Bootsfahrt durch das Weichseldelta : Immer mit der Strömung

Die „Stasia“ ist wie gemacht für Abenteuerlustige. Sogar auf der schwierigen Weichsel behauptet sich das Hausboot – wenn der Kapitän cool bleibt.

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Geschichte in Stein. Wer den Fluss Nogat entlangschippert, passiert sie: Die Marienburg, 60 Kilometer südöstlich von Danzig gelegen, ist der größte Backsteinbau Europas.
Geschichte in Stein. Wer den Fluss Nogat entlangschippert, passiert sie: Die Marienburg, 60 Kilometer südöstlich von Danzig...Fotos: Markus Franken

Sie ist acht Meter lang, schneeweiß und heißt „Stasia“. An der Reeling der Zwerg-Jacht mit Außenbordmotor, um deren Bug sich sanfte Wellen kräuseln, hängt ein Rettungsring. Er ist so gut befestigt, dass wir Stunden bräuchten, um ihn loszumachen. Unter Deck sind vorhanden: zwei Kochplatten, eine Eckbank mit Esstisch, ein Kühlschrank, Schlafkojen, eine Mini-Toilette. Gebadet wird im Fluss.

Die „Stasia“ erscheint wie gemacht für uns: fünf abenteuerlustige Landratten aus dem Westen, die auf der Weichsel in Richtung Ostsee tuckern wollen. „Königin der Flüsse“ wird der Wasserweg in Polen genannt. „Die Weichsel ist der letzte wilde Strom Europas“, schwärmt Jacek, ein feingliedriger Geschichtsstudent mit Dreitagebart, der im Nebenjob Hausboote vermietet. Dass wir keinen Motorbootführerschein haben, ist offenbar kein Problem. „So was braucht in Polen doch kein Mensch“, beruhigt uns Jacek.

Rybina, vormals Fischerbabke, eine kleine Ortschaft an einem Seitenarm der Weichsel 30 Kilometer östlich von Danzig, ist der Heimathafen unseres Traumschiffs. Unzählige Störche nisten auf Dächern und Stromleitungsmasten. Rund 40 000 Brutpaare sind es in ganz Polen jedes Jahr, sagt Jacek und löst lässig das Tau, mit dem die „Stasia“ an einem Pfeiler festgemacht ist. „Jeder vierte Storch der Welt brütet bei uns.“ Dann klettert er an Bord und lässt uns den Anker lichten: In einem Crashkurs will er uns fit für die Weichsel machen.

Jacek setzt sich ans Steuer und drückt den Gashebel durch, bis der Motor rattert wie ein Rasenmäher und das Boot übers Wasser zu fliegen scheint. Nach ein paar Kurven demonstriert er, wie man bremst, wie man den Rückwärtsgang einlegt – und wie man die Schiffsschraube säubert, wenn sich mal wieder Schlingpflanzen darin verfangen haben. „Alles Weitere steht da drin“, sagt er, und überreicht uns einen dicken Ordner mit Seemannsknoten-Fibeln, Wasserkarten und Notruf-Telefonnummern. Lehrgang beendet. Jacek empfiehlt noch, erst einmal auf diesem Seitenarm der Weichsel Richtung Osten zu fahren: „Eine ideale Route für Anfänger.“ Er wünscht uns viel Glück – und schon tuckern wir los.

Hinter Seerosen und Schilf ragen an den Ufern Erlen und Weiden in den tiefblauen Himmel. Martin, im Alltag Musiker und Philosoph, hat sich ans Steuer gesetzt. Souverän wie ein alter Seebär drückt er den Hebel durch: volle Kraft voraus. Der Motor rattert, die „Stasia“ flitzt übers Wasser, und im Nu sind die Dächer von Rybina am Horizont verschwunden.

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