Freeriden in Tirol : Gefährliche Freiheit

Der Tiroler Skiort Fieberbrunn wirbt für das Skifahren abseits der Pisten.

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Freeriden – Tiefschneefahren nur für Könner. Foto: Günter Lenz, mauritius images
Freeriden – Tiefschneefahren nur für Könner.Foto: Günter Lenz, mauritius images

Die Bergfahrt beginnt mit einer Warnung. „Die Orte, an denen wir jetzt im Tiefschnee fahren werden, sind heute kein Problem, aber das kann morgen schon ganz anders sein“, sagt Marja Persson, während die Gondel sanft zum Lärchfilzkogel beim Tiroler Skiort Fieberbrunn hinaufgleitet. „Im Tiefschnee solltest du immer einen Guide dabeihaben, der die Gegend kennt.“ Doch diese Warnung hätte sich die schwedische Profi-Skifahrerin auch sparen können, nach alldem, was wir in den vergangenen Tagen übers Freeriden gelernt haben.

Freeriden – so wird das Fahren mit Snowboard oder Ski abseits der Piste bezeichnet, früher konnte man auch einfach Tiefschneefahren sagen. Das Fahren abseits der Piste ist mit besonderen Gefahren verbunden, das weiß man spätestens seit Michael Schumachers tragischem Skiunfall. Der Formel-1-Rekordweltmeister ist beim Skifahren zwischen zwei Pistenabschnitten im Dezember 2013 mit dem Kopf auf einen Felsen geprallt, sein genauer Gesundheitszustand ist bis heute nicht öffentlich bekannt gemacht worden. Auch in Fieberbrunn werden die Gefahren deutlich.

Unlängst stürzte bei der „Freeride World Tour“, dem Wettbewerb der weltbesten Freeride-Profis, ein Drittel aller Teilnehmerinnen bei der Fahrt vom Marokka-Gipfel. Nach zwölf Fahrerinnen musste der Wettbewerb aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden. Beim Nachholwettbewerb drei Tage später in Kappl, Tirol, kam es noch schlimmer. Im Wettbewerb löst sich eine Lawine und verschüttet einen Fahrer, der dank seines Lawinen-Airbags mit Prellungen davonkam. Auch Marja Persson hat sich bei so einem Wettbewerb vor vier Jahren einen mehrfachen Beckenbruch zugezogen.

Fieberbrunn hat die perfekte Topografie

Jetzt steht die Schwedin unterhalb des Lärchfilzkogels in einer Kurve und deutet mit dem Skistock auf den darunterliegenden Hang. Schnell verstehen wir das Konzept unseres Tiefschnee-Schnuppervormittags: Sie fährt heute mit uns überall dort runter, wo wir normalerweise nicht fahren würden. Doch es macht Spaß und ist dank der extrem breiten Tiefschnee- Ski für den geübten Skifahrer gar nicht so schwer. Sanft gleiten wir über den weichen Untergrund, bei jeder Kurve staubt der Schnee. Schnell lernen wir, dass wir nicht abrupt in die Kurven fahren dürfen.

Es ist eine Ahnung von der Faszination des Freeridens, die wir erhalten. Doch wir sind nach jedem Geländeritt auch froh, wenn wir vertrautes Pistenterrain unter den Ski spüren. Das Naturerlebnis, von dem viele Freerider schwärmen, reizt uns nicht sooo sehr.

