Paris : Die permanente Verführung

Paris profitiert vom Image, "Hauptstadt der Liebe" zu sein. Doch was denken die, die in der französischen Metropole leben?

Maxi Leinkauf
Paris
Paris. Für viele Menschen ist das der Inbegriff einer romantischen Reise zu zweit. -Foto: getty

Alles dreht sich um l’amour. Paris als Stadt der Liebe per Definition? Der Mythos lebt und wird ständig neu genährt, besonders jetzt im Frühling. Die französische Kapitale pflegt ihr Image und reproduziert es regelmäßig. Touristen mögen das. Filmemacher auch. Das Bild auf der Leinwand kennt man aus Ernst Lubitschs „Ninotschka“ mit Greta Garbo (1939) beispielsweise, aus dem Musicalfilm „Ein Amerikaner in Paris“ (1951) mit Gene Kelly oder auch aus „Ariane – Liebe am Nachmittag“ von Billy Wilder (1957) mit Audrey Hepburn und Gary Cooper in den Hauptrollen. Ist es jedoch in Paris wirklich einfacher, die Liebe zu finden? Begeben wir uns auf die Suche.

Ankunft Airport Charles de Gaulle: Bereits im Taxi plaudert der maghrebinische Fahrer über l’amour. Paris, das sei doch eher Sex als Liebe. Ob er uns den besten Swingerclub der Stadt zeigen solle? Er werde oft danach gefragt.

Abends, in einer Bar auf dem Montmartre: Der charmante Kellner serviert Kir Cassis und erzählt, die Pariser Männer seien wie Kinder, sie wollten spielen und suchten die permanente Verführung. Vor der Liebe flüchteten sie. Ach.

Tags darauf begegnet uns zufällig Michel Piccoli, in einer Gasse nahe der Bastille. Er trägt eine Tüte mit Baguettes, die er eben aus der Boulangerie geholt hat. Die Legende des französischen Kinos! Leibhaftig! Ehemaliger Filmpartner von Romy Schneider. Einst Ehemann von Juliette Gréco, jetzt zum dritten Mal verheiratet. Er, der für Romy immer nur der Freund war, während sie an den „eiskalten Engel“ Alain Delon ihr Herz verlor. „Die Liebe in Paris?“, Monsieur Piccoli schaut nachdenklich. „Oh. Das heißt viel Arbeit!“ Er schweigt einen Moment lang und zeigt dabei den sanften und doch getriebenen Blick aus dem Film „Die Dinge des Lebens“, in dem der Mann – typisch französisch – zwischen zwei Frauen steht. „Ich muss weiter“, flüstert der Dreiundachtzigjährige dann, ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. „Bon courage“, wünscht Michel Piccoli und schlurft gemächlich von dannen.

Und wie empfindet das ein Deutscher, der in Paris lebt? Spiegel-Reporter Ullrich Fichtner sinniert im Café Français: „In Paris kann man beides im selben Augenblick erleben – das intensive Glück und den tiefen Schmerz. Die Glücksmomente gehen schnell vorbei.“ Französische Männer wüchsen mit einer bestimmten Spielart des Machismo auf, dem Erobern und Wegwerfen. „Unglücklich verliebt zu sein, gehört in Paris dazu.“ Oder etwa nicht?

Wir streifen weiter durch Paris. Und treffen am Fontaine Saint-Michel im 6. Arrondissement auf Jacques Jubert, 69 Jahre alt, Rentner. „Ernest Hemingway ist schuld“, sagt er. „Der hat einmal über Paris geschrieben: ,Paris – ein Fest fürs Leben‘, und seitdem glauben alle Ausländer an diese Illusion. Aber das Leben findet doch nicht in Büchern oder im Kino statt! Nach dem Krieg wollten sich die Leute amüsieren, sie sind geradezu aufgeblüht. Da entstand dieser Mythos der Bohème. Doch das ist lange vorbei. In Paris das Glück zu finden, ist sehr hart. Paris, die Stadt der Liebe? Reine Propaganda. Es gibt keine Liebe in Paris. Hier lassen sich die Hälfte aller Paare wieder scheiden. Allerdings vermute ich, dass die Männer viel romantischer sind als die Frauen. Sie leiden wie die Hunde, Frauen sehen die Dinge pragmatischer. Was sind die typisch französischen Eigenschaften? Das ist sehr vage. Man sagt, die Franzosen sind Italiener mit schlechtem Humor, und das gilt besonders für die Pariser. Sie sollten nach Italien flüchten: Das ist das Land der Liebe.“

