Malta : Im Reich der Ritter

Viele Urlauber kommen wegen Sonne und Meer. Dabei warten auf Malta alte Kulturschätze und junge Avantgarde-Kunst.

Elisabeth Binder
Malta
Malta bietet mehr als Strand und Sonne. Zum Beispiel die prähistorische Tempelanlage von Hagar Qim. -Foto: dpa

Eigentlich wollte die junge Fotografin Alexandra Pace im Haus der Großeltern nur ihre Werke ausstellen. Dreißig Jahre lang hatte die Stadtvilla in Valletta leer gestanden. Bei jungen Leuten war es halt nicht angesagt, in Maltas Hauptstadt zu leben. Doch Paces erster Ausstellung folgten weitere, dann siedelte sich noch ein Filmprojekt in dem schmalen Haus mit den prächtigen Fliesenböden an. Nun ist ein Kulturtreff auf Malta entstanden, junge Avantgarde arbeitet an einer neuen Blütezeit im ehemaligen Reich der Ritter.

Der liebste Versammlungsort in der No. 68 St. Lucy Street ist für Alexandra das geräumige, in Schwarz-Weiß und Rosa gehaltene Badezimmer. Von dem ist auch Nina Ruge entzückt, die soeben ein Foto-Shooting mit Alexandra hinter sich hat, weil sie seit April Maltas neue Sympathiebotschafterin ist. „Gibt es eine Heizung?“, will die TV-Moderatorin wissen. Alexandra deutet auf ihren Freund Fabrizio: „Er ist meine Heizung.“

Neben Monaco gehört Malta zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Welt. Da die Insel im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Bombentreffer erlebte, wirkt sie auf Anhieb nicht so pittoresk wie manche italienische Region. Die Nachbarinsel Gozo sieht mit ihren blumengeschmückten Villen und den romantischeren Badebuchten schon etwas hübscher und gefälliger aus. Über Touristen, die nur wegen Sonne und Meer nach Malta kommen, machen sich die jungen Leute gern ein bisschen lustig: „Das ist typisch britisch“, sagen sie. „Wir haben doch viel mehr zu bieten.“

Einen guten Einstieg in das, was die Insel kulturhistorisch interessierten Besuchern zu bieten hat, bekommt man bei einem Besuch der „Malta Experience“, einer Collage aus Film-, Foto- und Ton-Elementen, die 7000 Jahre Geschichte dokumentiert.

Wer glaubt, die Rolle Maltas in der Welt beschränke sich darauf, Punkte beim Eurovision Song Contest zu vergeben, kann hier viel lernen über die zentrale Rolle Maltas in der Geschichte des Abendlandes. Die Legende, wie der Apostel Paulus im Sturm dort strandete und für eine Gottheit gehalten wurde, weil ihn der Biss einer Schlange nicht tötete, und wie er schließlich die Malteser missioniert hat, kommt natürlich auch vor.

Wenn es tatsächlich so war, hat der Apostel hier ganze Arbeit geleistet. Für seine etwa 400 000 Menschen leistet sich das Land fast 400 Kirchen. Eine davon ist evangelisch, der Rest katholisch. In Mosta etwa, dem 8000-Einwohner- Ort im Mittelpunkt der Insel, gibt es eine prächtige Kathedrale mit Platz für 12 000 Menschen und einer Kuppel, die nur in Rom und London an Größe übertroffen wird. Man kann auf der Insel praktisch nirgendwo hinschauen, ohne auf eine Kirche oder wenigstens ein kleines Kloster zu blicken. Angeblich sind die Gotteshäuser sonntags auch weitgehend gut besucht. Ein Blick in den Abendgottesdienst der Karmeliterkirche in St. Julian zeigt, dass er sogar werktags halbwegs gut frequentiert ist, obwohl täglich mehrere Gottesdienste zelebriert werden.

