Italien : In den Kulissen von Don Camillo und Peppone

Wer in der Emilia Romagna radelt, entdeckt viel Kurioses. In Busseto etwa baute man Verdi ein schönes Theater. Zu groß, fand er – und ging nie hin.

Stefanie Bisping
321549_0_ea6f784d.jpg
Emilia Romagna wie aus dem Bilderbuch. Bei Ferrara strampelt der Radurlauber bereits dem Podelta entgegen. Foto: MauritiusCuboImages

Schnurgerade erstreckt sich die Landstraße bis zum Horizont. Im Graben quaken Frösche, Reiher spazieren durch die Felder. Ab und zu kommt ein Auto vorbei, gelegentlich ein Radfahrer entgegen. Die Sonne steht tief, die Hitze des Tages löst sich auf. Die Landschaft ist so unspektakulär wie idyllisch: Schlanke Pappeln säumen die Straßen, hier und da ist ein Gehöft mit rotem Ziegeldach zwischen die Felder getupft. Menschliche Ansiedelungen sind höchstens Kleinstädte, eher aber Dörfer. Unmittelbar leuchtet ein, weshalb die Po-Ebene das meistberadelte Gebiet Italiens sein soll. Das Land ist flach. Aber man macht hier auch Entdeckungen, die bei schnellerem Tempo womöglich am Wegrand verborgen blieben.

Eine heißt Culatello: Hauchdünner Schinken, wunderbar duftend und so zart, dass er im Mund zu schmelzen scheint. Massimo Spigaroli stellt ihn auf seinem Gutshof Antica Corte Pallavicina im Sprengel Polesine Parmense in der Nähe von Busseto nach alter Tradition her. Dieser Schinken ist mit nichts zu vergleichen. Auch wenn die Menschen in Parma das nicht gerne hören. Der Koch und Biobauer Spigaroli ist einer von nur 20 Herstellern, die Culatello nach strengen Vorgaben – von der Diät der Schweine bis hin zu den Fenstern im Lagerkeller, von denen die dem Po zugewandten stets offen sein müssen, damit der hereinziehende Flussnebel das Aroma präge – innerhalb eines genau festgelegten Gebiets in der Po-Ebene herstellen.

Mit leuchtenden Augen spricht Spigaroli von seiner Leidenschaft: Schinken. Sein Urgroßvater belieferte bereits den Komponisten und nahen Nachbarn Guiseppe Verdi mit Culatello, er selbst tauscht mit einem weiteren überzeugten Biobauern Schweine und Fachwissen aus: Prinz Charles. Der lud ihn nach England ein, damit Spigaroli ihn in die Geheimnisse des Schinkens einweihen möge. Nun mästet der Italiener die eigens hergebrachten Schweine des Prinzen.

Inmitten der Wiesen, auf denen sich die schwarzen Schweine der Rasse „Nero di Parma“ wälzen, liegt Spigarolis Gutshof, zu dem neben dem Keller mit 5000 Schinken auch sieben Gästezimmer gehören. 1320 wurde er von der Adelsfamilie Pallavicina am Ufer des Po errichtet. Massimos Urgroßvater mietete 1882 das Schlösschen, das eher wie eine Festung wirkt. 1990 kaufte es der Urenkel und begann die Restaurierung, die 18 Jahre dauern sollte. Heute sitzen im Hof Gäste, während Pfauen Räder schlagen und der Hausherr Schinken und Salami reicht, bevor er ins Restaurant geht, um zu kochen.

Die Attraktionen der Umgebung lassen sich auf Schotterwegen und Landstraßen erradeln. 47 Jahre lebte Giuseppe Verdi mit seiner zweiten Frau Giuseppina Strepponi, einer Sängerin, in einer drei Kilometer außerhalb Bussetos gelegenen Villa. Mehr als 20 Opern schrieb er im Schlafzimmer – und zwar meist nachts, am Schreibtisch neben dem Bett. Ein Instrument brauchte er nicht, um zu komponieren. Stattdessen brachte er die Melodien aus seinem Kopf direkt zu Papier. Wie eingefroren wirkt das Parterre der Villa – als wäre der Komponist eben auf die Terrasse getreten, um an dem weißen Gartentisch, der wie jedes Möbelstück hier aus seinem Besitz stammt, Platz zu nehmen.

