Pertisau am Achensee : Endlich in die Spur kommen

Rund um den Tiroler Achensee breitet sich ein 200 Kilometer großes Loipennetz aus. Ein Dorado für Anfänger und Cracks.

Gabriele Beautemps
Bahn frei. Wer nicht bremsen kann, muss eben schneidig überholen.
Bahn frei. Wer nicht bremsen kann, muss eben schneidig überholen.Foto: promo

„Lass laufen, nimm den Schwung mit!“ Erich, der Langlauflehrer, nennt es die Gratismeter, die man dank richtiger Technik mitnehmen kann. Angeblich spart man so 25 Prozent Energie. Die Frau in der Loipe neben mir hat davon offenbar noch nichts gehört. Sie schiebt sich ein wenig schwerfällig die Spur entlang, vermeidet es dabei tunlichst, den Ski anzuheben, und kann vor lauter Anstrengung den schönen Blick in die verschneite Winterlandschaft am Achensee gar nicht genießen. „Die Dame macht sich das Leben unnötig schwer“, kommentiert Erich. Vielen Langläufern, die sich im Gegensatz zu den Kollegen von der alpinen Fraktion den Skikurs sparen, geht’s ähnlich.

Am Achensee erkannte Gustav Leithner, Skilehrer aus Pertisau, schon Ende der 60er Jahre die Notwendigkeit – und wahrscheinlich auch das Geschäft –, Skikurse für Langläufer zu entwickeln. Er wollte eine ebenso verbindliche Ausbildung wie im alpinen Skisport etablieren und tüftelte einen Lehrplan für den Langlaufunterricht aus. Leithner musste etliche bürokratische Hürden nehmen, doch er setzte sich durch. Seit 1977 kommen Langlauflehrer aus allen Teilen Österreichs nach Pertisau, um zu lernen, wie sie Schüler ans Laufen bekommen. Anfangs war Skating noch kein Thema. Doch auch heute gilt: Wer noch nie auf Langlaufbrettern gestanden hat, sollte erst einmal im klassischen Stil, also in der gespurten Loipe anfangen, denn Skating ist vom Bewegungsablauf anspruchsvoller.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Initiative ausgerechnet von Pertisau ausging. Am Achensee rangiert Langlauf klar vor dem alpinen Skisport. Die Region gehört zu den Toplanglaufgebieten in den Alpen, mehr als 200 Kilometer Loipen ziehen sich durch das Hochtal zwischen Rofan- und Karwendelgebirge.

Drei Tage à zwei Stunden, dann hat man den Dreh raus

Während die Fortgeschrittenen auf einer mit rot, also mittelschwer, gekennzeichneten Loipe versuchen, abschüssige Kurven sicher hinunterzufahren, probiert die Anfängergruppe auf der Übungsloipe vor der Skischule, das Gleichgewicht zu halten. Anschließend kommt „schonendes Fallen“ dran. „Sieht ein bisschen dämlich aus“, räumt Langlauflehrer Christian ein. „Aber hier kennt euch ja keiner.“ Drei Tage à zwei Stunden, dann haben die meisten den Dreh raus. Nur der Mann aus Mallorca brauchte drei Winter, um einzusehen, dass er für Skisport einfach nicht geschaffen ist.

Nachmittags üben die Kursteilnehmer für sich allein. Möglichkeiten gibt’s in unmittelbarer Ortsnähe – auf dem Gelände des Golfplatzes und auf der Wiese oberhalb vom Achensee, der zurzeit Winterschlaf hält. Der größte See Tirols friert zwar nur alle paar Jahre zu, doch die Ausflugsschiffe nehmen erst im Mai wieder Fahrt auf. Im Winter liegen sie, verhüllt mit einem Plastikcape, auf dem Trockenen.

Erich ist derweil damit beschäftigt, uns Fortgeschrittenen, in der Mehrzahl Autodidakten, die über Jahre eingerissenen Fehler abzugewöhnen. In meinem Fall geht’s um zu vorzeitigen Stockeinsatz. „Damit bremst Du Dich unnötig aus“, erklärt Erich. Kein Wunder, dass schon seit Jahren Mitläufer mit ähnlicher Kondition offenbar mühelos vorbeiziehen. Es ist wie im richtigen Leben: Hat man einen Fehler einmal intus, fällt es schwer, ihn zu korrigieren. Angeblich muss man etwas 7000 Mal ausführen, bis sich die Bewegung automatisiert. Am besten fang’ ich gleich heute Abend an, mir den voreiligen Stockeinsatz abzutrainieren. Pertisau ist sowie keine Partyzone. Und nach einem Tag an der frischen Winterluft sind eh alle müde.

„Der Langlauf hat sich in den letzten Jahren total geändert“

Die Spur für die Loipen wird bereits im Oktober abgesteckt. Mit dem ersten Frost im November beginnt man, sie mit Kunstschnee zu präparieren. „Dazu nutzen wir die überschüssigen Wasser- und Stromkapazitäten in der ruhigen Zeit zwischen Sommer- und Wintersaison“, erklärt Christoph Leithner, der Sohn des Langlaufpioniers Gustav, der die Skischule vom Vater übernommen hat. Der Kunstschnee dient als Grundlage für die weiße Pracht von oben, die dieses Jahr bereits Mitte November herabrieselte. Darüber hinaus können rund 40 Loipenkilometer beschneit werden.

„Der Langlauf hat sich in den letzten Jahren total geändert. Da sind einmal die Landschaftsgenießer, die es ruhig mögen, und dann die Supersportlichen, die Langlauf als Fitnesstraining betrachten“, sagt Christoph Leithner. Mit Letzteren kann er, der Tiroler Landesmeister von 1985, immer noch gut mithalten.

Am Achensee können beide Spezies eine Woche lang jeden Tag eine andere Loipe ausprobieren: die Panoramaloipe von Pertisau nach Maurach, immer wieder mit Blick auf den See, der sich wie ein Fjord zwischen die Berge gezwängt hat. Oder die Guffertloipe von Achenkirch nach Steinberg am Rofan, zwölf Kilometer und 259 Höhenmeter durch verschneite Wälder und an Gebirgsbächen mit glitzernden Eiszapfen entlang. Zudem führen vom Langlaufzentrum in Pertisau drei Loipen in die Karwendeltäler. Zur Graimaualm, zur Gernalm und ins Tristenautal. „Die Letzte ist die schwerste. Da gibt es keine Hütte am Talschluss“, sagt Christoph Leithner schmunzelnd. Die Aussicht auf einen Kaiserschmarrn kann enorm motivieren.

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