Norwegen-Kreuzfahrt : Neptun tauft mit Eiswasser

Auf einer Schiffsreise entlang der nowegischen Fjordküste gibt es immer was zu sehen. Deshalb vermissen die Passagiere auch nicht den Animateur.

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Stopp in Svolvaer. Die größte Stadt auf den Lofoten hat nur bescheidene Ausmaße. 4000 Menschen leben hier. Foto: Nancy Bundt
Stopp in Svolvaer. Die größte Stadt auf den Lofoten hat nur bescheidene Ausmaße. 4000 Menschen leben hier. Foto: Nancy Bundt

Die Kapuzenmenschen ganz vorn auf der „Polarlys“ lassen begeistert die Kameras klicken. Der schwer zu navigierende Stokksund mit den zum Greifen nahen Felsformationen, Buckelbergen und den einsamen Häuschen am Ufer, die zum Teil eigene Leuchttürme haben, ist wirklich von dramatischer Schönheit. Auch Martin ist rausgegangen, lehnt backbord, hat die Ärmel seines T-Shirts hochgekrempelt und hält die Kamera lässig gesenkt. Er ist auf den Lofoten zu Hause, friert nicht leicht und ist an Naturschönheiten gewöhnt. Eigentlich ist er nur mit seiner Freundin zu Ikea gefahren. Von Svolvaer aus, der größten Stadt auf den Lofoten, sind es bis zum nächsten Möbelhaus in Trondheim anderthalb Tage auf dem Hurtigruten-Schiff hin und anderthalb Tage zurück. So wird die Shoppingtour zu einem kleinen Urlaubstrip, wie ihn auch viele der etwa 400 Passagiere auf dem 15 Jahre alten Linienschiff genießen.

In Trondheim haben Freunde dem jungen Fischzüchter geholfen, die neue Flurgarderobe aufs Schiff zu hieven. Und in Svolvaer warten wieder Freunde zum Abladen. Martin gefällt das Leben auf den Lofoten. Wenn eine Stadt nur 5000 Einwohner hat, kennt jeder jeden. Und mit dem Fischen kann man gute Geschäfte machen. Die Japaner sind ganz wild darauf, doch Martin verkauft auch in andere Länder, vor allem nach Europa, einschließlich Russland. Schon vor der Ankunft des Schiffes in Svolvaer hatte er gewarnt, man solle die Menschen auf den Inseln nicht unterschätzen. Das seien keine Hinterwäldler. Bereits mit Anfang 20 hat er sich ein Haus kaufen können. Da oben sind sie auch billiger als in Alesund, wo die Touristen bei der Stadtführung erfahren haben, dass ein Haus ab 2,5 bis 3 Millionen Kronen (umgerechnet rund 350 000 Euro) kostet.

Die Deutschen sind die größte Gruppe unter den Touristen auf der „Polarlys“, sie stellen ungefähr 50 Prozent der Gäste. Die Erklärung, warum sie hier sind, hört sich immer wieder ähnlich an. Schon immer mal wollten sie zum Nordkap fahren oder nach Hammerfest, eine der am weitesten nördlich gelegenen Städte der Welt. Schon immer mal wollten sie den Polarkreis passieren. Zum Beispiel die Rheinländerin, die vor 30 Jahren mit ihren damals noch kleinen Kindern in Bergen war und seitdem diesen Traum in ihrem Herzen gehütet hat. Nun macht sie ihn gemeinsam mit einer Freundin wahr.

Die Kabinen sind klein und zweckmäßig, dabei aber gemütlich. Sie haben Dusche und Toilette, doch weder Fernseher noch Kühlschrank.

Dem Manager im Ruhestand, der immer informiert ist über alles, was auf dem Schiff so läuft, und darüber, wann die entgegenkommenden Hurtigruten-Schiffe die „Polarlys“ passieren, reicht das völlig aus. Den Teilnehmern der Themenreise „Nordlicht und Sterne“ ist das sowieso genug. Der einzige Luxus, den sie brauchen, ist ein Fernglas in der Hand.

Bei Hurtigruten gibt es keinerlei Animation an Bord, wenn man mal absieht von der Polarkreistaufe. Da sammeln sich alle, die zum ersten Mal den Polarkreis überquert haben, auf Deck 7, ein Mannschaftsmitglied hat sich als Neptun verkleidet und begießt die Touristen vergnügt mit Eiswasser. Das schwäbische Ehepaar sieht sich das gelassen von der Reling aus an: „Ich bin vor 65 Jahren getauft worden, das reicht“, sagt der Mann bedächtig. Auch für ihn ist diese Reise ein alter Traum. Lange bevor Kreuzfahrten im Trend lagen, haben sie sich gewünscht, diese Tour durch die Fjorde zu machen.

Ruth aus New York hat schon viel Erfahrungen mit Kreuzfahrtschiffen gesammelt, sie war auf dem allerersten „Loveboat“, das in den USA der gleichnamigen Fernsehserie den Namen gegeben hat und Vorbild für das deutsche „Traumschiff“ war. Ruth hat den Polarkreis schon mal auf einem der großen neuen Schiffe in Alaska überquert und ist nun heilfroh, hier zu sein. „Diese großen Schiffe sind doch wie kleine Städte“, sagt sie stöhnend. „Und ständig wird man gedrängt, etwas zu machen, ununterbrochen gibt es Programm. Schrecklich!“ Ihren alten Traum, ganz oben auf einem stillen Berg zu leben, kann sie hier in aller Ruhe träumen. An einsamen und immer individuell geformten Bergen ist an dieser Küste wirklich kein Mangel.