Nur die Vitrinen mit Briefen und Kompositionen und das Sterbebett im letzten Raum, der samt originalem Bett und Nachthemd jenem Zimmer im Gran Hotel Milan nachgebildet ist, in dem er am 27. Januar 1901 einem Schlaganfall erlag, erinnern daran, dass dies ein Museum ist. Den Rest der in einem großen Park gelegenen „Villa Verdi“ bewohnen seine Nachfahren.

Warum Verdi, der so berühmt und vermögend war, dass man ihn überall mit offenen Armen empfangen hätte, sich für das Leben auf dem Land entschied, weiß man nicht. Bodenständigkeit, Sturheit oder eine Mischung aus beiden mögen den nur ein paar Kilometer weiter in Roncole geborenen Komponisten dazu bewogen haben. In Busseto baute man eigens für den berühmten Bewohner ein schönes Theater. Doch Verdi trat hier niemals auf – er fand den Bau zu teuer und ein Theater mit 400 Plätzen unverhältnismäßig für ein Städtchen mit 7000 Einwohnern. Auch Pavarotti, der im nicht allzu weit entfernten Modena lebte, kam niemals her, erzählt die Führerin bedauernd.

Am Essen kann das jedenfalls nicht gelegen haben. Falls es in Italien Regionen gibt, in denen die Nahrungsaufnahme nicht mit der Ehrfurcht behandelt wird, die einstmals religiösen Belangen gegolten haben mag, so gehört die Emilia Romagna nicht dazu. Das beweisen Parma, Ursprungsort eines gleichnamigen Schinkens; Ferrara, das die Reihe nationaler Großtaten um mit Kürbis gefüllte Tortellini ergänzt hat; sowie Modena, die Heimat von Pavarotti selbst und vom teuren Aceto Balsamico tradizionale, von dem schon wenige Tropfen ausreichen, um ein Kalbsfilet oder auch ein Dessert unvergesslich zu machen. Vom Parmesan und Nahrungsergänzungsmitteln wie gutem Lambrusco gar nicht zu reden.

In den ebenso schönen wie historischen Städten kann man aber nicht nur gut essen, sondern auch an jeder Ecke Fahrräder mieten. Wer es ernst meint mit dem Radeln, ist indessen gut beraten, das eigene Rad mitzubringen. Denn schon gute 20 Kilometer auf den oftmals recht klapprigen Leihrädern, deren Sättel anbieterübergreifend in klar menschenverachtendem Geist gestaltet wurden, führen zu Schmerzzuständen, über die auch der Anblick der Uferböschungen des Po, der stillen Dörfer und schönen Anwesen kaum hinweghilft – und bei denen Witze über den Namen des Flusses da unten nicht mehr komisch sind.

Auf gut 300 Kilometern ist das rechte Ufer des Po von Piacenza bis zur Mündung in die Adria als Radweg „Destra Po“ ausgeschildert. Neben der Flusslandschaft sind seine Attraktionen Schlösser des Herrschergeschlechts der Este und kleine Dörfer wie Brescello. Dort wurden zwischen 1951 und 1965 fünf Filme nach den Erzählungen Giovannino Guareschis gedreht. Seine Helden Don Camillo und Peppone, ein gewitzter Geistlicher und ein kommunistischer Bürgermeister, die menschlich mehr verbindet, als sie ideologisch voneinander trennt, locken bis heute Filmfans nach Brescello.

Nur kleine Abschnitte des Wegs sind ausschließlich Radlern vorbehalten. Landstraßen und Abschnitte, die mit Fähren zu bewältigen sind, gehören ebenso dazu wie Deiche, die weite Blicke über Wiesen, Felder und Fluss bieten. Der Regionalpark Podelta, den die Unesco zum Weltnaturerbe zählt, sieht noch so aus wie einstmals das ganze Mündungsgebiet: Wasser, Schilf, Wasservögel und der Gesang bienengroßer Mücken prägen die Natur, Carnaroli-Reis, Aal und Meeresfrüchte die Speisekarten.

Jenseits des Städtchens Mesola, wo sich Herzog Alfonso II. d’Este ein Jagdschlösschen für den Sommer eingerichtet hatte, scheint die Welt fast zu Ende zu sein. Dann taucht Goro unterhalb des Deichs auf – Heimat der Sängerin Milva und berühmt für die Zucht von Venusmuscheln. Der Radweg endet im Fischerdorf Gorino di Goro. Dort dampfen im Ristorante Uspa bereits Schüsseln voller Muscheln und Meeresfrüchte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben