Umbrien : Wo das Mittelalter blitzt

Das grüne Herz Italiens birgt Schätze wie Assisi und Perugia. Wurst und Schinken locken Feinschmecker nach Norcia.

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Steinreich. In Assisi und anderen Mittelalter-Städten Umbriens darf man staunen, wie meisterlich bereits im 6. bis 15. Jahrhundert gebaut wurde.
Steinreich. In Assisi und anderen Mittelalter-Städten Umbriens darf man staunen, wie meisterlich bereits im 6. bis 15. Jahrhundert...Foto: Gerd W. Seidemann

Es herrscht ein nicht abreißen wollendes Kommen und Gehen, Gedränge und Geschubse. Die Basilika San Francesco hat wirklich einiges zu erdulden. Fotos vor dem Portal, erst die Gruppe, dann natürlich auch alle mal einzeln. Und noch ein Selfie, selbstverständlich. Ach, schau dort drüben, fernöstliche Nonnen in Tracht – stellt euch doch eben mal dazu… Kurz vor dem Himmel herrscht also Jahrmarkt.

Dabei sollte an diesem größten Anziehungspunkt von Assisi, Geburtsort des heiligen Franziskus, eigentlich Ruhe herrschen. Auch in der Kirche und zumal an einem Sonntag wie heute, wenn Einheimische und ernsthafte Pilger die Zeit haben, sich in stiller Andacht zu verlieren. Den zahllosen „predigenden“ Reiseleitern mit ihren vielköpfigen Gruppen wird sonntags in den heiligen Hallen gottlob der Mund verboten. Immerhin.

Allein, gegen Kinder, die sich mit stärkster Lungenkraft gegen den Besuch des dunklen, kühlen Gotteshauses wehren, und Eltern, die allesamt taub zu sein scheinen, wird zumal in Italien wohl keine Regel erfunden werden (dürfen). An Werktagen allerdings bekommt San Francesco das Prädikat „absolut besuchenswert“. Wie Assisi und die Region Umbrien überhaupt.

Ganz Umbrien ist nichts für Fußlahme

Umbrien hat ja einen überragenden Vorteil. Zumindest aus Sicht des Reisenden, der mal einen tieferen Blick in alt-römische und etruskische Geschichte werfen möchte: Es grenzt nicht ans Meer. Die Gefahr, an historischen Stätten von marodierenden Strandurlaubern überrannt zu werden, denen ein „Ausflug ins Landesinnere“ aufgeschwatzt wurde, ist also begrenzt.

Die Tourismusmenschen in Umbrien bedauern zwar manchmal ihre geografische Lage zwischen der gewiss nicht zu Unrecht gerühmten Toskana im Norden, dem Latium mit Rom im Südwesten und den adriatischen Marken im Osten. Doch insgeheim sind sie schon froh, dass sie vornehmlich von Menschen besucht werden, die sich für Kultur und Geschichte interessieren. Nun ja, Assisi ist da an Wochenenden eine Ausnahme…

Das sei noch vorausgeschickt: Diese Stadt, wie andere und überhaupt ganz Umbrien, ist nichts für Fußlahme. Denn das Land ist hügelig, entsprechend auch die Ortschaften, die oft und aus gutem Grund in erhöhter Lage gebaut wurden. Zudem begibt sich der Besucher geradewegs ins Mittelalter, das hier so wunderbar anschaulich wird, zumindest was die Baukultur betrifft. Dicke Natursteinmauern, enge Straßen, noch schmalere Gassen, steile Treppen sowie reichlich Pflaster, auf dem sich hochhackiges Schuhwerk verbietet. Wie manch Einheimische es dennoch schafft, unfallfrei über Katzenköpfe und ausgetretene Stufen zu kommen, bleibt ein Rätsel.

Assisi also. Ein wahres Juwel und viel besungen. Es wäre müßig, gar unerhört, an dieser Stelle den Versuch zu unternehmen, die Stadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten zu beschreiben. Wir müssten schlechterdings an der Oberfläche dümpeln, empfehlen stattdessen ausnahmsweise einen Reiseführer (etwa den DuMont Kunst-Reiseführer „Umbrien“), in dem auch der Stadt viel Platz und historischer Sachverstand gewidmet wird.

Die Piazza von Bevagna gilt als der schönste Platz der Region

Wir huschen hingegen hinüber nach Bevagna. 5000 Einwohner, ruhig, beschaulich, sehr mittelalterlich – und im Tal gelegen. Der Altstadtkern ist noch komplett von einer Stadtmauer umgeben, innerhalb derer die wechselvolle Geschichte komplett abgebildet ist. Von den Resten eines römischen Tempels und eines Theaters, die im Mittelalter schlicht mit Häusern überbaut wurden, doch heute geschickt freigelegt und zu bestaunen sind, bis zur Piazza Silvestri, die von gleich drei Kirchen aus dem 12. bis 14. Jahrhundert umstanden ist und einen mittelalterlichen Platz wie aus dem Bilderbuch darstellt. Es wird behauptet, es sei der schönste Platz Umbriens.

Feinschmecker zieht es noch ein Stück weiter, nach Norcia. Schinken und Würste hängen vor Ladentüren, künden von den Schätzen, die vor der Stadt im grünen Valnerina Tal gehoben und hier verkauft werden. Die Altstadt ist, wie sollte es anders sein, von einer kompletten mittelalterlichen Mauer umgeben. Die Häuser sind auffallend niedrig gehalten, keines weist mehr als zwei Stockwerke auf. Nicht als Reverenz an die Ästhetik, sondern auch Norcia ist Erdbebengebiet, wie weite Teile Mittelitaliens. L’Aquila in den Abruzzen und auch Assisi wissen ein traurig Lied davon zu singen.

Giuseppe Faustis Schweine hatten ein glückliches Leben.
Giuseppe Faustis Schweine hatten ein glückliches Leben.Foto: Gerd W. Seidemann

Vor den Toren Norcias kommt der Besucher Wurst und Schinken auf die Spur. Wir treffen Giuseppe Fausti. Ein ambitonierter Schweinebauer, rotwangig und wohl beleibt. Auf rund 100 Hektar baumbestandener Weidefläche lässt er seinen 600 Borstenviechern freien Auslauf, schaut ihnen nur zu, wie sie sich an allem was sie finden kugelrund fressen.

Nach etwa anderthalb Jahren kommt in der Regel die Stunde der Wahrheit: Fausti lässt schlachten, doch verwurstet alles selbst („kommt nur Pfeffer, Salz und Knoblauch dran, sonst nix“). Für die Vermarktung sind – natürlich – Frau und Kinder zuständig. Es sei nicht ganz einfach, seine Kollegen von dieser Art Tierhaltung zu überzeugen, doch seine Erträge für das hochwertige Fleisch ließen inzwischen manchen ins Grübeln kommen. Doch noch sei er als „grüner Landwirt“ allein auf weiter Flur.

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