Unlängst hat die Deutsche Anja Jokisch in Valletta eine Agentur eröffnet, die Malta-Reisen nach individuellen Wünschen gestaltet. Dabei hat sie festgestellt, dass es ein besonderes Interesse gibt, Urlaube mit Klosteraufenthalten oder sogar Exerzitien zu verbinden. „Wir kennen da ein paar nette Augustiner, die mit den Gästen sprechen oder auch nicht, je nachdem, wie die das wollen.“

Frömmigkeit ist indes nicht auf die überwältigende katholische Präsenz beschränkt. Sie haftet auf dieser Insel offenbar seit Jahrtausenden an den Steinen. Das zeigen Besuche in den prähistorischen Tempelanlagen, die aus der Zeit zwischen 3800 und 2500 vor Christus stammen. Ggantija auf Gozo ist dabei als älteste freistehende Konstruktion der Welt Teil des Weltkulturerbes.

„Was die Menschen damals geglaubt haben, ob sie die Tempel nur für ihre Riten benutzt oder auch dort gegessen haben, wird man nie wissen“, sagt Reuben Grima, der Kurator der prähistorischen Anlagen. Neben Schmuckstücken und Skulpturen, die ausgegraben wurden, ist die Statuette der schlafenden Frau mit den sehr runden Hüften wohl der bekannteste Fund. Symbolisiert sie Mutter Erde als oberste Göttin, die alles hervorbringt, schläft sie im Tod einen göttlichen Schlaf? Man kann nur Vermutungen anstellen. Auch darüber, ob die hohen Felstische als Altäre benutzt wurden oder ob die Steinskulptur, die ein bisschen an ein Taufbecken erinnert, für Tieropfer genutzt wurde. „Die Skelette, die wir gefunden haben, lassen Schlüsse auf eine weitgehend aggressionsfreie Kultur zu“, sagt Grima. Irgendwann starb diese Kultur dennoch aus. Vielleicht weil Eroberer aus dem übrigen Mittelmeerraum kamen, vielleicht weil wegen der notorischen Wasserarmut auf der Insel Hungersnöte ausbrachen.

Viel später, im 8. Jahrhundert nach Christus, bauten Araber eine Zitadelle auf Gozo, zum Schutz vor Piraten. Auch Mdina auf der Hauptinsel ist eine befestigte Stadt, zudem ein deutliches Zeichen dafür, dass es so aggressionsfrei wie in der Steinzeit auf Malta nicht weiterging. Etwa 18 000 Türken versuchten, Mdina Anfang des 15. Jahrhunderts zu erobern, was ihnen jedoch nicht gelang.

Durch die strategisch gute Lage zog Malta allerdings immer wieder neue Eroberer an: Nach Phöniziern und Karthagern kamen Römer, Byzantiner, Normannen, schließlich die Johanniter-Ritter, die Malta 1530 von Karl V. zugesprochen bekamen. Später zogen die Franzosen mit Napoleon ein, schließlich die Briten. Seit 1964 ist Malta unabhängig und Mitglied des Commonwealth, seit 1974 Republik. Die 164 Jahre britische Kolonialherrschaft wirken bis heute nach. Noch immer herrscht Linksverkehr, ist Englisch neben Malti offizielle Amtssprache.

Wo es so extrem katholisch wie auf Malta zugeht, muss es einfach gutes Brot und trinkbaren Wein geben, denkt sich der Besucher. Richtig. Wein von der Insel wird jedoch leider so gut wie gar nicht exportiert, außer vielleicht ins Hauptquartier des Malteserordens nach Rom. Und das knusprige Weißbrot schmeckt herrlich altmodisch nach Bäcker, außen krustig dunkel, innen sanft und weich.

Solches Brot stapelt sich auch in Claude Camilleris Küche. Mit seiner bewegten Vergangenheit spiegelt Maltas jüngster Kochstar den Geist der Insel, die von Veränderung immer geprägt war. In seiner Jugend hat er, wie viele Malteser, die Insel verlassen, um anderswo sein Glück zu finden, war unter anderem Tontechniker und Musikproduzent in London sowie Investmentbanker in Hamburg.

