Salzburg : Die roten Schuhe der Bischöfe

Fünf Museen auf einen Streich: Im neuen Domquartier in Salzburg lustwandeln Besucher in erster Etage durch Barock.

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Schönheit an der Salzach. Salzburg besticht nicht nur durch prunkvolle Bauten, sondern auch durch die malerische Lage.
Schönheit an der Salzach. Salzburg besticht nicht nur durch prunkvolle Bauten, sondern auch durch die malerische Lage.Foto: HG Esch/picture-alliance

Der Salzburger Domplatz glänzt in den Spiegelungen des frischen Regens. Das Maiwetter, das man ebenso gut als Aprilwetter werten könnte, sorgt für abrupte Wechsel. Allerdings nicht durchweg zum Vorteil: Denn dass der Domplatz in seiner Asphaltierung allzu gleichförmig aussieht, ob Regen oder Sonnenschein, das ahnt der Besucher schon beim ersten Betreten.

Aber natürlich wird die Fläche benötigt, schön eben und trittsicher, für die Zuschauer des „Jedermann“, den sich Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ausgedacht haben. Dabei muss man nur in einige wenige „Durchhäuser“ gehen, so etwas wie eine Frühform von Passagen, um das ursprüngliche Katzenkopfpflaster zu erleben, aus rundgespülten Steinen des Salzburger „Hausflusses“ Salzach, um buchstäblich den Eindruck der authentischen Pflasterung zu spüren. Für die Damenwelt dürfte der Eindruck ein eher zwiespältiger sein. Auf hohen, ach was, auch nur leicht erhöhten Absätzen spaziert sich’s darauf gewiss nicht eben einfach.

Aber warum auf Normalhöhe dahinstapfen, wenn man auch ein Stockwerk höher lustwandeln kann? Genau das werden sich die Verantwortlichen des Projekts „Domquartier“ in Wiederaufnahme hochherrschaftlicher Besonderheit gedacht haben. Von außen, vom Platz her ist dabei nichts zu erkennen. Tatsächlich ist eine Verbindung der Bauten rings um den Domplatz wiedererstanden, die es zu den Zeiten der barocken Fürstbischöfe gegeben hat, die Salzburg ebenso regiert wie reich ausgestattet haben. Von diesem Wochenende an ist es möglich, auf den Spuren der rot beschuhten Bischöfe zwischen Residenz, Dom und St. Peter zu wandeln – ohne von den Unbilden des Salzburger Wetters behelligt zu werden.

1200 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte

Die beteiligten Institutionen sind lange schon am Platze, also was hat sich geändert? Neu ist allein das Museum St. Peter, „in einem baulich neu erschlossenen Trakt der Residenz“, wie der Flyer zum Gemeinschaftswerk hervorhebt. In der Tat bildet das Museum das fehlende Glied der Kette rings um den Domplatz – genau gegenüber der Fassade des Doms, der in einer enormen Kraftanstrengung zwischen 1614 und 1628 aufgerichtet wurde. Er wird jetzt auf der Höhe der Orgelempore durchschritten, unmittelbar am Orgeltisch vorbei. Absolventen der Universität Mozarteum – wie sie sich in vollständiger Namensnennung bezeichnet – üben hier und geben alltägliche Konzerte. So wie Jewgenij Wereschtschagin, der zu mittäglicher Stunde Bach darbietet, Präludium und Fuge in e-Moll, BWV 548.

Der Sinn des Rundgangs ist natürlich nicht der Rundgang selbst. Nicht die Beschirmung gegenüber dem, wie jedermann beinahe entschuldigend versichert, unsicheren Salzburger Wetter. Sondern es geht um einen Rundgang, der 1200 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte erlebbar macht. So lange besteht jedenfalls das Kloster der Erzabtei St. Peter, das irgendwie der Säkularisation der napoleonischen Jahre entrann und sich daher stolz als „ältestes Kloster im deutschen Sprachraum mit einer ungebrochenen Kontinuität“ bezeichnet.

