Kroatien : Die teuren Sommer des Präsidenten

Veli Brijun ist ein Inselchen vor der kroatischen Küste. Ein Luxusort, für Tito und seine Freunde. Nun dürfen Touristen kommen.

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Nackte Tatsachen waren auch früher kein Tabu auf Brijun – wird gemunkelt. Titos Privatleben soll sehr „facettenreich“ gewesen sein.
Nackte Tatsachen waren auch früher kein Tabu auf Brijun – wird gemunkelt. Titos Privatleben soll sehr „facettenreich“ gewesen...Foto: IMAGO

Reden? Der Giovanni? Keine Chance! Der ist verschwiegen wie ein Grab. Wie er heißt, okay, das verrät er noch. Aber wie alt er ist, ob er Kinder hat, wie er an seinen italienischen Vornamen kommt und ob er Josip Broz Tito persönlich kannte ... das sagt er nicht. Dabei hätte er viel zu erzählen. Zum Beispiel, wen er gestern für 700 Euro eine Stunde lang über die Insel Veli Brijun chauffiert hat. Oder von dem österreichischen Journalisten, der ihn doch tatsächlich fragte, ob Kroatien das Brijuni-Archipel an ausländische Investoren verkaufen wolle. Giovanni hat auch diese Kühnheit mit Schweigen bestraft.

Punkt neun Uhr legt die „Perojca“ in Fazana ab. Für die drei Kilometer vom Festland bis zur Insel Veli Brijun braucht der betagte Dampfer rund 20 Minuten. In dieser Zeit holt Giovanni den Cadillac aus der Garage, startet den 350-PS-Motor und lenkt das 1953 in Detroit vom Band gelaufene Fossil zum Pier der Insel. Dort stellt er den Wagen ab und harrt der Dinge, die da kommen. Doch er hat Pech. Auf der Perojca sind nur Tagesausflügler. Die drücken sich an seinem blechernen Anachronismus zwar die Nasen platt, aber eine Inselrundfahrt will keiner buchen. Zu teuer! Giovanni hebt die Augenbrauen. Zu teuer? Nein! Schließlich ist sein Cadillac kein x-beliebiger Oldtimer, sondern ein Fleetwood Eldorado, also so etwas wie der Maybach der amerikanischen Autogeschichte und obendrein ein Geschenk kroatischer Emigranten an J. B. Tito persönlich.

Apropos Tito: 1893, als Jugoslawiens Máximo Líder noch in dem kleinen kroatischen Hinterlanddorf Kumrovec in der Wiege liegt, stürzt im weit entfernten Mähren ein gewisser Paul Kupelwieser in eine ausgewachsene Midlife-Crisis. Der 51-jährige Österreicher hat bis dahin eine kometenhafte Karriere hingelegt, ist Generaldirektor der Witkowitzer Eisenwerke, wirtschaftlich auf Rosen gebettet, aber möchte statt Staub und Stahl endlich einmal etwas wirklich Großartiges in seinem Leben machen. Kurz entschlossen kündigt er. Und kauft die Brijuni-Inseln. Aus den 14 kleinen Adriasprossen vor der Südwestspitze Istriens, so seine Idee, soll ein maritimes Urlaubsjuwel für den europäischen Hoch- und Geldadel entstehen. Bei genauerem Hinsehen hätte er wohl die Finger davon gelassen, sprich: Der vermeintliche Ort der Seligen entpuppt sich als unappetitliches Sammelsurium aus Dornengestrüpp und Malariaerregern.

Doch Kupelwieser ist kein Träumer. Als kühler Entscheider und rational Handelnder telegrafiert er Robert Koch; der zukünftige Nobelpreisträger und Bakteriologe rottet die Blutsauger aus, dann verwandelt der Wiener Architekt Eduard Kramer das hässliche Entlein in einen strahlend schönen Schwan. Nobelhotels entstehen, eine Wasserleitung vom Festland aus wird gebaut, Gärten und schattige Alleen angelegt, ein Strandbad aufgeschüttet, ein für die damalige Zeit revolutionäres Winterhallenbad gesellt sich dazu, kurzum: Kupelwieser legt einen glamourösen Luxusliner auf Kiel, von dem aus man – frei nach Hildegard Knef – das Mittelmeer pachten und herrlich die – proletarische – Küste verachten kann.

Der Erste Weltkrieg markiert den Anfang vom Ende. Europa steht in Flammen, die Protagonisten des luxuriösen Müßiggangs gehen vaterländischen Pflichten nach, Kupelwiesers Urlaubsjuwel wird österreichischer Militärstützpunkt, Ende 1918 ist die k.u.k. Monarchie Geschichte, Istrien und damit die Inseln fallen an Italien. Nach dem Tod von Paul Kupelwieser 1919 in Wien tritt sein Sohn Karl das Erbe an, investiert, und baut neben einem Spielcasino und Tennisplätzen angeblich Europas ersten 18-Loch-Golfplatz. Der Erfolg bleibt nicht aus, der Hautevolee gefällt’s: 2400 Sonnenstunden und ein ganzjährig geöffneter „Schöner-Golfen-Platz“ füllen wieder die luxuriösen Betten. Doch schon nach wenigen Jahren brechen die Börsen ein, kollabiert die Weltwirtschaft. Das Luxusrefugium gerät ins Schlingern, 1930 nimmt sich Karl Kupelwieser das Leben.

