Wandern : Edo Popovic: "Am liebsten gehe ich alleine"

Der kroatische Schriftsteller wandte der Hektik der Moderne den Rücken zu und legt ein außergewöhnliches Wanderbuch vor. Es erzählt von der Einsamkeit und Stille im Velebit-Gebirge seiner Heimat.

Stefan Berkholz
Unterwegs im Nationalpark Paklenica im Velebit-Gebirge. Foto: imago/Eibner
Unterwegs im Nationalpark Paklenica im Velebit-Gebirge.Foto: imago/Eibner

Herr Popovic, nach Ihren anarchischen, rebellischen Texten haben Sie jetzt ein beinahe mildes Buch vorgelegt: „Anleitung zum Gehen“ heißt es. Ein poetisch-philosophischer Essay. Sie sagen, dies sei die Quintessenz Ihres Denkens. Ist das eine Abkehr von der Politik?

Ich denke nicht. Ich beschreibe ja auch unser gewöhnliches Leben in der Zivilisation. Unsere Hektik, unsere ewige Eile, unser Hasten nach der neuesten Mode, dem Konsum. Wir benehmen uns wie Hamster im Laufrad. Es ist absurd: Unsere Technologie wird immer perfekter, und wir erleichtern uns damit aber nicht das Leben, sondern arbeiten immer mehr. Die Belastungen nehmen zu. Und wir sprechen nicht mehr miteinander beim Zusammensein, sondern unterhalten uns über das Handy, in Abwesenheit. Verrückt, oder?

Sie schreiben über den Verdruss an den Medien und am Lärm der Werbung. Sie erwähnen unsere Süchte, den Autowahn, die Mauern, Stacheldrähte, Zäune um jeden Besitz. Und Sie wundern sich über die Langeweile und die angebliche Ausweglosigkeit in einer bleiernen Zeit. Also Zivilisationskritik?

Bist du in der Natur, ändern sich die Dinge. Die Natur ist entspannt. Der Mensch ist ständig auf der Jagd nach irgendetwas. Er dreht leicht durch. Tiere dagegen? Sie beeilen sich nur oder befinden sich im Stress, wenn sie in Gefahr sind.

Wie kamen Sie zum Wandern?

Bei mir wurde eine schwere, chronische Lungenkrankheit festgestellt. Eine schlimme Nachricht. Aber schlimme Dinge müssen nicht immer Schlimmes bedeuten. Ich gab zuerst einmal das Rauchen auf. Dann kehrte ich dem Journalismus den Rücken, mied kroatische Literaturkreise und anderen Unsinn. Mich hat die Krankheit in die Berge geführt. Und das war zu der Zeit sicherlich das Schönste, was mir passieren konnte.

Im September 2006 begaben Sie sich erstmals auf eine Wanderung und begannen die Bergregion Ihrer kroatischen Heimat, das Velebit-Gebirge, zu entdecken: die Natur, die Vielfalt von Pflanzen und Tieren, die Unendlichkeit des Himmels, das Verschwimmen der Wolken, die Zeitlosigkeit. Tröstet dieser Kreislauf über die eigene Vergänglichkeit hinweg?

Ich denke schon. Ich erwarte ja nichts von der Natur. Ich verweile einfach in ihr. Ich gehe und spüre die Erde unter meinen Füßen. Ich habe kein Ziel, wenn ich wandere. Es gibt dieses chinesische Sprichwort: Der Weg führt zu allen Orten, an denen man vorbeikommt. Ich atme und beobachte die Gegend. Das tut meiner Lunge, meinen Muskeln, meinem Kopf gut. Die Begegnung mit steinalten Felsen schärft mein Gespür für die eigene Vergänglichkeit. Ich werde demütig und bescheiden. Und erkenne dann plötzlich in der Einsamkeit, wenn ich durstig bin, die Kostbarkeit von Wasser, sobald ich eine Quelle finde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar