Skifahren in Südtirol : Hunderte Sterne ganz nah

Die Lagazuoi-Hütte in Südtirol liegt auf 2800 Metern Höhe. Wer hier übernachtet, findet anderntags in aller Frühe sein Glück auf einsamen Pisten.

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Gleich lugt die Sonne hervor. Im Morgengrauen ist es eisig kalt auf der Terrasse, sogar die Krähen schlafen noch.
Gleich lugt die Sonne hervor. Im Morgengrauen ist es eisig kalt auf der Terrasse, sogar die Krähen schlafen noch.Foto: Jürgen Löhle

Halb drei in der Nacht. Schlafen? Kein Gedanke. Die Luft ist dünn auf knapp 2800 Metern, die enge Kammer mit den Stockbetten erinnert an ein Schullandheim. Kinderferien, bei den meisten hier oben lange her. Sehr lange. Und dann noch der Fehler mit dem Rotwein am Abend. Alkohol fördert auch das Schnarchen. Gefühlt haben in diesem Raum alle wohl etwas zu viel getrunken. Zumindest hört es sich so an. Aber dafür sollen wir in vier Stunden, wenn die Sonne aufgeht, mit einem Spektakel belohnt werden, das die Nacht im Bettenlager vergessen lässt.

Sonnenaufgang über den Dolomiten, die mächtige Marmolada und die Felsformationen der Cinque Torri im Blick. Danach steht eine 13 Kilometer lange Abfahrt hinunter nach Armentarola auf dem Plan. Und das, bevor die erste Gondel vom Falzarego-Pass herauf andere Skifahrer in den jungen Morgen entlässt. Da sind wir dann schon auf dem Weg – durch eine wilde Dolomitenlandschaft auf einer perfekt präparierten Piste. Die Bullys haben wir am Abend losfahren sehen.

Die Lagazuoi-Hütte ist nur wenige Kilometer von den lebhaften Skizentren in Alta Badia wie St. Kassian, Arabba oder Corvara entfernt. Und doch wähnt man sich in einer völlig anderen Welt. Mit dem Bus oder Minitaxi geht es von St. Kassian hinauf auf den Falzarego-Pass. Dort oben ist die Grenze zwischen Südtirol und Belluno, am anderen Ende der Bergstraße liegt Cortina d’Ampezzo. Von der Passhöhe führt eine Gondel hinauf auf den Lagazuoi. 800 Höhenmeter fast senkrecht nach oben, das Seil hängt frei, keine Masten, nur eine Station unten und eine oben, geduckt im Fels. Die Trommelfelle knacken bei der dreiminütigen Fahrt, das Herz pocht. Wer Höhenangst hat, sollte besser in der Mitte stehen. Oder die Augen schließen. Oder beides.

Nach dem Grappa ist eh alles egal

Oben pfeift der Wind, die rund 30 Meter mit geschulterten Ski und Gepäck von der Bergstation über metallene Stufen hoch zur Hütte schlauchen den Flachländer. Man schnappt nach Luft, Sauerstoff ist knapp. Rein in die Hütte, Rucksack aufs Stockbett, ein kleines Bier zur Begrüßung in der mollig warmen Stube. Hüttenwirt Guido Pompanin erklärt die Regeln: Das Lager, mit bis zu zwölf Betten pro Kammer und 26 Euro die Nacht ist im Parterre, oben, über dem Gastraum, gibt es Zwei- bis Vierbettzimmer für 35 Euro pro Bett. Duschen befinden sich nur unten. Wer sie nutzen will, braucht einen Chip für warmes Wasser – und viel Gefühl für die richtige Stellung des Mischers. Zwischen kochend heiß und eiskalt liegen nur Millimeter. Immer wieder wabern Dampfwolken und deftige Flüche aus den Kabinen. Aber wir sind ja keine Wellnessgäste. Und für eine Nacht geht das schon.

Noch ein Blick aus dem Fenster. Hunderte Sterne, ganz nah, aus den Tälern blinken die Lichter der Skiorte, an einem Hang der Cinque Torri malen Pistenraupen Lichtfinger in den Schnee.

Draußen auf der Terrasse liegt die Schäferhündin im eisigen Wind und schaut den Krähen zu, die in der Dämmerung um die Hütte segeln und immer wieder elegant auf der Brüstung landen. Drinnen hantiert der Koch mit großen Pfannen und beweist, dass Südtirol zu Recht kulinarisch so oft gelobt wird. Spinatknödel mit frischem Parmesan, Pilze auf Tagliatelle, Rinderfilet mit Ratatouille und Polenta. Dazu schwerer Lagrein. Später, wenn man die Höhenwarnung vergessen hat, Espresso und Grappa.

Hüttengemütlichkeit. Der Wirt sagt, dass kaum ein Abend vergeht, an dem nicht einer nach der Gitarre fragt. So wie heute. Die Akkorde C, F und G reichen für fast alle Lieder, die man noch so kennt. Und nach dem Grappa ist eh alles egal. Singen wir halt. Ein Gast beherrscht sogar A-Moll auf den Saiten. Das reicht für „House of the rising sun“.

Hier oben funkeln die 70er Jahre. Dabei hat das Handy vollen Empfang und man kann für fünf Euro ins Internet. Wenn man denn unbedingt will.

Raus auf die Piste

74 Plätze hat die Hütte, meist kommen Gruppen, erzählt Guido Pompanin. Aber auch Familien, die für eine Nacht dem normalen Skitourismus entfliehen wollen. So gegen Mitternacht wird es ruhig in der Stube, wer die Sonne aufgehen sehen will, bekommt nicht viel Schlaf. Frühstück gibt es von halb acht bis halb neun. Die Eier muss man sich selbst im Wasserbad kochen. Aber mindestens acht Minuten, sonst sind sie glibberig. Auf dieser Höhe kocht Wasser weit unter 100 Grad.

In Skiklamotten und bei minus 15 Grad auf die Terrasse. Ganz nah am Himmel, graue Wolkenfetzen werden langsam rötlich, die Sonne lugt hinter der Marmolada hervor. Welch ein Schauspiel. Das ist die kurze Nacht wert. Raus auf die Piste. Kein Mensch außer den Gästen zu sehen, selbst die Krähen schlafen noch. Vor uns ein perfekt gewalzter Schneeteppich inmitten einer zerklüfteten, hochalpinen Landschaft. Der Hund bellt zum Abschied, los geht’s. Carven, wie wenn man mit einem Messer Butter schneidet – und Platz ohne Ende. Wie überall in der Region von Dolomiti Superski sind sie auch hier Meister im Präparieren. Wieder hüpft das Herz, aber jetzt vor Glück.

Kurz vor Ende der Piste, in einem Hochtal unterhalb der Baumgrenze, liegt rechts die kulinarisch hoch dekorierte Scotoni-Hütte. Noch niemand da. Vorbei an einem gefrorenen Wasserfall, ein letzter Steilhang, dann wird es immer flacher, die letzten zwei Kilometer sind so, dass man sich – Stockeinsatz für Stockeinsatz – mühsam voranschieben muss. Die Alternative: Für zwei Euro kann man sich von Pferden bis zur Straße ziehen lassen. Aber auch die vierbeinigen Taxis schlafen noch.

Dann sind wir zurück in der technisch vollgestopften Moderne. Der erste Lift von St. Kassian ist erreicht, der Einstieg ins ganz normale Skigebiet. Menschen wuseln umher, Alpenfolklore dröhnt aus einem Lautsprecher. Wir fremdeln.

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