Weissensee : Auf die Kufen, fertig, los

Am Weissensee in Kärnten finden Urlauber eine spiegelglatte Rennstrecke. Die Technik ist kinderleicht, sagt ein Experte.

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So viel Platz gibt’s nicht immer. Ende Januar kommen 3500 Niederländer, um Rennläufe auszutragen. Foto: Gerald Penzl
So viel Platz gibt’s nicht immer. Ende Januar kommen 3500 Niederländer, um Rennläufe auszutragen. Foto: Gerald Penzl

Das hat wohl ordentlich gekracht. Damals, im Winter 1987, als Timothy Dalton im Aston Martin V8 über den zugefrorenen Weissensee donnerte und dabei wie wild auf seine KGB-Verfolger schoss. Einen Monat flogen die Fetzen, dann war die heißeste, pardon, kälteste Szene des James-Bond-Thrillers „Der Hauch des Todes“ abgedreht. Für das perfekt gepflegte Eis war Norbert Janik zuständig. „Ein kleiner Riss, eine winzige Delle“, erzählt der heute 65-Jährige, „und Mr. Dalton hätte sich die Fische von unten angesehen.“

Das ist wohl ein bisschen übertrieben, aber wer konnte und sollte die Tragfähigkeit der elf Kilometer langen Natureisfläche besser beurteilen können als eben Norbert Janik? „Schon als kleiner Bub habe ich schwere Fiakerschlitten über das Eis kutschiert. Da lernt man den See wie seine Westentasche kennen.“ Mr. Dalton sollte die beste Reklame für den Wintersport am Weissensee werden. Ein paar Monate nach dem fulminanten Start des Film riefen die Veranstalter der niederländischen Elfstedentocht, Elf-Städte-Tour, bei Janik an und fragten, ob man auf dem Bond-See gepflegt und sicher Schlittschuh laufen könnte. „Ja, hab ich gesagt“, schmunzelt der Eisexperte, „und schon war der Weissensee der Austragungsort der alternativen Elfstedentocht.“

Seit dem Telefonat hat die Heilige Lidwina, die Schutzpatronin der Schlittschuhläufer, ab Mitte Januar hier viel Besuch. Dann pilgern Tausende kufensüchtiger Niederländer an den Südwestzipfel Kärntens und tragen auf der 6,5 Quadratkilometer großen Prachteisfläche die weltweit größte Eissportveranstaltung aus. Geboren wurde das frostige Wettkampfvergnügen vor gut 100 Jahren. Ein paar – nach heutiger Lesart – Extremsportler hoben die Strecke als Rundkurs zwischen den elf Städten ihrer friesischen Heimat aus der Taufe. Die Elfstedentocht – kurz Tocht – avancierte im Handumdrehen zum größten Wintersportevent der Niederlande. Doch leider, leider machte und macht Väterchen Frost dem Nationalereignis seit Jahrzehnten einen Strich durch die Rechnung; sprich, die friesischen Grachten und Seen frieren selten vernünftig zu.

Am Weissensee sieht die Sache anders aus. Ende Januar, zwei Wochen nach dem Startschuss, ist die „gelbe Gefahr“, wie die Rennläufer mit ihren gelben Trikotnummern von den Seeanrainern augenzwinkernd genannt werden, vorbei. Die Medaillen für die 50-, 100- und 200-Kilometer-Distanzen sind verteilt, und das spiegelblanke Parkett liegt wieder nahezu märchenhaft da.

Ob ich schon mal Schlittschuh gelaufen sei, fragt mich Wolfgang Wernitznig. „Nein“, antworte ich. „Als Kind Roller gefahren?“ Ich nicke. „Gut“, sagt der Eislaufcoach, „dann haben wir ja beste Voraussetzungen. Die Technik ist kinderleicht. Ein Bein gleitet, mit dem anderen stößt man sich ab. In zwei Stunden bist du fit für die Runde über den See.“ Okay, ganz so einfach, wie mir der österreichische Vizemeister im Eisschnelllauf den Kufensport schmackhaft machen möchte, ist die Sache nicht. Aber immerhin, nach einem halben Tag kann ich vorwärts und rückwärts fahren, bremsen und (halbwegs!) saubere Kurven ziehen. Mit anderen Worten: Auch Anfänger sind in den Eislaufschulen am Weissensee gut aufgehoben.

Eislauf ist keine Erfindung der Neuzeit. Vor rund 5000 Jahren schon trauten sich die ersten Wagemutigen mit geschliffenen Tierknochen unter den Füßen aufs Eis, rund 3000 Jahre später flitzten die Kelten bereits mit Metallkufen über die gefrorenen Flüsse und Seen. Im 13. Jahrhundert kamen in den Niederlanden eisenbeschlagene Holzschuhe auf. Im 17. Jahrhundert wurde England das Eldorado der Winterlustbarkeit. Hundert Jahre später hatte jeder Ort, der auf sich hielt, einen Schlittschuhverein.

