Parc Naturel d’Iroise : Wild wie der Wind

Ouessant, die westlichste Insel der Bretagne, besticht durch ihre raue Schönheit. So gefährlich ist der Atlantik rundherum, dass man viele Leuchttürme braucht.

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Insel der Fischer: Rund um Molène liegen gefährliche Fanggründe. Von Quessant aus gingen die Männer eher zur Handelsmarine.
Insel der Fischer: Rund um Molène liegen gefährliche Fanggründe. Von Quessant aus gingen die Männer eher zur Handelsmarine.Foto: André Quillien/Alamy Stock Photo

Sogar die Schafe Ouessants stemmen sich gegen den Wind. Die Häuser der Insel sind niedrig, sodass sie ihm so wenig Widerstand wie möglich bieten. Bäume versuchen es erst gar nicht. Die Idee, hier, an der Spitze der bretonischen Halbinsel, ein Windkraftrad zu errichten, schien schlüssig. Allerdings stürzte es bald um. Der Sturm blies es davon.

„Dafür haben wir hier die kleinste Windmühle der Welt“, sagt Ondine Morin. Die 32-Jährige ist eine von vier Fischern der westlichsten Insel Festland-Frankreichs. Die anderen sind ihr Mann Jean-Dénis sowie zwei Brüder. Ondine ist auf Ouessant aufgewachsen, im Hauptort Lampaul steht das Haus ihrer Eltern neben dem ihrer Großeltern. Früh am Morgen fährt sie mit ihrem Mann zum Fischen aufs Meer, später hilft sie ihm, an einem Stand neben der Kirche den Fang zu verkaufen. Es ist nicht nur das Leben, in das sie hineingeboren wurde. Sie hat es sich auch ausgesucht.

Nachmittags zeigt sie Besuchern ihre Insel, manchmal auch abends, wenn es dunkel wird. Dann leuchten die Lichter von einem halben Dutzend Leuchttürme, die hier und auf dem Meer Schiffe durch eines der gefährlichsten Gewässer der Welt lotsen. Der Wind pfeift, Wolken jagen über den Himmel. Das Licht der Türme taucht die Welt zwischen Land und Meer in geheimnisvolles Licht. Der Kegel des Créac’h, einst der Leuchtturm mit der hellsten Strahlkraft Europas, war für Ondine das beruhigende Nachtlicht ihrer Kindheit: Es bot Gewissheit, dass da draußen nicht nur der Atlantik und sein ständiger Begleiter waren: der Wind.

Sechzig Prozent der Bewohner sind glückliche Ruheständler

Ondine hat versucht, auf dem Festland zu leben. Liebliche Orte gibt es dort, wie das Seebad Bénodet. Ondine ging nach La Rochelle, der schönen und geschichtsträchtigen Hafenstadt am Atlantik, um Kunstgeschichte zu studieren. Es funktionierte nicht: „Ich fand die Stadt furchtbar laut und verging vor Heimweh. Auf Ouessant schafft nur die Natur Zwänge.“

Einer von vielen: Der Leuchtturm Creac'h.
Einer von vielen: Der Leuchtturm Creac'h.Foto:Eric Baccega/ imago/Bluegreen Pictures

Doch es ist nicht leicht, auf einer Insel eine Existenz aufzubauen, deren weibliche Bewohner einst den Acker hinterm Haus bestellten, während die Männer mit der Handelsmarine auf den Weltmeeren unterwegs waren, und deren Bevölkerung heute zu sechzig Prozent aus glücklichen Ruheständlern besteht. „Die Möglichkeiten sind sehr übersichtlich“, sagt Ondine. Sie fand trotzdem einen Weg.

Als sie bei einem Ferienjob in Le Conquet die Fähren festmachte, die Ouessant mit dem zwanzig Kilometer entfernten Festland verbinden, lernte sie einen jungen Matrosen aus dem bretonischen Städtchen Quimper kennen. Der Matrose war bereits zweiter Kapitän auf seinem Schiff, als die beiden vor drei Jahren heirateten. Jean-Dénis Morin gab einen guten Job auf, um seiner Liebsten auf ihre Insel zu folgen und Fischer zu werden.

Das türkisfarbene Wasser wirkt mediterran

Auch jenseits der Liebe ist seine Entscheidung nachzuvollziehen. So ursprünglich ist die Heidelandschaft, so ungebändigt die Kraft des Atlantiks, so magisch das Licht der Leuchttürme auf und um Ouessant, dass man sich dem Zauber des wilden Eilands schwer entziehen kann.

Auf der Insel Molène sieht die Welt erstaunlich anders aus. Und das nicht nur, weil es hier doppelt so viele Fischer gibt, nämlich ganze acht. Lieblicher wirkt die Insel als Ouessant mit ihren schroffen Klippen. Die Häuschen der Insulaner drängen sich über einem Hafen, der an wolkenlosen Sommertagen mit seinem türkisfarben leuchtenden, glasklaren Wasser mindestens mediterran wirkt.

Auch die Insulaner unterscheiden sich von ihren Nachbarn. Während die Männer Ouessants seit jeher ihr Auskommen in der Handelsmarine fanden, blieben die Bewohner Molènes als Fischer daheim. Weil sie mit den gefährlichen Gewässern vertraut waren, konnten sie auch rund um Ouessant fischen. Das wurde dort mit Misstrauen beobachtet. „Gut, unsere Männer hatten die halbe Welt gesehen“, sagt Ondine. „Aber ein bisschen weh tat es schon, dass sie sich vor der eigenen Haustür nicht auskannten.“

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