Winterurlaub : Flockenträume im Zirbenbett

Geschichten von Skifahrern, Schmugglern und Schneemachern: Im österreichischen Pitztal warten auf Urlauber viele Überraschungen.

Annette Kögel

Der Mann hätte in die Vereinigten Staaten fliegen können, und es hätte ihn keinen Cent gekostet. „Ich war zu einer Tagung des Braunviehzuchtverbandes eingeladen. Aber nach Amerika? Nein. Mir gefällt’s am Boden besser als in der Luft.“ Fritz Lechthaler hält sein wettergegerbtes Gesicht in die Gletschersonne und das Funkgerät ans Ohr. Dann lieber als „Liftbediensteter“, so seine offizielle Berufsbezeichnung, hoch droben auf bis zu 2450 Metern Höhe im Hochzeiger-Skigebiet auf sicherem Bergboden Dienst schieben. Menschen wie Fritz Lechthaler, die trifft man hier, im Pitztal, in Tirol.

Der Mann aus dem Dörfchen Wenns ist 60 Jahre alt, doch das sieht man dem leidenschaftlichen Skifahrer und Tourengeher nicht an. „Das ganze Jahr auf Bergeshöhen in der frischen Luft, das macht sich bemerkbar“, sagt der Liftwart und grinst etwas verlegen. In seinem Häuschen oben am Zollberglift wacht er über die Skifahrer und Snowboarder im Schlepper. Was Lechthaler über die Berge, die Menschen, die Natur alles zu erzählen hat, das ahnt wohl kaum einer der Touristen mit Helm und Skibrille. Etliche der Wintersportler aus dem Flachland ringen – zum ersten Mal in diesem Winter im Schnee in der Höhenluft – um Atem.

Glück haben sie in dem Jahr, die Tourismusmanager vom Pitztal. Schon hier am Hochzeiger, ganz am Anfang des Pitztales, ist alles tief verschneit. Anders als im Vorjahr, als das kalte Felsgrau neben den weißen Kunstschneespuren keine rechte Winterstimmung aufkommen ließ. 7500 Einwohner im Tal leben von den Gästen, rund 8000 Betten gibt es im Tal. Die Skigebiete Hochzeiger sowie der Pitztaler Gletscher mit den Pisten rund um den Rifflsee bieten zwar nicht die größte Zahl an Pistenkilometern in Österreich. „Aber ich liebe es, hier zu arbeiten, weil es am Berg nicht so voll ist und man nie lange am Lift stehen muss“, sagt Skilehrer Gerald „Gerry“ Plan. Liftwart Fritz Lechthaler wiederum versieht seine Arbeit am liebsten am Hochzeiger-Kalbenalpbahn-Lift. „Da ist immer ordentlich Betrieb, da hat man gut zu tun.“

Die Pitztaler Gletscherbahnen lassen sich einiges einfallen, um die Kundschaft bei bester Urlaubslaune zu halten. Da gibt es am Hochzeiger eine VIP-Gondel mit Musikboxen – und zum Saisonauftakt wurde die Kultband Boney M gar mit der Pistenwalze hinaufchauffiert. Der Sessellift zum Gletscher hat eine Sitzheizung.

Die Pitztaler mit Österreichs höchster Seilbahn, der Pitz-Panoramabahn rauf auf den Hinteren Brunnenkogel mit seinen 3440 Metern, kümmern sich zudem seit Jahren um ein besonderes Klientel. „Wir kommen immer hierher zum Trainieren, weil das Skigebiet so gut behindertengerecht ausgebaut ist“, sagt Tomas Lisy, Trainer der tschechischen Behinderten skinational mannschaft. Soeben schiebt Lisy den Sitzmonoskifahrer Oldrich Jelinek an, der nach einem Autounfall seine Leidenschaft fürs Skifahren um keinen Preis aufgeben wollte.

Philip Köstlin, 21 Jahre jung, aus Seefeld, kam mit sogenanntem offenem Rücken zur Welt – auch er ist Monoskifahrer und Pitztal-Fan: „Wir können bei der Tunnelbahn hoch zum Gletscherskigebiet einen Sondereingang für Rollstuhlfahrer nutzen.“ Und wie klappt das, wenn er mit seinem Sportgerät in den Sessellift einsteigen will? „Na, ganz einfach“, sagt er, betätigt den Hebel, und sein Sitzski fährt dank seiner Federung hoch auf Sesselliftsitzhöhe.

Manchmal landen Jugendliche auch im Rollstuhl, weil sie allzu risikofreudig sind. „Also darüber kann ich mich richtig aufregen“, schimpft da sogar der freundliche Liftwart Lechthaler und zeigt aufs Gelände abseits der Piste. „Fast 100 Prozent unseres Gebietes ist lawinensicher, aber gerade viele Snowboarder fühlen sich von Verbotsschildern etwa wegen Aufforstungen geradezu herausgefordert.“ Oder von Spuren im Tiefschnee. „Aber wenn morgens jemand mit einem Führer ins Gelände ging, kann genau diese Passage am Nachmittag kreuzgefährlich sein“, sagt Lechthaler. Der Mann kennt sich aus. Auch in der Sommersaison ist er am Berg, seit 30 Jahren arbeitet er auf der Alm, der Stieralm am Adelberg, und hütet dort Jungvieh. Nein, in die Stadt zieht ihn nichts. Und auch nicht unter die Partypilze. Von den „Hölle-Hölle-Hölle“-Loca tions gibt es – anders als im benachbarten Ötztal – sowieso nur wenige im Familienskigebiet Pitztal. Um die Après-Ski-Stimmung auf der Piste nicht in eine Katerstimmung kippen zu lassen, wird, so heißt es, vielerorts am späten Nachmittag an den Pisten kein Alkohol mehr ausgeschenkt. So wird das lustige Treiben sanft, aber sicher in die Hütten in den Ortschaften verlegt. In den „Hexenkessel“ in Tieflehn beispielsweise, eine urige Hütte mit rustikalem Tiroler Zubehör.

Abseits der Pisten lohnt sich auch ein Ausflug in die Zirbenausstellung im Gemeindeamt in Jerzens. Dieser knorrige Nadelbaum wächst noch oberhalb der üblichen Baumgrenze. Sein helles, weiches Holz kann halbe Wunder bewirken. Wenn man in einem Zirbenbett schläft, so die Versprechungen der Tiroler, reduziere sich der Herzschlag und man wache erholter auf. Und Zirbenschnaps? „Das ist Medizin“, sagt Lechthaler lachend. Den Tropfen haben auch schon die Schmuggler gekannt, die früher hier oben – an der Zollstation vorbei – Waren von und nach Italien gebracht haben. „Je tiefer der Schnee, desto mehr Schmuggler waren da unterwegs, weil die Zöllner ihnen bei solchen Bedingungen nicht nachstellen konnten.“

Heute ist Tiefschnee eher rar. Weil wie überall in den Alpen die Gletscher auch wegen der Klimaerwärmung schmelzen, haben die Pitztaler Lücken im weißen Untergrund sogar schon mit Liften überbrückt. Wo man vor 20 Jahren noch Ski fahren konnte, gondelt man jetzt schon mal von Piste zu Piste. Je nach Lage und Gefälle verliert der Gletscher jedes Jahr rund 50 Meter Länge und ein Meter an Höhe. Aber auch hier will der Tourismusverband jetzt Wintersportgeschichte schreiben, erzählt Gottfried Ennemoser- Hilger, Geschäftsführer des Tourismusverbandes. Zeitgleich mit Zermatt nimmt auch das Pitztal eine neuartige Produktionsanlage für Kunstschnee in 2840 Metern Höhe in Betrieb. Die Technik stammt erstaunlicherweise aus Israel. 15 Meter hoch ist der Turm, aus dem Schnee selbst bei Plusgraden auf die Piste gepustet wird, wie Magister Willi Krüger, Prokurist der Pitztaler Gletscherbahnen, berichtet. „Dann wollen wir auch versuchen, den Gletscher wieder aufzubauen.“ Im Sommer wird das Eis schon mit Planen abgedeckt, den Sommerskilauf hat man eingestellt.

Sechs bis sieben Meter Neuschnee sind für einen Meter neues Gletschereis nötig, weiß Fritz Lechthaler. „Und der Naturschnee muss dafür früh im Winter fallen, der besitzt die besten Eiskristalle, und er ist zudem weicher als Kunstschnee.“ Sagt der Liftwart – und schaut über das weite weiße Alpenpanorama. Er weiß auch, dass seine Kundschaft im Lift vergleichsweise seltener aus Deutschland kommt, häufiger inzwischen aus Belgien, Holland, aber auch Osteuropa anreist. Mit am liebsten, verrät der Mann, seien ihm die Schweizer. Die verstünden was vom Leben in den Bergen und die wüssten auch, dass man das Wetter eben nicht selber machen kann. Nur beim Schnee, da versuchen die Pitztaler eben doch ein kleines bisschen nachzuhelfen.

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