Italien : Eine Lanze für Hannibal

Faenza, eine italienische Kleinstadt in der Emilia-Romagna, wird Ende Juni bunt. "Palio del Niballo“ wird fröhlich gefeiert – seit anno 1414.

Ulrich Traub
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Traditionsbewusst. Was in anderen Gegenden als Fayence bekannt ist, heißt in Faenza Majolika – und ziert manche Fassade. Foto:...

Die Renaissance geht aus: In farbenfrohe und mit Wappen geschmückte Gewänder gehüllt spazieren Menschen durch die Stadt, als wäre gerade ein öffentliches Kostümfest. Über den Gassen der Altstadt baumeln hunderte Fähnchen, Trommelwirbel erschallen. Keine Frage, in Faenza steht etwas Besonderes bevor.

Schon Tage vor dem großen Ereignis, dem Palio del Niballo, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1414 zurückreichen, schmückt sich die Stadt in der Romagna, der kleineren und weit weniger bekannten Hälfte der Emilia-Romagna, und stimmt sich auf das historische Spektakel ein. Es gilt wie in all den Jahren zuvor, den Angreifer Hannibal in die Flucht zu schlagen. Was sich martialisch anhört, ist tatsächlich ein folkloristischer Wettkampf, den die fünf Stadtviertel Faenzas, die Rioni, gegeneinander austragen. Niballo, eine italienische Verballhornung des Namens Hannibal, der die alte Stadt in römischer Zeit belagerte, fungiert heute lediglich als Zielscheibe.

„Unser Palio ist lebendiger denn je“, freut sich Giorgio Banchini vom Rione Bianco, dem weißen Viertel. „Auch viele junge Leute aus unserem Stadtteil nehmen an den Umzügen und Aktivitäten rund um den Palio teil, als Musiker und als Fahnenschwenker oder als Kostümschneider und Hutmacher hinter den Kulissen.“ Nein, Touristen kämen kaum, die führen lieber nach Siena, weiß der Rentner, der früher als Kulturbeauftragter des Rione auch Palio-Veranstaltungen koordiniert hat. „Dabei können die bei uns noch was erleben.“ Denn während der Palio in Siena meist schon nach ein paar Minuten vorbei sei, dauere er in Faenza mindestens zwei Stunden – der reine Wettkampf, wohlgemerkt.

Am Tag des Palio, dem vierten Sonntag im Juni, ist die ganze Stadt auf den Beinen. Man erkennt die Fans der einzelnen Viertel an ihren auf die Farbe des Rione abgestimmten Kostümen. Mit dem weißen konkurrieren das schwarze, das rote, das grüne und das gelbe Viertel um den Sieg beim Palio. Aber noch geht es friedlich zu. Aus allen Richtungen drängen die Menschen zum Kirchplatz ins historische Zentrum, zur markanten Kathedrale im Stile der Frührenaissance.

Langgestreckt mit Palästen und Arkadengängen aus dem 12. und 13. Jahrhundert wirkt der benachbarte zweite Platz repräsentativer. Hier treffen sich die Abordnungen der Rione, jeweils angeführt von einer Belladonna, einer schönen Frau. Ihr folgt der Ritter, der später für sein Rione um den Sieg kämpfen wird. Beide sind zu Pferd. Nachdem die Fahnenschwenker ihre Kunst gezeigt haben, die sie in der ganzen Welt berühmt gemacht hat, formiert sich der Festzug. Vasallen präsentieren dem Volk die Trophäen, um die gestritten wird: das Tuch, ein historisches Stoffbanner für den Sieger, sowie ein Schwein und ein Huhn. „Die Viecher sind heute allerdings aus Kunststoff“, fügt Giorgio Banchini hinzu.

Im Stadion wird es dann ernst. Die Holzpuppe Niballo hält zwei jeweils nur acht Zentimeter große Zielscheiben in ihren Händen. Die sollen nun von Lanzen getroffen werden. Immer zwei Ritter pro Durchgang werfen sich auf die Sättel ihrer Pferde und galoppieren in entgegengesetzter Richtung los. Lautes Gejohle der in die Farben der Rioni gehüllten Anhänger feuert sie auf ihrer halsbrecherischen Runde an. Ohne ein hohes Maß an reiterischem Können und Geschicklichkeit ist hier nichts zu holen. „Die fünf Ritter trainieren das ganze Jahr für diesen einen Auftritt“, erzählt Palio-Experte Giorgio und fügt stolz hinzu: „Es sind alles Amateure.“

Dieses Mal gewinnt der Favorit. Aber das ist fast nebensächlich. Gesiegt hat wieder einmal die Tradition und das gesellige Zusammensein, denn natürlich treffen sich die Rioni-Bewohner am späteren Abend zu einem Festessen in ihrem Stadtteil. „Besucher sind bei uns willkommen“, sagt Giorgio Banchini lachend. Das Rione Bianco feiere im Innenhof des Klosters der alten Kirche eines Ritterordens. „Hier befindet sich auch unser Palio-Museum“, ruft er zum Abschied.

Faenza – klingt da nicht ein ähnlicher Begriff mit? Die Assoziation zu Fayence ist nicht aus der Luft gegriffen. Faenza ist schon seit römischer Zeit die Hauptstadt der Fayence, die jedoch ihren Namen erst in späterer Zeit in Frankreich erhielt. In ihrer romagnolischen Heimat bezeichnet man glasierte Keramik bis heute als Majolika. In über 40 Ateliers in der kleinen Stadt wird sie heute noch hergestellt – mal skulptural, mal als Gebrauchsgegenstand, mal klassisch mit historischen Motiven, mal schrill geformt und gefärbt.

Auch eine erfahrene Keramikerin wie Silvana Geminiani liebt den „Kampf mit dem Material“, wie sie es ausdrückt. „Das ist wie eine Droge.“ Vor allem die schwierige Lochtechnik, bei der die Form zu einem Gittermuster durchstoßen wird, hat es der Künstlerin angetan. „Die Kunden sollen erkennen, dass alles mit der Hand hergestellt wird“, sagt die Keramikerin und greift einen feinen Pinsel, um den Teller, den sie gerade geformt hat, mit einem Aquarell zu verzieren.

Das Motiv zweier ineinandergreifender Hände ist das Logo der Töpfer aus Faenza. Es hängt an jeder traditionellen Werkstatt. „Bekanntestes Motiv ist aber das Pfauenfedermuster“, erklärt Silvana. Es weise auf die Geliebte eines Stadtregenten aus der Renaissance hin. Die hieß Pfau mit Nachnamen. Ganz ohne Geschichte geht’s eben nicht in dieser Stadt. Ob sie denn auch beim Palio gewesen sei? „Was für eine Frage, natürlich“, ruft sie, fast empört. „Er gehört doch zu Faenza wie die Keramik.“

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