Im Restaurant-Café Le Troisième Bureau (11. Arrondissement) sitzt Vincent Delerm. Der 32-jährige Sänger liebt die Stadt. „Mein Paris bastelte ich mir aus Liedern mit Straßennamen zusammen: ,Sturm in der Rue Corvisart‘ beispielsweise. Ich wuchs in Rouen in der Normandie auf, und meine Eltern hörten Chansons: Brassens, Brel, Piaf. Meine Großmutter lebte in der Rue Marcadet, im achtzehnten Bezirk. Und auch ich zog dorthin, als ich zum Studium nach Paris kam. Montmartre und der Markt St. Pierre: das Paradies. Wenn ich durch die Viertel flaniere, fallen mir Filmszenen ein. Am Gare du Nord stieg Alain Delon in den Zug. Als könne man die Zeit anhalten. Ich liebe das Kino von Truffaut, der immense Verlauf der Gebäude auf den breiten Straßen wie dem Boulevard Haussmann. Die umwerfende Fanny Ardant! Sie war unerreichbar, die ideale Frau. Wie sie schwebte, mit der Zigarette, auf dem grauen, menschenleeren nassen Asphalt. Wo alte Laternen leuchten. Romantisch im realen Leben sind die kleinen Dinge. Die Sonne auf ihrem Gesicht, während sie schläft. Paris, das sind all diese Cafés! Hier, in Le Troisième Bureau, bin ich zum ersten Mal aufgetreten. Anfangs spielte ich Serge Gainsbourg, um den Mädchen zu gefallen.“

Am Place Dauphine im 1. Arrondissement plaudern wir mit Madame de Freycinet, 87, Rentnerin. „Paris, das war die Liebe im Frühling. Jedenfalls früher. Man musste nur spazieren gehen, die Invaliden entlang oder im Jardin du Luxembourg. Auch heute flirten um diese Zeit die Leute fast überall. Man sollte aber nicht zum Erstbesten gleich Ja sagen. Meine große Liebe habe ich jedoch in den Bergen gefunden, beim Skifahren. Er machte den ersten Schritt, stellte sich mir ganz höflich vor. Heute sind die Männer weniger galant und die Menschen arbeiten zu viel. Sie haben weniger Zeit. Paris ist eine traurige Stadt geworden.“

Auch Magali Marx klagt. Die 27-jährige Verkäuferin im 10. Arrondissement hat so ihre Erfahrungen gemacht mit der Liebe in Paris. „Nichts ist schwieriger, als in Paris den Traummann zu finden. Es ist stressig und teuer. Man schuftet wie verrückt und fällt abends müde ins Bett. Die Männer hier suchen Sex. Ständig wird man angemacht. Als Frau sollte man nachts lieber nicht allein ausgehen. Ich wurde mehrmals enttäuscht und habe mir überlegt: Warum nicht im Internet suchen? Dort sagt keiner: zu mir oder zu dir? Wer sich anmeldet, sucht etwas Seriöses: www.meetic.fr. Ich erstellte mein Profil ohne Foto. So wollte ich vermeiden, dass sich jemand nur wegen des Aussehens für mich interessiert. Mit einem schrieb ich dann wochenlang Mails. Das erste Rendezvous fand in einem Einkaufszentrum von La Défense statt. Alles ist dort sehr modern und gewaltig: das neue Paris. Wir wussten nicht, wie der andere aussieht und telefonierten mit unseren Handys: Wo bist du? Er stand bei den Rucksäcken, ich beim Schmuck. Rücken an Rücken. Ach, war das romantisch, die Romantik des 21. Jahrhunderts. Beim zweiten Treffen gingen wir in die kleinste Pizzeria von Paris: Le Petit Naples. Und küssten uns wild. Wie lange es halten wird? Ich bin noch jung.“

