Frankreich : Coq au vin beim Winzer

Nördlich von Lyon liegt das Beaujolais. In der hügeligen Gegend gibt’s hübsche Dörfer, Burgen und edle Tropfen.

Bernd Matthies
Beaujolais
Beschaulich in jeder Beziehung. Im Beaujolais ist die Kirche im Dorf geblieben. Und zwischen den Rebflächen stehen zahlreiche...Foto: Mauritius

Beaujolais? „Das ist für mich wie verliebt“, sagt Bernard Georges, und er fügt der Vollständigkeit halber hinzu: „Burgund ist wie verlobt, Bordeaux wie verheiratet.“ Georges, ein imposanter, polyglotter Schnauzbartträger, ist als Exportdirektor der Beaujolais-Großkellerei Duboeuf befangen, aber er trifft den Kern. Das Beaujolais ist ebenso wie die dort wachsenden Weine: leicht, attraktiv, öffnet sich dem Besucher schnell. Dennoch ist es als Urlaubsziel kaum bekannt und noch weniger populär.

Das mag auch mit dem schnellen Aufstieg und Fall der Weine dieser Region zu tun haben. Der gigantische weltweite Erfolg des Beaujolais Primeur hat den Eindruck erweckt, es gebe dort nur Weinfabriken auf der Suche nach dem schnellen Geld, uninteressant für den klassischen Weintouristen. Nun ist der Primeur aus der Mode, der Name Beaujolais beschädigt – und das Gebiet muss sich ein komplett neues Image aufbauen.

Dabei könnte helfen, dass das hüglige Land nordwestlich von Lyon zweifellos eine der schönsten europäischen Weingegenden ist. Die Dörfer sind gepflegt bis in die letzte Ecke und üppig mit Blumen geschmückt, zwischen den Rebflächen wächsen genug Bäume, um nie den Eindruck einer Monokultur aufkommen zu lassen – und überhaupt wirkt das Land so aufgeschlossen und sympathisch wie seine Bewohner. „Le Beaujolais bezeichnet den Menschen, den Wein und die Region“, betont Chantal Gajowka, die Besitzerin des Weinguts „Domaine Baron de l’Enclose“, die sich auch als emsige Kulturmanagerin engagiert und im eigenen kleinen Amphitheater Jazzbands auftreten lässt, „das gibt es sonst nirgendwo in Frankreich.“

Das Beaujolais ist voll von Schlössern, Burgen und Herrenhäusern, doch international bekannte Sehenswürdigkeiten sind rar. In einer immerhin kann man auch wohnen: Im Schlosshotel Château de Bagnols waren schon Nicole Kidman und Tom Cruise zu Gast, das ist lange her, wird aber noch immer gern erwähnt. In der Tat handelt es sich hier geradezu um den Inbegriff eines europäischen Luxushotels. Die englischen Besitzer haben hinter den dicken Burgmauern alles eingebaut, was einen Aufenthalt angenehm macht, haben Lawinen von Antiquitäten installiert, einen großen Pool außerhalb des Burggrabens bauen lassen und einen Küchenchef eingestellt, der es zu einem Michelin-Stern brachte. Seit allerdings die amerikanischen Gäste sparen, geht es angesichts des Einstiegstarifs von 520 Euro pro Zimmer (ohne Frühstück) etwas ruhiger zu. Für 28 000 Euro wäre das ganze Haus einen Tag zu Diensten.

Bagnols liegt in der südlichen Hälfte des Beaujolais, dort, wo nur die einfachen Qualitätsweine wachsen. Doch dies ist auch das Gebiet der „Pierres dorées“, der goldenen Steine, die bei Licht besehen zwar nur hellockerfarben sind, aber den Dörfern, die aus ihnen erbaut wurden, ein berückend stimmiges Gesamtbild verleihen. Der Weiler Oingt, hübsch auf einem Hügel mit weitem Blick gelegen, wird immer mal als schönstes Dorf Frankreichs genannt – das mag übertrieben sein, charakterisiert aber den Rang der Gegend.

Die örtlichen Tourismusmanager setzen auf Weintourismus, hoffen auf das neue Bild vom Beaujolais als regionaler Spezialität. Die dominierende Rebsorte, die rote Gamay, kommt sonst kaum irgendwo vor auf der Welt, und aus ihr entstehen keineswegs nur tanninstrenge Zechweine oder eben der berüchtigte Primeur, sondern durchaus immer mehr hochrangige Spezialitäten. Es lohnt sich, nach den raren Weinen der Querdenker Jean-Paul Brun, Jean-Marc Burgaud oder Marie-Elodie Zighera-Confuron Ausschau zu halten und besonders auf die Cru-Weine zu achten, die in zehn Gebieten im nördlichen Teil des Beaujolais angebaut werden. Eine Flasche kostet ab Gut selten mehr als zehn Euro.

Das gilt auch für den Morgon „Côtes de Py“, eine Einzellage des Cru Morgon, der auf Château de Pizay abgefüllt wird – das Château ist eine Mischung aus Schlosshotel und großer Weinkellerei. Die Zimmer im Hauptgebäude sind komfortabel traditionell eingerichtet, im neuen Seitenflügel geht es stilsicher modern zu. Am Rand der riesigen Rebflächen funkelt ein großzügiger Pool, das Gelände punktet mit einem Weinlehrpfad, Wald, idyllischen Teichen und einem von Großmeister Lenotre angelegten französischen Garten, und es besitzt sogar, rar in Frankreich, ein Spa mit mehreren Saunas, großzügigen Massageräumen und Innenpool. Das ambitionierte Restaurant bietet auf seiner Weinkarte das Beste aus der Region, Kellerführungen sind möglich.

Einfacher, aber nicht weniger idyllisch geht es in der „Auberge du Paradis“ zu, dem kleinen Hotel in der Ortsmitte von Saint-Amour. Valérie und Cyril Laugier haben sich hier ein schräges, anheimelndes und ganz und gar individuelles Refugium mit originell gestalteten Zimmern geschaffen, die „Gingembre“, „Paprika“ oder „Tandoori“ heißen. Sie managt das Hotel, er verblüfft mit einer weltläufigen, türkisch angehauchten Gewürzküche auf Sternekurs: Ententempura mit Curry, Roten Beten, Joghurtsauce und Gewürzbrot.

Normal ist das nicht, und auch nicht typisch für die kulinarisch sehr konservative Gegend. Die wird eher von Chantal Chagny repräsentiert, die seit 40 Jahren die unscheinbare „Auberge du Cep“ am Kirchplatz in Fleurie betreibt. Das Restaurant war mal auf Höhenflug, schaffte es bis zu zwei Sternen; heute kocht die Chefin selbst, lässt es bei einem Stern bewenden und serviert zu verblüffend günstigen Preisen ihre unabänderlichen Klassiker: Coq au vin, Schnecken in Kräuterbutter, Eier in Rotweinsauce und eine göttliche Ententerrine mit Cornichons und Salat. Ein enthusiastischer Kritiker der „New York Times“ hat das Restaurant mal zu den zehn besten der Welt gezählt ...

Besternte Restaurants aber sind im Beaujolais noch ebenso rar wie luxuriöse Hotels. Der allergrößte Teil der Besucher schlägt sein Quartier in den Chambres d’ Hôtes auf, den zumeist recht komfortablen privaten Gästezimmern und Ferienwohnungen, vorzugsweise direkt beim Winzer, das bietet sich an. Meist ist im bescheidenen Preis gleich das bodenständige Abendessen enthalten, und niemand denkt daran, den Tischwein zu rationieren.

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