Österreich : Welterbe mit Winzerspeck

Der Nationalpark am Neusiedler See ist besonders artenreich. Und nach der Naturtour lässt sich's gut einkehren.

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Burgenländische Gastlichkeit. Wie hier in Rust locken am Neusiedler See viele Restaurants mit Speis' und Trank.
Burgenländische Gastlichkeit. Wie hier in Rust locken am Neusiedler See viele Restaurants mit Speis' und Trank.Foto: Mauritius Images

Mit Sonnenaufgang kommt Leben in den Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel. Die Natur ist längst erwacht, als die Menschen langsam zu sich kommen. Biologin Elke Schmelzer, „Outdoor- und Freizeit-Managerin“ der St. Martins Therme & Lodge, hat die Gäste ausschlafen lassen. Gegen 8 Uhr 30 erst sammelt sie ihr Grüppchen am Kleinbus, alle ausgerüstet mit Ferngläsern und Fotoapparaten, manche sogar mit Artenbestimmungsbüchern. Elke holt die Landkarte heraus und erklärt: „Am Neusiedler See findet man eng beieinander die unterschiedlichsten Lebensräume: den Wald des Leithagebirges, Trockenrasen, Salz- und Sandlebensräume, Weingärten, Straßendörfer, Seerandwiesen, den Schilfgürtel und letztlich das Wasser des jüngsten und westlichsten Steppensees Europas.“ Dieser beeindruckende biologische „Vielvölkerstaat“ liegt zwischen Alpen und Puszta, wo Arten aus alpinen, pannonischen und mediterranen Landschaften zu Hause sind. Die gesamte Region mit dem See, dessen südlicher Zipfel zu Ungarn gehört, gehört seit 2001 zum Unesco-Welterbe.

Auf zur Exkursion, zuerst per Bus, dann zu Fuß, über Feldwege und Dämme, hinauf auf Beobachtungstürme. Vorbei an Weingärten, Wäldchen und Dünen. Auf den Weiden stehen Graurinder, Wasserbüffel, Wildpferde und weiße Esel. Immer wieder gibt’s Pausen zum Schauen, zum Entdecken: Flussregenpfeifer, Kampfläufer, Graugänse und ihre Gössel … „Dort hinten balzen die Großtrappen!“, sagt Elke und ermuntert zum Blick durchs aufgestellte Beobachtungsfernrohr. „Die Hähne haben ihr helles Untergefieder nach außen gestülpt und schreiten umher, um sich gegenseitig Respekt einzuflößen und den Hennen Bewunderung abzuringen.“ Durch die Optik scheint das Schauspiel zum Greifen nah.

Wer zoologischer Laie ist, sollte sich unbedingt einer Exkursion mit Experten anschließen, um seltene Arten aus dem Gewimmel des Federviehs herauszufinden und all die anderen Tiere zu entdecken. Solche Touren organisieren das Nationalparkzentrum in Ilmitz und die St.-Martins-Lodge.


Das vor knapp einem Jahr eröffnete Haus ist der jüngste Hotelneubau der Region. Es wirbt damit, „die erste Lodge Mitteleuropas“ zu sein. Nun, es gibt Argumente dafür, dass das Lodge-Konzept auch diesseits von Afrika funktioniert. Da ist zunächst im Haus die optische Annäherung an die Natur: Farben zwischen Sand und Dunkelbraun; Materialien wie Holz, Bast und Schilf oder die Holzbalkons mit Aussicht bis zum Horizont. Überzeugender als das Ambiente ist jedoch die Nähe zur Natur, das Entdeckerkonzept der Lodge. Die „Big Five“ heißen hier: Wasserbüffel, Graurind, Großtrappe, Seeadler und womöglich Goldschakal.

Es gibt allerdings auch Skeptiker, die mit dem Begriff „Lodge“ in St. Martin nicht so viel anzufangen wissen. Vor allem die Größe des Gebäudes – 150 Zimmer nebst Therme mit Rutsche und entsprechendem Parkplatz – widerspricht der Vorstellung vom kleinen Gästehaus in Savanne oder Regenwald. Hinzu kommt ein Problem, dessen Lösung in den Händen der Natur liegt. Hotel und Therme wurden selbstverständlich nicht in den Naturpark gepflanzt, sondern verdecken einen Schandfleck in der Landschaft, eine geflutete Kiesgrube. Das bringt allerdings mit sich, dass raschelndes Schilf und schnatternde Gänse weit weg sind. Noch dringen entsprechende Naturgeräusche noch nicht bis an die Terrassen. Es dauert, bis das Gewachsene das Gebaute umarmt.