Auf den steilen Aufstieg folgt leise der Abstieg. Die Adriasprosse wird erst italienischer, dann deutscher Militärstützpunkt und 1945 schließlich von den Alliierten in Schutt und Asche gelegt. Die Inseln wären wohl als Aktennotiz im Archiv verstaubt, hätte Tito nicht ihr präsidiales Potenzial erkannt. Getreu Kuppelwiesers Vision vom „Paradies“ für die Elite, kürt er die fünf Kilometer lange und drei Kilometer breite Hauptinsel Veli Brijun zu seinem Sommersitz.

Tito ist kein Kind von Traurigkeit, kein introvertierter Einzelgänger, der sich in einer entrückten Kartause vor der Freuden des Lebens verschließt. Im Gegenteil, der Schöpfer des jugoslawischen Vielvölkervulkans schätzt den Luxus, inszeniert sich gern selbst und pflegt – wie der „Spiegel“ süffisant anmerkt – ein „facettenreiches Privatleben“. In nur wenigen Jahren arriviert Veli Brijun zur schicken Oase für Stars und Staatsmänner aus Ost und West. Sophia Loren, Richard Burton, Fidel Castro und Willy Brandt – um nur einige zu nennen – wissen die Annehmlichkeiten des realsozialistischen Privatparadieses zu schätzen. Für Normalsterbliche ist das Archipel Terra incognita. Wer Glück hat, erhascht einen flüchtigen Blick, alle anderen wissen von der streng abgeschirmten Parallelwelt nur, was über sie getuschelt wird.

Fotos: Penzl (2), Wikimedia, Imago
Fotos: Penzl (2), Wikimedia, Imago

Noch heute ist es ein bisschen wie damals. Man kann nicht einfach munter durchs Archipel schippern, die Fische durch die Schnorchelmaske bestaunen oder in einer schnuckeligen Bucht das Badehandtuch auspacken, 12 der 14 Adriasprossen sind Naturschutzgebiet und über Titos Weißer Villa wacht das Militär. Schließlich hat in der Schaltzentrale von einst nur die kroatische Regierung etwas zu suchen.

Den unkompliziertesten Zugang regelt eine Art All-inclusive-Ticket. Für umgerechnet 30 Euro setzt ein Tagestourist mit der Fähre vom Fischerdörfchen Fažana aus nach Veli Brijun über, steigt dort in ein elektrisches Bimmelbähnchen und rumpelt die Besiedelungsgeschichte der 5,6 Quadratkilometer großen Insel ab. Dabei gibt es viel zu entdecken. Das Panoptikum reicht von dekorativen Römerruinen und byzantinischen Festungsmauern über mediterrane Bilderbuchnatur, schaurig-schöne, 150 Millionen Jahre alte Dinosaurierfußstapfen und ein gotisches Kirchlein bis hin zu Titos Privatzoo und Safaripark.

Apropos Privatzoo: Wer Tito auf Veli Brijun besuchte und ihm eine Freude machen wollte, brachte ihm ein – möglichst exotisches – Kuscheltier als Gastgeschenk mit. Bis zu seinem Tod 1980 hatte der Partisanenführer eine ganze Arche Noah versammelt. Zehn Jahre nach seinem Tod explodiert das Pulverfass Jugoslawien; Kroatien verabschiedet sich in die Unabhängigkeit, Titos Privatzoo wird geschlossen. Die meisten der zwei- und vierbeinigen Mitbringsel, darunter zahlreiche Bären, Löwen, Pumas und Tiger, werden in den Zoo von Zagreb umquartiert. Die Antilopen, Zebras und Lamas im Safaripark sowie das Dickhäuterduo Lanka und Sony dürfen bleiben.

Auf dem einstigen Golfplatz halten heute Hasen, Rehe und Hirsche das Gras kurz. Im kleinen Heimatmuseum des Inselchens hängen eine Fülle von Tito-Fotos und Dokumente der alten Zeit. Überhaupt gefällt sich Brijuni in ihrer Rolle als „ewig Gestrige“. Passend dazu konservieren die beiden Inselhotels den Charme der Sechziger. Dieses Nein zur Neuerung schätzen auch die Gäste in der Villa Lovorka. Wer sind die Urlauber in Titos ehemaligem Gästehaus? Giovanni zuckt nur mit den Schultern.

Schweigend sperrt er die Garage auf, stellt eine Kühlbox mit Krimsekt und Kaviar auf die Rückbank des Cadillacs, startet den Motor und holt die Gäste aus der Villa zur Spritztour über die Insel ab. Auf dem Weg dorthin kreischt ein Papagei los. „Kako si Tito? Kako si Tito!“ (Tito, wie geht es Dir?). Giovanni grüßt mit einem zackigen Griff zur Schirmmütze. Schließlich war dieser weiß gefiederte Schreihals kein Geringerer als Titos vertrautester Schmusegenosse.

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