Die gigantischen Kreuzfahrtschiffe an der norwegischen Küste sind auch unter den Einheimischen nicht unumstritten. Sie bringen zwar neue Einkommensmöglichkeiten, allerdings auch Umweltprobleme, erzählen Tor und Runar, die in Alesund im Atlanterhavsparken, einem der größten Aquarien der Welt, den Besuchern Krebsfleisch anbieten. Es werden ja auch immer mehr Schiffe. Im vergangenen Sommer kamen 70, in diesem Jahr werden schon 91 erwartet.

Authentischer sind die ehemaligen Postschiffe der Hurtigruten allemal. Alle paar Stunden hält das Schiff, um neue Passagiere mit ihren Koffern aufzunehmen, um Ladung zu löschen und neue Fracht an Bord zu nehmen. Richtung Süden wird viel Fisch transportiert, Richtung Norden alles, was die Menschen da oben zum Leben so brauchen. Ablenkung gibt es reichlich in den Häfen. Immer mal wieder kann man ein anderes Schiff der Hurtigruten besichtigen. Die „Nordstjernen“ von 1956 etwa sieht aus wie ein Bilderbuchdampfer. Innen ist sie renoviert und mit einer wunderbaren 50er-Jahre-Bar ausgestattet. Allerdings haben nur die wenigsten Kabinen eigene Duschen und Toiletten, die muss man sich meist mit anderen Passagieren auf dem Gang teilen.

Während der Ladezeiten können die Passagiere an Land auch ein Café besuchen oder eine Stadtbesichtigung buchen. Ansonsten sagt Johan vom Ausflugsdesk immer mal durch, wenn es etwas Besonderes zu sehen gibt, wie eben den Stokksund oder den alten roten Leuchtturm oder natürlich den Globus, der frühmorgens, um 7.25.32 Uhr die Grenze zum Polarkreis markiert. Aber er tut das unaufdringlich, beschränkt sich aufs Nötigste. Die Passagiere danken dem Golfstrom, dass es hier wärmer ist als erwartet, wenngleich man zu allen Jahreszeiten nach dem Zwiebelprinzip mit vielen „Häuten“ bekleidet sein sollte.

Viele Passagiere sitzen, schauen und genießen: Land ist immer in Sicht, Tausende von Inseln und teils bizarre Felsen ziehen wie im Film vorbei. Diese Schiffe fuhren schon, bevor es in Mode kam, das Leben zu vereinfachen, Ballast abzuwerfen, die reine Muße zu üben. Hier tut man all das automatisch, was trendige Bücher als modernen Lebensstil verkaufen. Man darf über die Schönheit der Welt staunen, sich entspannen und das Nichtstun zelebrieren.

Besonders gut gefällt der New Yorkerin Ruth auch die Tatsache, dass es keinerlei Dresscodes gibt. Zwar ziehen sich viele zum Abendessen statt der Fleece-Jacken und Goretex-Anoraks einen Blazer über. Doch das reicht auch schon an Aufwand und ist nicht mal Pflicht. Man darf kommen, wie man sich wohlfühlt, und bekommt trotzdem die herzhaften Rentierbouletten, den grönländischen Heilbutt, Lachs und Heringe mit verschiedenen Saucen und Wackelpudding zum Dessert.

An manchen Abenden gibt es Büfetts, an anderen werden dreigängige Menüs am Tisch serviert. Und weil besonders der norwegische Stockfisch auch in Südamerika und Portugal so gern gegessen wird, dass sie ihn dort „O fiel amigo“ nennen (der treue Freund), gibt es als Vorspeise zum Hühnchen auf Gemüserisotto auch mal Klippfischbolinhos (Bolinhos de Bacalhau, kleine frittierte Kartoffel-Fisch-Nocken). Gewiss, alkoholische Getränke an Bord gehen ins Geld, ein Glas Wein kostet umgerechnet 8,60 Euro, ein Bier 7,30 Euro.

Nach dem Dinner, zu dem es Blumenkohlsuppe mit Pökelschinken gab und eine rosa Forelle mit Kräutern, Muscheln, Fenchel und Spinat, sitzt Martin mit seiner Freundin gemütlich vor dem Fernseher in der Nähe des Restaurants. Bis nach Svolvaer sind sie noch einen Tag und eine Nacht unterwegs. Einen Himmel, an dem die Sterne so dicht stehen, dass sie fast einen Nebel bilden, haben sie auf den Lofoten in den Polarnächten sowieso andauernd.

Bald will Martin die Tour wiederholen. Eine Küche braucht er nämlich auch noch. Was macht man eigentlich auf den Lofoten, wenn man so eine Garderobe auspackt und plötzlich feststellt, dass die eine entscheidende kleine Schraube fehlt? In Berlin steht man dann fluchend im Stau nach Spandau, erzählt die Touristin. Das ist freilich gar nichts gegen die anderthalb Tage nach Trondheim. Martin guckt jetzt wirklich überrascht. „Aber das ist doch überhaupt kein Problem“, sagt er lachend, „wir haben doch einen Eisenwarenladen. Und notfalls“, fügt er hinzu, „kann man auch noch kleben.“

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