London : Taschenkrebs und falsche Wimpern

Der Brixton Market in London ist einer der größten Märkte für karibische und afrikanische Spezialitäten in Europa. Und dank einer Bürgerinitiative lebendiger denn je.

Julia Grosse

Die Anzeichen eines Hypes können ganz unterschiedlich aussehen. Auf dem Brixton Market begann der Boom mit einer Schlange. Mittags wuchs sie auf bis zu drei Meter an, an Samstagen streckte sie sich sogar, stets britisch akkurat, bis auf die Straße.

Worauf die Leute im Süden Londons so geduldig warteten? Londons beste Pizza! Das zumindest schwärmten die Medien, und eigentlich ist es die Natur eines Hypes, dass er nach dem Gipfel überzogener Erwartungen tief in das Tal der Enttäuschung rauscht. Doch die Gäste bei Franco Manca stehen immer noch Schlange. Und diese kleine Erfolgsgeschichte ist nicht der einzige Grund, warum durch die Gänge des Brixton Market derzeit eine fast euphorische Stimmung weht.

Der Brixton Market ist einer der größten karibischen Märkte Europas, ein Lehrstück in kreativer Flexibilität, die hier auf engstem Raum perfekt praktiziert wird: Von den bunt bemalten gläsernen Glasdachkonstruktionen, ab 1920 erbaut, blättert reizvoll die Farbe. Defekte Jalousien werden per Besenstil oben gehalten, ein Shop mit nigerianischen Liebesfilmen ist so groß wie eine halbe Telefonzelle, und im indischen Haushaltsshop haben auch noch ein Handyanbieter und ein Nagelstudio Platz. In der Luft hängen Gerüche aus geschlachtetem Fleisch, Räucherstäbchen, frittierten, karibischen Fleischpasteten und Kräutern.

Die Farben fließen vor dem Auge zusammen. Ein Bild aus afrikanischen Wachsstoffen, Yam-Wurzeln und frischen Tintenfischen. Hinter dieser nervösen Gleichzeitigkeit, die Touristen vielleicht als "Chaos" bezeichnen würden, steckt ein seit Jahrzehnten funktionierender wirtschaftlicher Mikro-Organismus: mehrere Millionen Pfund fließen hier jährlich in die Beautyläden für falsche Wimpern, die arabischen Fleischereien oder afrikanischen Gemüseläden.

Mo Bacchus streicht goldgelbes Mango-Chutney auf ofenfrisches Brot und überfliegt die Überschriften im Guardian. Die Designerin, für deren edle Taschen Amerikanerinnen einen Haufen an Versandkosten bezahlen, um sie zu besitzen, verbringt ihre Mittagspausen mit Vorliebe auf dem Markt.

In den vergangenen Jahrzehnten war der Brixton Market fest in der Hand der Einwanderer. Doch nun streifen plötzlich junge Kunststudentinnen durch die Gänge und kaufen am Haushaltswaren-Stand einer alten, schwarzen Dame ihre Lockenwickler. Oder Modemacherinnen wie Mo Bacchus stellen sich brav eine viertel Stunde an, um bei Franco Manco Büffel-Morzarella-Pizza zu essen.

Heute Mittag probiert die Designerin Konzept-Küche: die Besitzer des Brixtoncornercopia bereiten ihre Speisen nach Rezepten zu, die ihnen Leute aus der Nachbarschaft verraten haben. Lokal und extrem lecker. Im Bonbonladen Sweet Tooth gegenüber gibt es Toffees, Lakritz, Kaugummis oder Marshmallows, verlockend dekoriert in großen, gläsernen Tante-Emma-Gläsern.

Vor allem hier, im hinteren Teil des Marktes, dem sogenannten Brixton Village, passiert und funktioniert derzeit etwas relativ Einzigartiges: jenseits von Klassen, Religionszugehörigkeit, von kulturellen Szenen oder Altersgruppen arbeiten hier unterschiedlichste Menschen auf engem Raum zusammen. Die junge Amerikanerin mit ihrem Vintageshop kichert mit einer Senegalesin, die nebenan Gewürze verkauft, gegenüber mischt sich seichter Jazz aus einem winzigen Retro-Dekoladen mit den grellen Pop-Charts aus dem Radio des alteingesessenen, britischen Fischhändlers. Noch vor einem Jahr war dieser hintere Teil des Marktes ein verlassenes Labyrinth aus Gassen und leeren, kleinen Ladenlokalen, die der Besitzer abreißen wollte.

Heute sitzen hier Bankangestellte und Bildhauer in ihrer Mittagspause und essen Muscheln, Cous Cous oder südamerikanische Fischsuppe, und das haben sie nicht zuletzt Alex Holland zu verdanken. Der Gründer der OrganisationFriends of Brixton Market war mitverantwortlich dafür, dass das Brixton Village heute überhaupt noch steht. "Die Besitzer wollten den Markt zum Teil abreißen und hier einen großen Supermarkt hinstellen. Doch wir haben es nicht nur geschafft, diese Pläne zu stoppen, sondern auch dafür gekämpft, dass der Markt heute unter Denkmalschutz steht!", sagt Holland und man hört den Stolz in seiner sonst eher nüchternen Stimme.

Hier geht es nicht um Gewinn, sondern um den Aufbau einer lokalen, kreativen Szene, und Franco Manco im vorderen Teil des Marktes hat damit definitiv einen wichtigen Anfang gemacht: Irgendwann zog einer nach dem anderen nach.

