Salzburger Land : Abseits vom Zirkus

Filzmoos im Salzburger Land hat hochfliegenden Plänen von Investoren widerstanden und sich seine Ruhe bewahrt.

Gerhard Fitzthum
Wie der Winter einmal war. Mit Schneeschuhen im Niemandsland der Roßbrand-Kette im Salzburger Land.
Wie der Winter einmal war. Mit Schneeschuhen im Niemandsland der Roßbrand-Kette im Salzburger Land.Foto: Fitzthum

Ob das gut geht – ins Salzburger Land zu fahren, um eine besinnliche Woche im Schnee zu verbringen? Ist Österreich nicht längst zu einer flächendeckenden Sport- und Spaßzone umgebaut worden, in der es nichts Ursprüngliches mehr gibt, und schon gar keine Stille? Beim Verlassen der Tauernautobahn keimt jedoch Hoffnung auf. Das Nebensträßchen windet sich durch ein tief verschneites Niemandsland, vereinzelt stehen uralte Holzhäuser mit hübschen Glockentürmchen am Hang. Unten frostiger Schatten, oben gleißende Sonne. Von der „Skiwelt Amadé“, zu der das Tal des Fritzbachs gehört, ist rein gar nichts zu sehen.

Vielversprechend auch der Name des Reiseziels – Filzmoos. Das klingt nicht nur bodenständig, sondern geradezu archaisch, lässt eher an eine unzugängliche Sumpflandschaft denken als an ein technisch hochgerüstetes Wintersportziel. Tatsächlich hat Filzmoos nur lächerliche zwölf Pistenkilometer aufzuweisen, empfiehlt sich selbst entsprechend als „stiller Gegenentwurf zum turbulenten Skizirkus“. Dass es an einem Filzmoos benamsten Ort ausuferndes Après-Ski mit Table-Dancing und grelle Videoleinwände oder dröhnende Schneekanonen gibt, ist nun wirklich nicht zu befürchten. Vermutlich wird der Besucher schon froh sein können, nach 20 Uhr noch ein geöffnetes Lokal zu finden.

Kurz nach dem Ortsschild wird der Neuankömmling jäh aus seinen Traumvorstellungen gerissen, schlägt hart auf dem Boden der Realität auf. Filzmoos begrüßt seine Gäste mit der Talstation eines modernen Vierer-Sessellifts, drei röhrenden Schneekanonen und einer gut besuchten Schirmbar. Alles so wie auch anderswo. Es folgen überdimensionierte Neubaublöcke im Pseudo-Heimatstil: In den 70er Jahren haben die Ortsverantwortlichen offenbar Nägel mit Köpfen gemacht, die heimeligen Holzhäuser weggerissen und doppelt so hoch und doppelt so breit gebaut – mit Erkern und Schnitzereien verzierte Riesenkästen, die jedem gesunden Maßstabsempfinden spotten.

Das Geschäft mit Kutschfahrten läuft seit 30 Jahren gut

Besser also, die Mittagseinkehr zu verschieben und erst mal das Weite zu suchen – auf dem Winterwanderweg zu den Hofalmen. Der Schnee knarzt unter den Schuhsohlen, die Lungen blasen weiße Fahnen in die kalte Winterluft. Ahhh, schon fühlt man sich besser. Kurz darauf kommen einem glückliche Kinder auf ihren Schlitten entgegen, dann überholt eine Pferdekutsche, die mit klingelnden Glöckchen ins Reich des Schnees hinausgleitet. An einer Scheune riecht es nach Heu und wenig später nach frischem Mist. Und plötzlich ist er da: Der Winter, wie er früher einmal war.

Mit Pferdestärken zu den Hofalmen, für jeden Gast in Filzmoos ein Muss.
Mit Pferdestärken zu den Hofalmen, für jeden Gast in Filzmoos ein Muss.Foto: TV Filzmoos

Das autofreie Hofalmental gehört zu den Alleinstellungsmerkmalen des winterlichen Filzmoos. Fast jeder Gast geht während seines Aufenthalts wenigstens einmal die vier Kilometer zu Fuß hinein, wenn er sich nicht kutschieren lässt. Kutschfahrten gebe es zwar auch anderswo, aber nur hier werde niemand von Autos auf Asphaltbändern behelligt, sagt Sepp Hofer, der mit seinen beiden Haflingern an der bewirtschafteten Oberhofalm wartet.

Insgesamt acht Bauern böten ihre Dienste an, wobei zwei Dutzend Gespanne im Einsatz seien: „Ein gutes Geschäft, vor allem im Winter“, sagt der leutselige Rentner mit dem wettergegerbten Gesicht grinsend. Insgesamt 52 landwirtschaftliche Betriebe gibt es in der Gemeinde noch, und in den vergangenen 30 Jahren ist kein einziger aufgegeben worden – eine kleine Sensation, fürwahr. Die Bauern arbeiten im Winter bei den Bergbahnen, im Räumdienst oder als Fiaker. Beim Überleben in schwieriger Zeit hilft auch die Selbstvermarktung.

Große Hotelketten will man in Filzmoos nicht

Dass der Talkessel mit den bewirtschafteten Hofalmen noch in seiner Ursprünglichkeit erstrahlt, ist keineswegs selbstverständlich. In den Siebzigern war ein privater Investor aufgetaucht, der das von wilden Felsmassiven umstandene Idyll mit Liftanlagen und Ferienhäusern so recht aufhübschen wollte. Der damalige Gemeinderat war jedoch tatsächlich klug genug, diesem vergifteten Angebot zu widerstehen.

Seit mehr als 20 Jahren im Amt, führt Bürgermeister Sulzberger die Linie seiner Vorgänger mit restriktiven Bebauungsplänen fort. Es gelte nicht nur das Eindringen großer Hotelketten zu verhindern, sondern auch den Zweitwohnungsbau. „Wachstum ist gut, muss aber seine Grenzen haben, man kann ja nicht alles dem Kommerz opfern“, sagt der gebürtige Filzmooser.

Und man hat keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint. Für den sympathischen Mann in der Lodenjacke sind die Skistationen der Pongauer Umgebung Beispiele einer kapitalen Fehlentwicklung. Wer mit der Langsamkeit einer Pferdekutsche ins Dorf zurückkehrt, findet dieses schon viel behaglicher. Der erste Schock ist verflogen.

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