Norwegen : Die Fee tanzt am Wasserfall

Der Westen Norwegens diente schon häufiger als Filmkulisse. Schöner als die Landschaft im Kino zu betrachten ist jedoch, mit Bahn und Rad hindurchzufahren.

Ulrich Willenberg
Über Stock und Stein. Die Radwege in Westnorwegen sind keineswegs durchgehend geteert. Doch wer sich Zeit nimmt, den entschädigt die Aussicht.
Über Stock und Stein. Die Radwege in Westnorwegen sind keineswegs durchgehend geteert. Doch wer sich Zeit nimmt, den entschädigt...Foto: picture-alliance / Bildagentur H

Die Fahrgäste der norwegischen Flåmsbahn sind hellauf begeistert. „Herrlich, Great, Bello, Grandioso, Very nice“, schwärmen die Touristen aus aller Welt. Soeben sind sie von ihrem im Aurlandsfjord ankernden Kreuzfahrtschiff in die dunkelgrünen Waggons umgestiegen. Nun drängeln sie sich an den Fenstern, um die schönsten Ausblicke auf die Landschaft zu erhaschen. Gemächlich zuckelt der Zug durch ein liebliches Tal mit Obstplantagen und Wiesen mit gelben Butterblumen. Gletscherwasser stürzt die Hänge herunter und ergießt sich in dem weiß schäumenden Fluss Flåmselva.

In den 30er Jahren wanderte hier der politische Flüchtling Willy Brandt und schilderte in einem Buch die mächtige Natur sowie die Stille der Almen am Fuße schroffer Berge. Damals verkehrten in dem Tal nur Pferdekutschen, die erst im Oktober 1940 von der Flåmsbahn abgelöst wurden. Der privat betriebene Zug hat sich inzwischen zu einer der größten Touristenattraktionen Norwegens entwickelt.

Die atemberaubende Aussicht wird immer wieder unterbrochen durch einen der vielen Tunnel, die ein Drittel der rund 20 Kilometer langen Strecke ausmachen. „Man sieht ja gar nichts“, nörgelt ein Junge. „Die Flåmsbahn ist eine technische Meisterleistung“, zeigt sich dagegen sein Großvater fasziniert. Tatsächlich gilt die Strecke als eine der anspruchsvollsten und spektakulärsten Europas.

Gut 17 Jahre dauerten die Arbeiten für die steilste Adhäsionsbahn, die auf Normalspur verläuft. Der Bau verschlang 26,5 Millionen Kronen, damals eine ungeheuerliche Summe. 18 der 20 Tunnel wurden mit der Hand gegraben. Die senkrecht aufragende Gebirgswand im oberen Teil des Tals war für die Ingenieure eine enorme Herausforderung. Um den großen Höhenunterschied zu überwinden, bohrten Arbeiter im Berginneren einen Wendetunnel. Auf vier übereinanderliegenden Etagen schraubt sich der Zug von Meereshöhe bis auf 866 Meter ins Bergdorf Myrdal hinauf.

Von dieser Plackerei ahnen die meisten Fahrgäste nichts. Nach 15 Kilometern stoppt der Zug am Fuße des gewaltigen Kjosfossen-Wasserfalls. Hier erwartet die Touristen ein besonderes Schauspiel. Auf einem hoch gelegenen Felsvorsprung tanzt verführerisch eine in Rot gekleidete „Huldra“, eine Fee aus der norwegischen Sagenwelt. Betörende Musik mischt sich mit dem Getöse des Wasserfalls und dem Klicken von Kameras der Touristen, die sich auf einer glitschigen Holzplattform drängen.

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