Brabant : Fritten bei Vincent

In der Region Nordbrabant wurde Van Gogh geboren, hier entstanden viele seiner Werke. Nun wird er gefeiert – und gut vermarktet.

Ulrich Traub
Künstlich, aber schön. Sternenfunkeln im Städtchen Nuenen. Foto: Pim Hendriksen/pa
Künstlich, aber schön. Sternenfunkeln im Städtchen Nuenen. Foto: Pim Hendriksen/paFoto: picture alliance / dpa

Wenn Vincent van Gogh das gewusst hätte… Der zu seinen Lebzeiten so erfolglose Künstler hätte sich möglicherweise auch noch das andere Ohr vorgenommen. Dass seine Kunst Höchstpreise erzielt, weiß man mittlerweile. Dass seine Heimat aber, das niederländische Nordbrabant, nun mit dem Namen van Gogh um Touristen wirbt, ist neu. Am kommenden Mittwoch vor genau 125 Jahren ist der Maler gestorben. Grund genug für die Gemeinden, in denen er gelebt hat, auf sich und ihren berühmten Sohn aufmerksam zu machen.

Brabant war zu van Goghs Zeit armes Bauernland. Das hat sich geändert. Landwirtschaft ist nur ein Wirtschaftszweig unter vielen in der Provinz im Süden der Niederlande rund um die genauso schönen wie lebendigen Großstädte Breda und ’s-Hertogenbosch mit ihren historischen Altstadtkernen oder dem modernen Eindhoven. Touristisch ist die Region dagegen noch eher unterbelichtet.

Van Gogh würde sich hier kaum mehr zurechtfinden. Er könnte nur staunen, etwa in dem kleinen Ort Nuenen, wo er von 1883 bis 1885 gelebt hat, über das neue „Vincentre“. Ausschließlich ihm ist es gewidmet, seinem Leben und Schaffen. Der Besucher betritt Vincents rekonstruiertes Atelier, in dem es mit Pinseln, Stiften und Paletten tatsächlich nach Arbeit aussieht.

In der kurzen Zeit seines Aufenthalts hat der Künstler hier ein Viertel seines Gesamtwerkes geschaffen, vor allem Zeichnungen. Nebenan wird die Geschichte des in Nuenen entstandenen Bildes „Die Kartoffelesser“ erzählt, das die bäuerliche Armut jener Jahre in dunklen Farben festgehalten hat. Das Restaurant gegenüber hat den Namen gleich übernommen.

„Das gesamte Dorf ist ein offenes Museum und seine Umgebung auch“, sagt Frans van den Bogaard, der wie so viele hier ehrenamtlich Besucher mit dem Leben des Künstlers vertraut macht. Deshalb gibt es in Nuenen auch einen (Rad-)Wanderweg, der den Spuren des Genies folgt. Er führt durch den Ort und hinaus in die Landschaft zu Kirchen, Wassermühlen und in ein Naturschutzgebiet. Abends kann man gar über eine Wegstrecke radeln, auf der es interaktiv funkelt wie in der „Sternennacht“ des Künstlers.

Auf dem Teller der Aardappeleters liegen Fritten

Etappenziele sind 17 Informationssäulen. „Sie sind an den Stellen platziert, an denen van Gogh Skizzen angefertigt hat“, weiß van den Bogaard. Der Kunstfreund darf sich darüber freuen, dass keine Tankstellen oder Häuserriegel das Panorama verstellen. An manchen Säulen meldet sich van Gogh auf Knopfdruck zu Wort. Ein Schauspieler liest aus den vielen Briefen des Künstlers (auch in Englisch).

Wer weiter nach Zundert reist, wo van Gogh 1853 das Licht der Welt erblickte, wird gleich wissen, dass er sich auf der richtigen Route befindet. Den Imbissstand am Markt schmückt eine Kopie der „Kartoffelesser“ – mit einem Unterschied: Auf dem Teller der Aardappeleters liegen Fritten. Gegenüber, im vor wenigen Jahren eröffneten Vincent-van-Gogh-Haus, geht es allerdings ernsthafter zu. Hier wird an die Jugend des späteren Künstlers erinnert, und nicht zuletzt daran, dass er zu Lebzeiten nur ein einziges Bild verkaufen konnte.

Ron Dirven ist der Leiter des Hauses, das in Wechselausstellungen dem Einfluss des Namensgebers auf heutige Künstler nachspürt. „Vor allem aber sind Sie hier zu Gast bei der Familie van Gogh, können den Gesprächen lauschen und sich von Vincent durch den Ort führen lassen. Multimedial, versteht sich.

Im realen Zundert betritt der Wissbegierige hinter dem Haus die Welt von van Goghs Mutter. Ihr Garten wurde nach alten Dokumenten wieder angelegt. Ob damals dort auch Sonnenblumen blühten? Gleich um die Ecke steht die Kirche, in der Vater van Gogh 22 Jahre als Pfarrer tätig war. Im benachbarten Küsterhaus aus jener Zeit (mit neuer Galerie) logieren und arbeiten heute junge Künstler im Rahmen eines „Artists in Residence“-Programms.

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