Erzabt Korbinian Birnbacher, der dem Kloster seit 2013 vorsteht, führt das Haus in die Gegenwart. Er spricht über Immobiliengeschäfte, als seien sie die reine Selbstverständlichkeit. So wurde es möglich, das Kloster in den Rundgang einzubeziehen, als Immobilie unter anderen. Und zugleich als ein einzigartiges Museum. Denn hier werden Fragen beantwortet, die heutige Besucher an die fremd und fern gewordene Institution des Klosters stellen können. Wie kommt man überhaupt dazu, in ein Kloster eintreten zu wollen?

Das Salzburger Leitmotiv ist Barock

Ob es sich beim „Domquartier“ nun um fünf oder, wie der Flyer aufzählt, gleich neun Institutionen handelt, die da mittun, ist unerheblich. Entscheidend ist, dass der jahrhundertealte Rundgang um den Domplatz herum in neuer Weise vollendet wurde: als eine zugleich öffentliche wie wundersam abgeschiedene Raumfolge. Zwischen dem ehrwürdigen Residenzmuseum, dem Dom selbst und dem Abstecher in die überraschend mehrgestaltige Franziskanerkirche, die mit ihrem Hallenchor einen spätgotischen Kontrapunkt setzt, wird nun eine Tour durch Jahrhunderte möglich, die in solcher Dichte in Europa kaum ihresgleichen hat.

Das Salzburger Leitmotiv ist Barock. Es ist die Zeit, da die wohlhabende Residenzstadt ihre Form gewann. Da wäre, nicht zum „Domquartier“ gehörend, auch die großartige Kollegienkirche zu nennen, errichtet zur Gründung der Universität. Sie strahlt nach nunmehr abgeschlossener, zehnjähriger Restaurierung im Inneren so gleißend, wie sie wohl von Anfang an hat aussehen sollen, ihre Bauformen in vereinheitlichendem Weiß zurücknehmend. Der Dom zeigt sich farblich vielfältiger, das Weiß lediglich als Grundton, vor dem sich die Ausmalungen des Tonnengewölbes über dem Langhaus und der Kuppel über der Querung eindrucksvoll abheben.

Im Rohzustand ist der Marmor wenig beeindruckend

Ausmalungen und farbige Steine: Salzburg hat das Glück eines eigenen Marmorsteinbruchs. Seit Jahrhunderten liefert der nahe Untersberg diese besondere Form des Kalksteins, vorzugsweise denjenigen mit rötlichen Sprenkeln. Im Rohzustand ist der Marmor alles andere als beeindruckend. Allenfalls geben die Schilderungen der Schneidetechnik eine Ahnung von der Besonderheit und dem Wert dieses Gesteins. Tonnenschwere Brocken wurden einst in alle habsburgischen Lande versandt, um beispielsweise als Pestsäulen auf Marktplätzen aufzuragen. Was einst die Arbeit hunderter Steinmetze war, erledigt heute eine eher bescheiden anmutende Ansammlung von Maschinen.

Im nahen „Marmormuseum“ geben Modelle, die mit Räderwerk und Seilzügen das Herz jedes Bastlers höher schlagen lassen, eine Vorstellung von Verfeinerung und Rationalisierung der Bearbeitung, bei der aus einem Gesteinsblock schimmernde Platten hervorgingen. Als es noch solcher Mechanik bedurfte, die nun ihrerseits der Vergangenheit angehört.

Auch der Steinbruch ist vom nassen Maiwetter gezeichnet. Feuchtigkeit kriecht von unten herauf. Ob hier draußen oder auf dem nassglänzenden Domplatz, macht kaum einen Unterschied. Im Rundgang des „Domquartiers“ ist der Besucher davor geschützt. Die Fürstbischöfe wussten, warum sie sich vorzugsweise in der Höhe des piano nobile bewegten. Jetzt muss nur noch der Domplatz hergerichtet werden, mit richtigem Kopfsteinpflaster. Dann ist die barocke Illusion perfekt.

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