Schottland : Ein Hut voll Ironie

Glasgow, einst rußiges Aschenputtel, sieht nun aus wie frisch gewaschen. Tolle Bauten, große Kunst. Doch das Beste: die freundlich-offenen Bewohner.

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Glasgows Humor. Der Duke of Wellington vor der Gallery of Modern Art trägt meistens Verkehrshütchen.
Glasgows Humor. Der Duke of Wellington vor der Gallery of Modern Art trägt meistens Verkehrshütchen.Foto: pa dpa/Daniel Gammert

Noch neunmal schlafen, dann ist es so weit: Dann beginnen in Glasgow die Commonwealth Games. Seit Monaten schon sind die Glaswegians („Glaßwiedschens“ gesprochen) ganz aufgeregt. Es ist eine freudige Aufregung. Mögen andere Städte gebeutelt und genervt sein von solchen Großereignissen, Glasgow hat ihnen viel zu verdanken. 1990: Europäische Kulturhauptstadt, 1999: UK City of Architecture and Design, 2003: Europäische Sporthauptstadt. Mit jedem Titel kam nicht nur Geld, sondern vor allem Leben, neuer Schwung in die alte, gebeutelte Industriestadt.

Und neue Architektur. Jüngstes Glanzstück: das SSE Hydro von Norman Foster, eine rasante Sport- und Musikhalle am River Clyde für 14 000 Zuschauer, die im Herbst eröffnet wurde. Jetzt wird dort Netzball gespielt, eine der Spezialitäten der Commonwealth Games, diesen quasi Olympischen Spielen der Länder, die vom British Empire übrig geblieben sind, und bei denen auch Cricket und 7er Rugby auf dem Programm stehen.

Als Bill Bryson in den 70er Jahren nach Glasgow kam – damals noch kein Bestsellerautor, sondern junger Amerikaner auf großer Britannientour –, war er zutiefst schockiert. Etwas so Schwarzes, Schäbiges, Trostloses wie die heruntergekommene schottische Stadt hatte er noch nicht erlebt, erzählt er in seinem Buch „Reif für die Insel“.

Noch in den 70ern gab es keine Touristen, heute kommen 2,3 Millionen im Jahr

Heute schlendert man durch das neue Kunstzentrum Trongate 103, untergebracht in einem alten Gewerbegebäude, und stößt auf Bildbände mit Fotos, die erinnern an Brysons Eindrücke – und an „Oliver Twist“: rußgeschwärzte Slums, Kinder in Lumpen. Ein solches Elend, im Nordeuropa der 1960er Jahre, man traut seinen Augen kaum. Dagegen ging’s dem Ruhrgebiet, das ebenfalls mit dem dramatischen Untergang der Industrie zu kämpfen hatte, gold.

Bei seinem Besuch in den 70ern fiel Bill Bryson noch etwas auf: Es gab keine Touristen. Nicht einen einzigen, wie er betont. (Außer ihm selbst.) Heute kommen 2,3 Millionen im Jahr. Und 2014 werden es mit Sicherheit noch mehr werden. Denn das Jahr hatte noch nicht richtig begonnen, da erklärten alle möglichen Medien vom „Guardian“ über die „International Business Times“ bis zur „Marie Claire“ Glasgow zu einem der Top-Ziele, zum „Must-See“.

Inzwischen sieht die Stadt an vielen Stellen wie frisch gewaschen aus. Die meisten alten Gemäuer, natur oder rot, sind sandgestrahlt. Doch noch immer ist die Stadt nicht so lieblich und adrett wie das nahe gelegene Edinburgh. Wie in Berlin sieht man auch in Schottlands Hauptstadt der Kreativen Ruppiges, Hässliches, was die lebendige Stadt nur interessanter macht. Es gibt so viel zu gucken und zu tun, dass ein langes Wochenende kaum reicht.

Einfach so hineinspazieren und Kunst betrachten

Heute kommen die Touristen zum Shoppen und Essen, um Kunst anzuschauen oder Musik zu hören. Im November werden in Fosters futuristischem Hydro die MTV Europe Music Awards verliehen. Wo, wenn nicht hier? Schließlich wurde Glasgow 2008 zur „Unesco City of Music“ ernannt. Hier wurden Gruppen wie Franz Ferdinand groß, traten Oasis im legendären King Tut’s Wah Wah Hut auf, kann man jeden Abend in Pubs und Clubs Livemusik hören.

Glasgow Miracle, mit dem Ausdruck wurde ursprünglich das Wunder beschrieben, dass die schottische Arbeiterstadt eine solche Vielzahl erfolgreicher Künstler hervorgebracht hat: reihenweise Turner-Preisträger, die die Kunsthochschule von Charles Rennie Mackintosh besucht und in – preisgünstigen – Ateliers gearbeitet haben. Einer dieser Stars, Douglas Gordon, hat soeben eine große Ausstellung in der Gallery of Modern Art eröffnet. Der prächtige, mächtige, säulengeschmückte Bau, den die Galerie sich mit der Stadtbücherei teilt, war früher der finanzielle Umschlagplatz der Stadt, mitten in deren Zentrum. Dass die Menschen jetzt einfach so hineinspazieren und Kunst betrachten können – wie bei den meisten Museen der Stadt ist der Eintritt frei –, das gefällt Gordon ganz besonders.

People’s Palace, so heißt Glasgows populäres sozialgeschichtliches Museum, aber den Titel könnte man vielen Gebäuden umhängen, allen voran dem Kelvingrove Museum. In der gigantischen Wunderkammer ist von alten Rüstungen bis zu impressionistischer Malerei so ziemlich alles zu erkunden, was die Menschheit hervorgebracht hat. Zurzeit ist dort auch eine Ausstellung über Glasgows erste Blütezeit im 18. und frühen 19. Jahrhundert zu sehen. Vor allem am Wochenende zieht es Heerscharen von Familien hierher. Mehr als eine Million Besucher im Jahr zählt das Museum in der historischen Uni-Gegend.

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