Was, so die Frage an Arno Kronhofer, macht den See für Schlittschuhläufer so einzigartig? „Die Natur“, sagt der Tourismuschef, „und die Tatsache, dass ihr hier keiner ins Handwerk pfuscht. Wir haben keine Durchgangsstraße, keine Bettenburgen, keinen Skizirkus. Lange bevor Öko und Nachhaltigkeit ein Modewort wurden, haben wir bereits auf Landschaftsschonung gesetzt.“ Anders formuliert: Der 930 Meter über dem Meeresspiegel gelegene, wie ein Fjord in die Landschaft der Karnischen Alpen geschnittene See ist nicht nur Österreichs sauberster Badespaß, er beschert den Schlittschuhfans auch das größte Natureisvergnügen Europas. Viel Sonne, kaum Nebel und wenig Schnee bewirken knackige Minustemperaturen und rund 40 Zentimeter Eisdicke. Für den Rest ist Norbert Janik zuständig. Mit drei Helfern und einer Handvoll Wundermaschinen fegt, kehrt und hobelt der Eismeister seine Dienststelle täglich spiegelglatt. „20 Kilometer Strecke in Kunsteisqualität bin ich den Feriengästen schuldig,“ sagt er stolz.

Zugpferd Nummer zwei am Weissensee ist der Langlauf. Rund 70 Kilometer prima präparierte Doppelspur- und Skating-Loipen führen am Winterparkett entlang, vorbei an Esther’s Jausenstation, durch das Tal oder – für sportlich Gestählte – die Alpl-Loipe 500 Höhenmeter hinauf zur Naggler-Alm-Hütte. Herr – oder besser gesagt Frau – über die leckere Einkehrbaude ist Almut Knaller. „Bei mir kommen nur Regioprodukte, Bio und Faire Trade in den Topf“, sagt die 38-Jährige. Bekehren will sie indes niemanden. „Hauptsache, den Gästen schmeckt’s“, schmunzelt sie. Und in der Tat, die Verbindung von Fisch aus dem Weissensee, Fleisch von glücklichen Kärntner Rindern und Wein vom Ökowinzer kommt hervorragend an.

Ausgeflippter Après-Ski, Schampusorgien oder Promirummel sind am Weissensee unbekannt. „Wer zu uns kommt“, sagt Arno Kronhofer, „will Schlittschuh laufen, über Loipen gleiten, spazieren gehen, gut essen, Ruhe haben und die Natur genießen. Mehr als vier Schlepplifte, einen Sessellift und sechs Kilometer Abfahrt können und wollen wir nicht bieten.“ Doch ohne Trend und Zeitgeist geht es auch in diesem Herrgottswinkel nicht. Das weiß auch der Tourismuschef. Also wirbt er für das Golfspiel auf dem Eis (!) – natürlich mit bunten Bällen – und propagiert Eistauchen als ultimativen Adrenalinkick. Den Weltrekord dazu hat Christian Redl im Februar 2010 aufgestellt. Ohne Sauerstoff, nur mit einem Atemzug, tauchte der Superathlet in 72 Sekunden sage und schreibe eine Strecke von 100 Metern unter der geschlossenen Eisdecke des Sees durch.

Doch bei allen Schlittschuhkufen dieser Welt, Skivergnügen gibt’s natürlich auch. „50 Minuten braucht der Shuttle-Bus zum Millennium-Express“, erzählt Arno Kronhofer. Dort angekommen, steige man in die Gondel und sause hinauf ins Nassfeld. Sausen ist die richtige Vokabel. Eine gute Viertelstunde rattert die mit sechs Kilometern längste Seilbahn der Alpen Richtung Himmel und schwupp, hat man die Qual der Wahl: Welche Abfahrt nehm’ ich? 30 Liftanlagen erschließen rund 110 Pistenkilometer aller Schwierigkeitsgrade. Die längste hat fast acht Kilometer, davon wird das untere Drittel mit der längsten Flutlichtanlage Europas beleuchtet. Das alles ist der Stoff, aus dem Brettlträume sind.

Dazu kommen noch sage und schreibe 25 Restaurants und urgemütliche Hütten. Die meisten besitzen große Terrassen – und die werden gern genutzt. Die Sonne strahle hier öfter als anderswo, heißt es. Frau Holle schüttelt seltener ihre Betten, dafür aber kräftig. Und was die Höhen anbelangt, so findet der Pulverrausch auf moderaten 2000 Metern statt. Kein Wunder also, dass die Leser der größten österreichischen Boulevardzeitung das Nassfeld 2010 zum beliebtesten Skigebiet Österreichs gekürt haben.

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ANREISE

Mit Airberlin (www.airberlin.com) oder Germanwings (www.germanwings.com) nach Klagenfurt. Zum 120 Kilometer entfernten Weissensee kommt man mit der Bahn oder dem Sammeltaxi (z. B.: www.gitschtalreisen-wastian.at; 50 Euro pro Person und Strecke). Oft kann ein Transfer auch mit dem Hotel vereinbart werden.

UNTERKUNFT
Das Spektrum der über das Internet buchbaren Unterkünfte reicht von Privatzimmern in Bauernhöfen über Pensionen und Ferienhäuser bis zum Viersterne-Landhotel „Die Forelle“ im Hauptort Techendorf (www.forellemueller.at, Doppelzimmer ab 138 Euro).

Arrangements mit Übernachtungen im Drei-Sterne-Hotel mit Halbpension und Aktivprogramm gibt es für drei Nächte zum Preis von rund 300 Euro (vier Nächte 350 Euro).

REISEFÜHRER
Marco Polo: Kärnten (2009),

9,95 Euro

AUSKUNFT
Österreich-Werbung im Internet: www.austria.info/de,

touristische Auskünfte unter der Telefonnummer 0180 / 210 1818 (sechs Cent/Anruf).

Informationen zum Weissensee gibt es am Ort in Kärnten unter der Telefonnummer: 0043 / 4713 / 2220, im Internet: www.weissensee.com bzw. zum Skigebiet Nassfeld: www.nassfeld.at,

Norbert Janiks Homepage: www.natureislauf.at

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