Expertin in Sachen Liebe ist Kimberley Petyt. Die 34-jährige Hochzeitsvermittlerin stöbert im Louis-Vuitton-Geschäft an den Champs-Elysées. „Alle Amerikaner wollen in Paris heiraten. Es ist für sie etwas Geheimnisvolles. Ich stamme aus Chicago und organisiere Hochzeiten für die englischsprachige Community hier. Die meisten wollen auf den Eiffelturm, dort haben auch Rod Stewart und Tom Cruise ihren Frauen den Antrag gemacht. Mein Ehemann ist Franzose. Wir sind uns in einer Bar auf den Champs Elysées begegnet. Ich war gerade shoppen. Später brachte er mich nach Hause, ohne mich zum Abschied zu küssen. Ich dachte, er mag mich nicht. Die Franzosen küssen einen sonst sofort. Wenige Tage später zeigte er mir Paris bei Nacht: Sacré Coeur, Palais Royal, den Louvre. Ich blieb bei ihm, gründete meine Hochzeitsagentur und bekam zwei Kinder. Geheiratet haben wir allerdings bei seinen Eltern in Nordfrankreich. Paris ist herrlich. Am liebsten gehe ich sonntags in den Gärten der Tuilerien spazieren, der Name stammt von den Ziegeln, die früher hier gebrannt wurden: Tuiles. Die Pariser wissen übrigens genau, was man mit ihrer Stadt assoziiert und geben sich deswegen extra cool.“

Pause im Le Petit Saint-Benoît im 6. Arrondissement. Sitzt dort nicht Georg Stefan Troller, der Filmemacher? „Ja, ich gehe hier gern mittagessen“, sagt der 87-Jährige. „In diesem kleinen, preiswerten Lokal war einst Marguerite Duras Stammgast. Die Schriftstellerin („Der Liebhaber“, „Hiroshima mon amour“, Anm. d. Red.) lebte in den fünfziger und sechziger Jahren im Haus nebenan. Ich frage mich, wie Madame Duras die heftigen Liebesaffären erlebt haben soll, über die sie schreibt. Auf mich wirkte sie nicht wie eine große Liebende. Frauen und Männer, Verführung und l’amour, sind mein Thema. Hier im Lokal beobachte ich das Flirten der jungen Frau, die sich am Nebentisch zu ihrem Gegenüber beugt und dabei die Haare zurückstreicht. So ist die Pariserin: kokett. Sie will originell amüsiert werden, der Mann muss ihr verbal und auch sonst etwas bieten, ihr Orte zeigen, die sie noch nicht kennt. Für mich ist Paris ein wunderbares Biotop, ich gehe, wohin das Trottoir mich führt.“

Auch Bestsellerautor und Regisseur Alexandre Jardin (42), kennt sich aus mit der Liebe in Paris. „Will man sich in Paris verlieben, sollte man ins Café dans le Noir gehen. Dort wird man von Blinden bedient: Die intime Begegnung ist möglich. Liebe heißt, Geschichten erfinden. Krisen, Dramen und dann die Versöhnung. Mit vierzehn Jahren war ich unsterblich in Sascha, eine Slowenin, verliebt. Nach den Ferien musste sie zurück nach Ljubljana. Mein Vater sah mich verzweifelt weinen und beschloss: ,Mon Cher, wir holen den Zug ein.‘ Er organisierte alles: den Flug von Paris nach Venedig, wo ein Auto wartete. Wir standen rechtzeitig auf dem Bahnsteig. Leider hatte mir Sascha verschwiegen, dass sie einen Freund hatte. Ich versteckte mich und war am Boden zerstört. Trotzdem war es prägend und wichtig, weil mir mein Vater gezeigt hat: So muss man leben! Man muss den Zug erwischen! Ich glaube an die dauerhafte Leidenschaft.“

Und Diana Böge, deutscher Showstar im Lido, hatte große Erwartungen an Paris. „Kollegen schwärmten: ,Diana, in Paris lernst du bestimmt den Mann deines Lebens kennen!‘ Dieses Klischee, dachte ich. Jeder Comic handelt davon. Auch das Stinktier, das alle Katzen verzaubert, hat einen französischen Akzent. Aber ich wollte nur arbeiten. Nach meinen letzten desaströsen Beziehungen wollte ich mich neu erfinden. In Paris bin ich sofort jemandem begegnet. Einem Tänzer aus dem Lido. Er stürmte auf mich zu: ,Hey, Diana ist da! Am besten, wir schmeißen eine Party.‘ Diese Offenheit gefiel mir. Die Männer in Paris sind mutiger, und sie kommunizieren mit Witz und Charme. Da geht man in ein Jazzkonzert, und sofort fragt dich jemand an der Bar: ,Wer bist du, was machst du hier?‘ Ich genieße das wie ein Schmetterling. Ohne Flirt keine Liebe!“

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