Schengen : Europa im Weinberg

Seit 25 Jahren gibt's das "Schengen-Abkommen". Hat man doch schon tausendmal gehört. Hat doch was mit Europa zu tun. Aber wo liegt der Ort? Lieblich an der Mosel im Dreiländereck.

Wolfgang Felk

Die letzten Fetzen Morgennebel wabern wie Feenschleier über der Mosel. Sanft gleitet die „Princesse Marie-Astrid“ heran, das neue, elegante Ausflugsschiff der Luxemburger Moselflotte. Auf dem Tisch des Sonnendecks funkelt ein Gläschen Crémant oder Pinot gris – und aus der Bordküche unten riecht es schon verführerisch nach dem angesagten Mittagsmahl. Viermal die Woche nimmt das Schiff Kurs auf Schengen.

Schengen? Hat man doch schon tausendmal gehört. Hat doch was mit Europa zu tun. Mit freiem Reiseverkehr ohne Zoll und Schlagbäume. Vor 25 Jahren, am 14. Juni 1985, hat es angefangen. Damals wurde das erste Schengener Abkommen unterzeichnet. Und zwar auf einem Vorgängerschiff der heutigen „Marie-Astrid“. An Bord trafen sich fünf Staatssekretäre zur Unterschrift bei einem Glas Moselwein. Vor Schengen, weil das so idyllisch in den Hügeln der Obermosel liegt. Im Dreiländereck, wo Deutschland, Luxemburg und Frankreich europäisch-symbolträchtig aneinandergrenzen.

„Keiner hat geglaubt, dass da mal was Großes draus wird, auch ich nicht“, gibt Roger Weber zu. Er ist Bürgermeister von Schengen. Ihn treffen wir nicht auf dem Schiff, auch nicht im Rathaus, sondern eher zufällig in seinem Weinberg: „Jeder, der hier was sein will an der Mosel, der muss einen Weinberg haben.“ Also pendelt der Mann zwischen Rathaus und Reben, schneidet frühmorgens die Triebe, kümmert sich dann um Baustellen und die Müllabfuhr und empfängt am Nachmittag eine Delegation aus Osteuropa oder China. Denn die wollen bei ihrer Visite natürlich gerne vom Bürgermeister des „Global Village“ Schengen persönlich geführt werden.

Die Chinesen kommen meist direkt aus dem nahen Trier herüber, morgens Karl Marx, mittags Schengen. „Weil Schengen so berühmt ist, glauben viele, wir wären eine Stadt mit mindestens 500 000 Einwohnern. Die sind total erstaunt, dass wir nur ein Dorf sind mit gerade mal 500!“ Ein Dorf, dessen Name Geschichte gemacht hat und Symbol geworden ist für ein freies Europa ohne Grenzen.

„Europa ohne Grenzen“ steht auch dreisprachig auf dem unauffälligen Gedenkstein am Rande der „Place de l’Europe“. So heißt etwas großspurig der idyllische kleine Dorfplatz. Ein Brunnen steht darauf und rundherum, in den Gässchen, ducken sich niedrige Winzerhäuser.

Neben einem romantischen mittelalterlichen Märchenturm steht ein bescheidenes, spätbarockes Herrenhaus: Schloss Schengen, seit 1939 in Besitz des Elisabetherinnenordens, wird soeben in ein gediegenes Hotel („Château de Schengen“) für die stetig wachsende Klientel der Schengen- und Europa-Touristen verwandelt. Die Eröffnung steht angeblich kurz bevor.

Damit die Besucher erfahren, worum es hier überhaupt geht, hat das Großherzogtum im architektonisch extravaganten Europa-Zentrum am Rande des Parks ein kleines Europa-Museum eingerichtet. Und auf der großen Uferterrasse kann man danach schon mal ein erstes Pröbchen nehmen vom veritablen Moselwein, der an den Hängen beidseits des Flusses in gleich drei Ländern wächst.

