderung: Alle freuten sich zum Beispiel auf Aix-en-Provence, eine Stadt, die doch eigentlich recht einfach zu fotografieren ist: reich an Motiven, die nur auf die entsprechende Umsetzung warten. Doch der wunderschöne Ort erweist sich als äußerst schwierige Aufgabe für die Amateure, da er vormittags überwiegend im Schatten liegt und sich die morgendliche Stimmung atmosphärisch nur schwierig einfangen lässt. Manch einer verzweifelt an der Dunkelheit am helllichten Tag, doch Trippen lehrt die Teilnehmer, auch den Schatten zu lieben – als besonderes Stil- und Ausdrucksmittel.

Am Abend geht es dann um das „Schwarzbrot“ der Fotografie, um Basiswissen wie Belichtung, Tiefenschärfe, Brennweite, Weißabgleich und wie man es noch besser lernen kann – dieses bewusste Sehen, vereint mit sicherer, technischer Umsetzung.

„Häufig sind Fotoreisen die besseren Besichtigungstouren“, findet Julius Meyer. „Man nimmt sich mehr Zeit, um mit der Kamera Städte und Landschaften zu entdecken und sich fremden Menschen zu nähern.“ Und diese Bilder, an denen man dann lange gefeilt hat, bis Aufbau, Beleuchtung und all das stimmen, die brennen sich ein – nicht nur auf der Festplatte, sondern auch in der Seele.

Seit 80 Jahren unterstützt die Leica Akademie ambitionierte Fotografen in Theorie und Praxis auf dem Weg zum perfekten Bild. Neben Seminaren in Deutschland werden auch Reisen angeboten.

Telefon: 064 42 / 20 84 21

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