An das Reizwort Gentrifizierung wagt man sich hier derzeit noch nicht zu denken. Es herrscht eine alternative Ökonomie, die keine Labels braucht, keine Ketten, Filialen, Corporate-Identities. Seit dem vergangenen Jahr gibt es sogar eine eigene Geldnote. Das sogenannte Brixton Pfund sieht zwar aus wie Spielgeld, doch man kann problemlos damit auf dem Markt bezahlen und den lokalen, unabhängigen Handel stärken. "Vor allem wir Händler zahlen damit untereinander. Das klappt eigentlich sehr gut", sagt die Besitzerin des Bonbonladens Sweet Tooth und strahlt in perfektem, kariesfreien Zahnpastalächeln.

Designerin Mo Bacchus hat derweil ihr Mittagessen beendet und nippt an frischem Ingwertee. "Dieser Markt ist unheimlich wichtig. Hier bekommt die lokale Nachbarschaft die Vielseitigkeit von Londons Kreativität und Kulturen gebündelt serviert! Wenn ich mir heute die einst großen, berühmten Märkte wie Camden oder Portobello anschaue, auf denen es inzwischen immer mehr brandneue Ware made in China gibt, tendiere ich zunehmend zu weniger touristischen Stadtteil-Märkten, wie diesem. Hier kann man wenigstens noch fantastische Schnäppchen entdecken!"

Eine beigefarbene, lederne Abendtasche im Schaufenster bei Arline zum Beispiel, in die sich ein junges Paar verguckt hat. Kostenpunkt: acht Pfund. Die Studenten kramen beglückt in ihren Geldbeuteln. Wer in Arlines Boutique steht, fühlt sich wie ein Elefant im Porzellanladen. Ungewollt plump schiebt man sich vorbei an fragilen Keksdosen und glitzernden Overalls, als sei man in eine fünf Quadratmeter kleine Wunderkammer geraten.

Seit Januar wagt die zierliche Brixtonerin Arline mit den schwarzen Locken ihr Glück als Vintage-Boutique-Besitzerin, das Rejuvenate ist einer jener, raren Londoner Läden, in denen man tatsächlich noch auf ungewöhnliche Stücke zu unglaublichen Preis stoßen kann. "In Vintageboutiquen im coolen Osten der Stadt verlangen sie für unspektakuläre 80er-Fummel ungeniert 100 Pfund, weil sie wissen, dass die Touristen es ohnehin zahlen." Bei Arline kann man sich zum selben Preis komplett und sagenhaft einkleiden, samt Abendtasche und Goldpumps. "Derzeit sind der lange Donnerstag bis zehn Uhr abends und der Samstag unsere beiden wichtigsten Tage, an denen wir alle den besten Umsatz machen. Unter der Woche ist es, außer in den Mittagspausen, eher still", sagt sie und packt eine schöne, alte Gürtelschnalle aus. "Außerdem ist unsere Miete in den vergangenen Monaten stetig gestiegen."

Zwar ist die Bedrohung der Abrissbirne nun vom Tisch, doch ob das Brixton Village auf Dauer ein derartiges Kreativparadies bleiben wird, wissen die Shopbetreiber nicht. "Die Besitzer haben natürlich auch mitbekommen, dass sich plötzlich ein neues, zahlungskräftiges Publikum auf den Weg nach Brixton macht, um auf dem Markt Cous Cous zu essen oder günstige Vintage-Mode zu kaufen", sagt Arline. "Seitdem erhöhen sie regelmäßig die Mieten. Und wenn sie so weitermachen, stehen bald alle Ladenlokale im Village wieder leer und sie verdienen gar nichts mehr." Doch Arline ist Optimistin, sonst hätte sie ihren kleinen Laden im Markt erst gar nicht eröffnet. "Ich genieße diese Gleichzeitigkeit verschiedener Leute und Konzepte. Für uns alle ist es ein spannendes Experiment. Jetzt müssen wir nur noch sehen, wie dieses Experiment ausgeht."

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Anreise

Mit easyJet nach London Luton oder mit Ryanair und airberlin nach London Stansted.

Unterkunft

Hoxton Hotel, schickes, günstiges Designhotel im coolen Osten der Stadt. 81 Great Eastern Street, Tel. 0044 (0) 20 7550 1000, 205 Zimmer, DZ ab 59 Pfund, www.hoxtonhotels.com

The Main House, Bed & Breakfast mit fantastischen, bezahlbaren Suiten. 6 Colville Road, Tel. 0044 (0) 20 7221 9691, 4 Zimmer: DZ ab 110 Pfund, www.themainhouse.co.uk

Essen

Franco Manca: Londons beste Pizza. Unit 4, Market Row, Tel. 0044 (0)20 77 38 3021, http://francomanca.co.uk
Brixtoncornercopia: lokale Spezialitäten. 65, 4th Avenue, Brixton Village, Tel. 0044 (0)79 1954 2233)

Sweet Tooth: Süßes aus aller Welt. 66, 4th Avenue, Brixton Village, www.ilovesweettooth.co.uk
Einkaufen

Rejuvenate: kleines Vintageparadies. Unit 40, Brixton Village, www.rejuvenate-sfe.com, Tel. 0044 (0)7506152670

Circus: feine Interiorstücke. 5th Avenue, Brixton Village, Tel. 0044 (0)7736 679 676, http://circus5thave.blogspot.com

Adresse und Information

Electric Avenue, Brixton, Tube Station Brixton, www.brixtonmarket.net
Mo–Sa: 8–18 Uhr (Shops öffnen z.T. erst gegen 10 Uhr), langer Donnerstag im Brixton Village bis 22 Uhr mit Performances uvm.

Auskunft erteilt auch das Londoner Fremdenverkehrsamt Visit London: www.visitlondon.com

Quelle: Zeit Online

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