Auch das Centre Touristique ist hier untergebracht, geleitet von einer wahren Mustereuropäerin: Martina Kneip ist in Freiburg geboren, hat einen Luxemburger geheiratet, Letzebuergesch und Französisch gelernt und zwei Kinder bekommen. Die schickt sie zur Schule ans andere Moselufer, aufs neue „Schengen-Lyzeum“ in der saarländischen Nachbargemeinde Perl. Hier sitzen Kinder aus Luxemburg, dem Saarland und der Region Lothringen (Frankreich) in einer Klasse, unterrichtet von Lehrern von hüben und drüben, lernen Sprache und Kultur der anderen kennen. Und erfahren en passant, dass ihre Großväter einst, wollten sie nur über die Brücke von Perl nach Schengen fahren, am Schlagbaum halten und sogar ihre Mistfuhre verzollen mussten.

Heute fließt der große und kleine Grenzverkehr längst ungehindert über die Moselbrücken. Zehntausende Deutsche und Franzosen pendeln jeden Tag nach Luxemburg zur Arbeit (und zum billigen Tanken). Viele Luxemburger wohnen in Perl und Umgebung, weil’s ihnen zu Hause zu teuer geworden ist. Und Martina Kneip schickt auch ihre Gäste gerne in alle Richtungen des Dreiländerecks: auf Luxemburger Seite zu einer Weinprobe in die „Caves du Sud“ von Schengen-Remerschen, in das stille Naturschutzgebiet in den Moselauen mit ihren renaturierten Baggerseen. Oder zu einer genüsslichen Schlemmertour auf der „Marie-Astrid“, die unermüdlich die Mosel rauf und runter schippert.

Auf der deutschen Seite empfiehlt sie einen Besuch der eindrucksvoll rekonstruierten Römervilla von Perl-Borg, das Denkmal der Antike in dieser Region. In Perl ist auch das runde Dutzend der saarländischen Moselwinzer heimisch. Es sind kleine Familienbetriebe wie der von Thomas Schmitt. Er veranstaltet einmal im Monat kulinarische Weinbergwanderungen durchs Dreiländereck. Einen ganzen Tag lang geht es da bergauf, bergab durchs Moselland. Und an besonders schönen Stellen wartet auf die Wanderer dann wie von Zauberhand ein üppiges „Tischlein-deck-dich“ mit Wein und feinen Leckereien aus der Region: Schinkentorte mit Pinot blanc in seinem eigenen Weinberg hoch über der Mosel. Schafskäse bei einem Bauern in einem winzigen Lothringer Dorf hinter der Grenze. Und das Dessert wird mit einem Gewürztraminer runtergespült, drüben in Luxemburg, auf dem Schengener Markusberg. Da wächst der Wein, mit dem damals an Bord der „Marie-Astrid“ auch auf die neuen Verträge angestoßen wurde.

Man hätte keinen besseren Platz wählen können. Seit 25 Jahren steht das winzige Moseldorf nun für die Vision eines freien, prosperierenden Europa. Aus den ersten fünf sind mittlerweile 25 „Schengen-Staaten“ geworden. Aber muss man nicht fürchten, dass Schengen auch mal zum Symbol werden könnte für die „Festung Europa“, die für unzählige Migranten außerhalb des sogenannten Schengen-Raums keinen Platz mehr hat? Am Strand von Tanger in Marokko, dort, wo man schon das europäische Festland sieht, gibt es tatsächlich eine Kneipe namens „Café Schengen“! Eine Art Sehnsuchtsort für Armutsflüchtlinge aus ganz Afrika. Europa – zum Greifen nah und doch schier unerreichbar. Auch das ist Schengen 2010.

Besser hat es da „Miss East Africa Schengen“. Die wurde im vergangenen Jahr nicht in Schengen, auch nicht in Afrika, sondern in Rotterdam gewählt. Sie heißt Daniella Nzigamyie, stammt aus Burundi und lebt in Schweden. Sie also hat es schon mal geschafft nach Europa.

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