Petros Markaris : Die verborgenen Tavernen

Athen ist ein Moloch – mit schönen Ecken. Der Schriftsteller Petros Markaris erzählt, wie man sie findet.

Metro mit Ausblick. 24 Mal kann man aussteigen zwischen Piräus und Kifissia, auch bei der Akropolis. Foto: Ullstein-Agelou
Metro mit Ausblick. 24 Mal kann man aussteigen zwischen Piräus und Kifissia, auch bei der Akropolis. Foto: Ullstein-AgelouFoto: ullstein bild - Agelou

Petros Markaris, gerade waren Kommunalwahlen in Griechenland. Für den verordneten Sparkurs hat die Regierung einen Denkzettel bekommen. Viele Griechen sind gar nicht erst zur Wahlurne gegangen. Wie soll es weitergehen? Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise in Griechenland?

Wir leben seit dreißig Jahren in einem Sumpf und haben geglaubt, dass es ein Kurort ist. Es ist aber kein Kurort, es ist ein Sumpf. Doch die Illusion des Kurorts lebt noch. Entweder kommen wir aus dem Sumpf heraus oder wir gehen unter, eins von beiden.

Sehen Sie Auswege aus der Krise?
Es muss sich vieles ändern. Jetzt reden alle vom Wachstum in Griechenland. Das ist doch blöd. Was wir als Wachstum in Griechenland hatten, das war Konsum. Konsum ist doch kein Wachstum. Ich habe einmal mit einem deutschen Journalisten gesprochen, der seit Jahren nach Griechenland kommt, und er hat mir gesagt: „Wissen Sie, Herr Markaris, damals, in den 60er Jahren, hatte Griechenland eine anständige Industrie und ein anständiges Gewerbe und sie haben was produziert und auch zu guten Preisen.“

Das ist alles weg?
Stimmt. Ist alles weg. Nicht mal der Tourismus funktioniert richtig in Griechenland. Weil alles zu teuer ist. Weil es keine Relation zwischen Qualität und Preis gibt in Griechenland. Diese Relation hat man in der Türkei, aber nicht in Griechenland. Krise hin oder her. Da sitzen Sie in einer Cafeteria in Athen im Zentrum und zahlen für den Cappuccino knapp fünf Euro. Immer noch!

In einem Interview haben Sie gesagt, die Griechen seien ein unsolidarisches Volk. Warum?

Foto: Regine Mosimann/Diogenes Verlag
Foto: Regine Mosimann/Diogenes Verlag

Die Griechen sind total unsolidarisch. Die griechische Gesellschaft ist parzelliert – jeder verteidigt seine eigenen Interessen. Jeder erwartet, der andere hat zu zahlen. Aber das geht nicht. Alle haben zu bezahlen. Man kann nicht bequem dasitzen und sagen: Die Regierung wird es machen. Das ist typisch griechisch. Die Bevölkerung muss mitmachen, und zwar ganz ernsthaft. Und das sehe ich noch nicht.

Sie haben in diesem Jahr keinen Krimi vorgelegt, Ihr Kommissar Kostas Charitos hat eine kleine Pause eingelegt. Sie selbst sind durch Griechenlands Metropole gestreift und haben verborgene Orte und untergegangene Viertel entdeckt und beschrieben. Eine Herzensangelegenheit von Ihnen?
Es war ein Genuss, aber auch sehr schmerzhaft. Denn ich habe noch einmal Athen entdeckt. Ich bin ja 1965 nach Athen gezogen, und da war Athen noch eine andere Stadt. Da waren diese Stadtteile, die mir am meisten gefallen, von Kypseli bis Ano Patisia, diese ganze Strecke, noch sehr lebendig.

Und wie sieht es heute aus?
Heute bestimmen Migranten aus vielen Ländern diese Stadtviertel und die alte Athener Kultur ist fast völlig verschwunden: traditionelle Tavernen mit der Garküche – nur noch schwer zu finden; die Konditoreikultur – weg; das Handwerk – so gut wie ausgestorben.

Aber Sie haben auch noch einige Spuren oder besser gesagt: Gerüche vom alten Athen gefunden. Sogar im Zentrum.
Athen war ja zum Teil auch orientalisch. Und um den Omonoia-Platz herum findet sich davon tatsächlich noch etwas. Sie finden auf der Athinasstraße die zentrale Markthalle mit frischem Fisch und Fleisch, Sie finden in den Querstraßen Kräuterläden oder eine Kaffeerösterei – also da kann man heute noch den Orient riechen. Und ich liebe diese besonderen Gerüche der Stadt. Und wenn ich ein bisschen Orient entdecken will in Athen, dann gehe ich dorthin und mache einen Spaziergang.

Sie verraten auch Ihren Lieblingsspaziergang um die Akropolis, Sie machen auf einige altherkömmliche Tavernen aufmerksam, die Touristen vielleicht sonst nicht finden. Sie bringen den Lesern auf unterhaltsame Weise die Stadt- und Sozialgeschichte Athens nahe. Haben Sie sich auch Geheimnisse bewahrt?
Nein. Aber ich habe diese Metrostrecke quer durch die Stadt gewählt, mit ihren 24 Stationen von Piräus bis Kifissia, weil man da alle sozialen Schichten während der Fahrt erkennen kann.

Was sollte der Fremde tun, um Athen zu entdecken?
Einfach mit der „Elektrischen“ von Piräus nach Kifissia fahren. Das genügt. Dann kennt man alles. Und wenn Sie dann, sagen wir: Mitte Juli, zwölf Uhr mittags mitten auf dem tosenden Omonoia-Platz stehen und immer noch nicht die Flucht ergriffen haben, dann werden Sie sich in Griechenland einleben.

Ist schon der nächste Kostas Charitos in Sicht?
Ja, ich arbeite derzeit am sechsten Fall. Der soll im kommenden Frühjahr zur Buchmesse in Leipzig vorliegen. Und darin schreibe ich über die Krise während der Krise. Also wieder ganz gegenwärtig. Und ich bin neugierig, wie ich das schaffe.

Das Gespräch führte Stefan Berkholz.

Das Buch zum Flanieren

Petros Markaris: „Quer durch Athen. Eine Reise von Piräus bis Kifissia“. Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger. Hanser Verlag, München 2010, 174 Seiten, 14,90 Euro

Petros Markaris, 1937 in Istanbul geboren, ist der Sohn einer Griechin und eines Armeniers. Mit seinem Kommissar Kostas Charitos hat er so etwas wie eine Kultfigur geschaffen

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