Mittagszeit. Wer bei all der Wanderei Hunger bekommt, dem kann rund um den Neusiedler See natürlich geholfen werden. Dass in der Gastronomie die bodenständige Küche den Ton angibt, ist keine Neuheit der vergangenen Jahre. „Die Handelswege“, sagt Josef Lentsch, Wirt des Gasthofes Zur Dankbarkeit in Podersdorf, „führten an unserer armen und abgelegenen Gegend immer sehr weiträumig vorbei. Also mussten sich die hiesigen Gastwirte auf das verlassen, was sie selber oder die Bauern aus der unmittelbaren Umgebung erzeugen konnten. Mein Großvater begann sogar den Wein, den er ausschenken wollte, selbst anzubauen.“ Der Vater gehörte auch zu denen, die in den Siebzigern gegen den Trend die Fahne der burgenländisch-pannonischen Küche hochhielten. Bei Lentsch kommt heute, modern leicht, die Geschichte all jener auf den Tisch, die ihre Küche in die Region brachten: Kroaten und Ungarn, Schwaben, Böhmen und Juden.

Und weil all die Köstlichkeit nicht erst in seiner Küche beginnt, erzählt Lentsch gern über seine Lieferanten: Als ersten nennt er Erich Stekovics in Frauenkirchen, den „Kaiser der Paradeiser“. Fast dreitausend Sorten Tomaten aus aller Welt hat er auf seinem Feld versammelt: kirschkerngroße und dicke Bollen, kugelige, zapfen- und gurkenförmige, rote, gelbe und grüne. Im Spätsommer lädt Stekovics zu Verkostungen in seine Tomatenanlagen. Und Johann Schwarz aus Podersdorf sei der ideale Fleischhauer und mache den besten Winzerspeck, „vielleicht, weil er auch selber Winzer ist“, sagt Lentsch. Wer mal etwas vom Mangalitza-Schwein kosten will, kann das bei Josef Waba in Podersdorf oder beim Gowerl Haus in Ilmitz. „Und die Steppenrinder aus dem Nationalpark, die verarbeitet einzig Martin Karlo aus Pamhagen“, sagt Lentsch. Um gute Adressen für Eiernudeln, Seespargel und Fisch geht es. Wahrscheinlich könnte der Wirt noch ewig fortfahren, hätte sich nicht der von breitkronigen Bäumen überdachte Gastgarten so gefüllt, dass der Chef nun dringend mit zupacken muss.

Es ist 14 Uhr. Im Hafen von Rust wollen die Wartenden in See stechen. Eine knappe Stunde durch Schilf und Wellen, mit ein paar Ansagen vom Band: Der See ist kaum irgendwo tiefer als 1,80 Meter, im Sommer badewannenwarm, im Winter oft zugefroren. Er hat nur einen winzigen Zufluss und speist sich ansonsten aus Regenwasser sowie ein paar Quellen am Grund. Und: Irgendwann wird der Schrumpfende gänzlich verschwunden sein – zugewachsen und verdunstet.

Der Nachmittag geht seinem Ende entgegen. Gleich wird „Bürgermeister“ Josef Haubenwallner sein Dorf schließen. Sein Museumsdorf in Mönchhof. Er wird in jedem der fast 30 Gebäude, den Bauernhöfen und der Kirche, den Werkstätten und dem Kino, dem Pfarrhaus und der Feuerwehr nach dem Rechten schauen, wird das Licht ausknipsen und den alten Schlüssel im Schloss herumdrehen. Josef ist nicht Museumsangestellter, er besitzt das vom Museumsbund anerkannte Dorf. „Als junger Kerl habe ich angefangen zu sammeln, was weggeworfen werden sollte. Nun, seit zwanzig Jahren, pflanze ich Häuser, die abgerissen werden sollen, hierher um. Es wäre doch so schade um alles.“

Der Abend rund um den Neusiedler See hat viele Facetten. In Eisenstadt strömen Konzertbesucher zum barocken Schloss, in jenen Festsaal, für den Joseph Haydn als Kapellmeister der Esterhazys so viele Stücke verfasst hat. In Neusiedl treffen sich Gourmets an der Bar des schicken Restaurants „Mole West“, warten geduldig, bis ein Tisch über den Wellen des Sees mit Blick auf den Bootshafen frei wird und sie die Wahl haben von Tapas über Biorisotto bis Wild oder Iberico-Schweinsrücken mit Neusiedler Grillgemüse. In Podersdorf hingegen geht’s am „Platz der Radchampions“ – wo sich alljährlich die Österreich-Rundfahrt entscheidet – eher gediegen zu. Es wird getanzt, während ein Tenor von den Fischern bei Capri singt.

Stockfinster ist es jetzt. Elke Schmelzer und ihr Safaritrüppchen stehen in der Dunkelheit der „Hölle“ – einem Uferbereich fern jeder Besiedlung. Sie schauen durch Nachtsichtgeräte, die die Expertin verteilt hat, und lauschen dem Knistern in einem Kästchen. Die Wunderkiste macht die Ultraschall-Dialoge der Fledermäuse für das menschliche Ohr gut hörbar. Was sich die Tiere wohl erzählen?
Gegen Mitternacht schließlich stehen die Amateurforscher auf dem Friedhof von Apetlon. Rauschende alte Bäumen, flackernde Grablichter – kaum jemand wagt zu atmen. Eine Eule ruft. Flügelschlagen über den Köpfen. Wieder ein Blick durch die erhellende Optik. Manche sehen das Tier im Geäst hocken. Andere nicht. Fasziniert sind alle.

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