Vor drei Jahren nun eröffnete er den Palazzo Santa Rosa, ein charmantes, abgelegenes Landhaus mit eigenem kleinen Strand in Mistra Bay, das rasch vom Geheimtipp zur kulinarischen Pilgerstätte für die Einheimischen wurde. Das Rechnen überlässt er heute konsequent seinem Controller, für den er allerdings ein schwieriger Fall ist: „Ich höre ihm zu und tue, was ich für richtig halte.“ Er glaubt fest an erstklassige Bioprodukte, zieht Kräuter und Gemüse selber und entwickelt die maltesische Küche mit ihrer mediterranen Prägung sowie den arabischen Einflüssen weiter. Seine Fischsuppe ist eine Delikatesse aus einer Brühe, die zwei Tage lang geköchelt hat und mit Tomaten und Kräutern an Körper gewinnt. Frische Calamari kombiniert er mit den auf der Insel heiß geliebten Bohnen. Seine Rizzi Pasta mit reichlich frischen Tomaten und Seeigeln schmeckt wie die Essenz des Meeres. Und seine reichhaltige Tarte au Citron muss eine Hommage an die voluminösen Göttinnen der Steinzeit sein, aber sie gehört bestimmt auf die Liste der hundert Köstlichkeiten, die man probiert haben sollte.

In seinen Ansichten ist der vielseitige Patron mit den warmen Augen nach einigen Gläsern Wein vielleicht typisch maltesisch, glaubt zum Beispiel, dass Religion und Krieg ohne einander nicht existieren können und dass Malta wegen seiner Geschichte eher zu den antiislamischen Ländern gehört. Obwohl als Patron viel geliebt und oft gerühmt, hängt Claude Camilleri nicht an seinem neuen Beruf: „Es macht mir Spaß, aber manchmal vermisse ich auch die Musik.“ Mit 46 Jahren kann er sich jederzeit vorstellen, noch mal neu anzufangen. „Als Nächstes würde ich gern Architekt werden“, sagt er nachdenklich, „und alle hässlichen Häuser auf Malta niederreißen und schöne neue errichten.“

Malta ist allerdings schon voller Zeugnisse für neue Anfänge. Nachdem die Ritter 1565 die osmanische Expansion im Mittelmeer gestoppt hatten, machten sie sich an den Bau der neuen Hauptstadt Valletta. Die Fußgängerzone wirkt immer noch ein bisschen verschlafen. Es gibt erfreulich viele kleine Buchläden, ansonsten nichts, was Shopaholics zwingend anziehen würde. Einkäufe erledigt man am besten morgens, weil nachmittags nicht mehr alle Läden aufmachen.

Die Gelassenheit, mit der die Marquesa de Piro durch die Casa Rocca Piccola führt, den kleinen Stadtpalazzo aus dem 16. Jahrhundert, in dem die Familie seit neun Generationen lebt, spricht Bände. Zur weißen Bluse trägt sie eine hellblaue Strickjacke und zeigt beiläufig Bilder und Erinnerungsstücke von Vorfahren: Briefe aus dem 18. Jahrhundert, in denen es um persönliche Sorgen mit den Kindern geht; den Orden Isabella Catholica, den die spanische Königin einst ihrem Beichtvater verlieh, der ebenfalls zur Familie gehörte; Bilder von Verwandten bei der Krönung der britischen Queen. Vier Kinder hat sie, einer der Söhne hat Theologie studiert, einer kümmert sich um das Haus, eines der wenigen in Valletta mit kleinem Garten. Gärten waren wegen des Wassermangels lange verboten auf Malta.

Wie so viele, die Malta eroberten oder ihr Herz an die Insel verloren, kam auch Nina Ruge, die neue Sympathiebotschafterin, zuerst mit dem Schiff hierher: „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Nun sammelt sie akribisch Geheimtipps für ein Buch, denkt darüber nach, wie man am besten maltesische Produkte wie Honig und Tapenade lancieren kann. Noch nervt es sie manchmal, dass auf Malta manches etwas länger dauert. Es braucht halt auch eine Weile, die für die Insel typische pragmatische Gelassenheit zu tolerieren. Die übrigens auch in der Antwort liegt, die die Marquesa auf die Frage gibt, ob sie sich nicht um den Zustand der Briefe aus dem 18. Jahrhundert sorge: „Deswegen steht das Regal ja mit dem Rücken zur Fensterseite.“

Gelassenheit braucht auch die Fotokünstlerin Alexandra Pace, denn sie wird das hübsche Party-Badezimmer aufreißen müssen für die notwendigen Klempnerarbeiten. Freunde, die es auch plötzlich wieder nach Valletta zieht, drängen sie, weiterzuarbeiten an dem Kulturzentrum. Wie der Koch Claude Camilleri ist sie eine Pionierin auf dem Weg vom Reich der Ritter in eine neue maltesische Blütezeit.

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