„Das Tiefschneefahren war schon immer eine Leidenschaft der Einheimischen von Fieberbrunn, weil wir hier eine perfekte Topografie haben“, erklärt Florian Phleps, Geschäftsführer der Tourismusregion Pillerseetal, „wir haben schöne Hänge in Bergbahnnähe, leichte Aufstiege und ein relativ sicheres Gebiet.“

Fieberbrunn hat seit einigen Jahren das Freeriden als einen von mehreren Tourismus-Schwerpunkten entdeckt. Der Ort richtet nicht nur einmal im Jahr einen Wettbewerb der Freeride-Worldtour aus, sondern wirbt aktiv für Tiefschneefahrten rund um seine Bergbahnen. „Hier gibt es nicht lauter Absperrungen, die sagen, hier darfst du nicht“, sagt die deutsche Snowboarderin Nicola Thost, die 1998 bei den Olympischen Winterspielen Gold gewonnen hat. „Man merkt, dass man hier als Freerider willkommen ist.“ 

Weite Hosen, fette Skier und die Helmkamera

Trotzdem fährt die Mehrzahl der Ski- und Snowboardfahrer weiterhin brav auf den Pisten. „Das Freeriden ist kein Massenthema, wir verkaufen vielleicht fünf Prozent der Bergbahntickets an Freerider – aber ihre Zahl steigt schnell an“, sagt Florian Phleps. Das Freeriden sei ein wichtiges Imagethema für seinen Ort, der als schneesicherstes Skigebiet Tirols bekannt ist. „Wir bekommen ein jüngeres und internationaleres Publikum“, sagt der Tourismus- Fachmann.

Auf dem Lärchfilzkogel fallen die Freerider schnell auf. Sie tragen weitere Hosen, ihre Ski sind breiter, auf ihrem Rücken hängt ein Lawinen-Airbag, auf dem Kopf dokumentiert eine Helmkamera ihre Bewegungen. Und sie beginnen ihre Fahrt dort, wo ein Schild sie ausdrücklich warnt: Benutzung auf eigene Gefahr.

Auf diese Weise kommt Fieberbrunn seiner Informationspflicht nach. Hindern will und kann man die Fahrer ohnehin nicht, sich ins Gelände zu wagen. „Wir haben in Tirol das Recht des freien Bewegens im Gebirge“, erklärt Florian Phleps. Er vertraut auf die Eigenverantwortung der Fahrer. Tiefschneefahrer sollten erfahrene Skifahrer sein, die mit den Grundregeln ihres Sportes vertraut sind. Sie sollten eine Sicherheitsausrüstung mit sich führen, Ortskenntnisse besitzen oder einem Bergführer folgen.

"Man ist Gast auf dem Berg"

Bisher ist in Fieberbrunn alles gut gegangen. Laut seiner Statistik ist Skifahren auf der Piste sogar gefährlicher. „Wir haben im letzten Jahr einen einzigen organisierten Einsatz des Bergrettungsdienstes im freien Gelände gehabt“, berichtet Florian Phleps, „auf der Piste haben wir das jeden Tag.“ Dafür droht im Tiefschnee durch die möglichen Lawinenabgänge Lebensgefahr. In Fieberbrunn ist jedoch nach Aussage von Florian Phleps in den vergangenen Jahren niemand von einer Lawine verschüttet worden.

Vielen Tiefschneefahrern und Tourengehern geht es auch darum, die Natur und die Stille der Berge zu genießen. „Man ist Gast auf dem Berg und muss die Natur respektieren“, erklärt die österreichische Profi-Freeriderin Eva Walkner. Dazu zähle, nicht in den Jungwald hineinzufahren und keine Tiere aufzuscheuchen. Fieberbrunn arbeitet mit der örtlichen Jägerschaft zusammen und hat Rückzugsgebiete für das Wild ausgemacht, in denen nicht gefahren werden sollte. Klar ist allerdings auch, was Eva Walkner sagt: „Der gesamte Skisport ist nicht umweltfreundlich.“

Aber es macht Spaß. Marja Persson stoppt am Waldrand und zückt ihr Smartphone. „Jetzt fahr auf mich zu, damit ich dich fotografieren kann“, sagt sie. Ach ja, auch das ist Freeriden: Alles muss gefilmt und fotografiert werden. Aber es wird nur wenige Stunden dauern, dann werden auch wir uns über die Bilder aus dem Tiefschnee freuen.

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