Gehen als Philosophie : "Einfach alles hinter sich lassen"

Wenn ein Buch fertig ist, begibt sich der Schriftsteller Tomas Espedal auf eine Wanderung. Warum bloß?

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Wegzeichen in der Weite Norwegens.
Wegzeichen in der Weite Norwegens.Foto: Imago/Stefan Schwenke

Der norwegische Schriftsteller Tomas Espedal gilt als Meister des autobiografischen Romans, und er ist ein sensibler Sprachvirtuose. Sein erstes Buch auf Deutsch ist unter dem Titel „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“ erschienen. Es ist ein wundervoll versponnenes, gedankenvolles und lebenspralles Buch, das hilft, zur Besinnung zu kommen. Ein fließend schönes Reisetagebuch der besonderen Art.

Tomas Espedal, Sie erzählen in Ihrem Romanessay von einem Mann, der aufbricht und fortgeht, das Leben eines Landstreichers führt, und dabei die Abenteuer des Denkens erfährt. Ist das ein Gehen, um bei sich anzukommen? Ein Aufbruch oder eine Abkehr?
Es gibt viele Gründe, warum Menschen gehen. Wenn du andere Geher triffst, dann haben sie oft eine ernste Geschichte. Es mag sein, dass ihre Frau gestorben ist oder sie Krebs haben oder irgendeine andere Krankheit. Es gibt da draußen auf der Straße so etwas wie eine Community … In meinem Fall ist es anders. Die meiste Zeit sitze ich an meinem Schreibtisch und schreibe vielleicht zwei Jahre an einem Buch. Und nach diesen zwei Jahren bin ich komplett zerstört. Dann gehe ich wandern, um meine Gesundheit zu erhalten.

Schreiben Sie, wenn Sie gehen?
Nein, niemals. Weil ich nicht über das Schreiben nachdenken möchte. Das ist der Grund, warum ich wandere. Ich liebe es, zu sitzen und zu schreiben und zu denken. Aber wenn ich einen Roman beendet habe, muss ich etwas anderes machen. Es ist eine tolle Sache, von der täglichen Arbeit wegzukommen und in einen ganz anderen Bereich zu gelangen. Zum Beispiel in den Bergen zu wandern. Oder an einen See gelangen. Im Ozean schwimmen. An einem Ozean schlafen. Geräusche wahrnehmen. All diese Wahrnehmungen würde ich mit Schreiben zerstören.

Ihr Protagonist in „Gehen“ wandert durch Norwegen und bricht im zweiten Teil nach Griechenland auf. Dabei werden wir Zeugen, wie er allmählich zu denken beginnt und die Welt anders wahrnimmt. Ist es unmöglich, in der bebauten, hektischen Zivilisation zum Nachdenken zu kommen? Sie sprechen auch einmal von der Hässlichkeit des modernen Lebens.
Mag sein, dass ich etwas romantisch bin, aber ich wandere sehr viel in der Natur. Als ich jetzt in Norwegen aufbrach, regnete es, überall war es überflutet. Das Klima wandelt sich ja, weil Leute das Flugzeug nehmen oder das Auto. Ich denke, dass ich in meinem Buch auch warne. Wenn wir so weitermachen, wird es definitiv zum Ende der Zivilisation führen. Aber zugleich ist es eine romantische Erzählung. Die Natur ist ja da und es ist möglich, ihr nah zu sein, ich versuche es ja selbst. Ja, wandern ist einfach ein Weg, um der Natur nah zu kommen.

Ist es leicht, sich auf die Walz zu begeben? Kann das jeder machen? Ist jeder dem gewachsen?
Nein, es ist nicht leicht. Ein Wanderer zu sein ist hart. Du schläfst draußen, du wirst manchmal richtig erschöpft sein. Es regnet, du schläfst nicht sehr gut. Wissen Sie, wie die Gypsies uns bezeichnen? Als weiche Menschen. Weil wir Betten haben und Kopfkissen und Heizung in den Häusern. Sie betrachten sich selbst als harte Menschen. Aber der Wanderer hat es nicht leicht, nein, ich denke, das kann nicht jeder: draußen schlafen, wenig essen und so weiter. Aber jeder kann gehen. Und das ist das, was ich mit meinem Buch „Gehen“ sagen wollte. Du kannst einen neuen Raum öffnen, täglich rausgehen und Neues erkunden. Du kannst aber auch Länder durchqueren, alles ist möglich.

Ist der Wanderer ein Fremder in der Welt?
Der Vagabund ist tatsächlich heimatlos. Und wenn ich gehe, lebe ich auch ein gänzlich anderes Leben. Wenn du wanderst, hast du dich auf ganz praktische Dinge zu konzentrieren. Die Probleme sind andere.

Ist es besser, allein zu wandern oder lieber zu zweit oder in einer Gruppe?
Oh, das hängt ganz von dir ab. In Norwegen beispielsweise ziehe ich es vor, allein zu wandern, weil ich mich sicher fühle. Und ich mag die Einsamkeit und die Landschaft und die Stille. Aber wenn du in der Türkei beispielsweise wanderst … Du kannst es natürlich allein tun, aber sicherer und entspannter bist du, wenn du dort mit jemand anderem gehst.

Ist ein Wanderer ohne Ziel und Unterkunft so etwas wie ein Rebell? Fern der Zivilisation und frei von jedem Besitz?
Ja, das kann er sein. Rousseau sprach davon, als er alles hinter sich ließ. Oder auch Hölderlin. Aber es ist ein rein individueller Akt, es führt zu nichts Besonderem. Doch du wirst radikalisiert, wenn du wanderst. Du wirst wütend, weil du Armut siehst, Obdachlose. Reist du mit dem Auto oder dem Flugzeug, dann ist all das irgendwo. Du nimmst es nicht wahr. Aber wenn du es direkt siehst an deinem Weg, dann wirst du zornig. Und ich denke, das ist das, was mit Hölderlin passierte. Die Revolution brach aus, und er sah es von Nahem.

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