Mit dem Hausboot durch Masuren : Wo sich der Himmel spiegeln kann

Ein Land ohne Eile, so hat ein Schriftsteller Masuren genannt. Wer hier im Hausboot unterwegs ist, kann das nur unterstreichen.

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Schöner Ankern. In Ryn, dem früheren Rhein am Talter See, finden Bootstouristen topmoderne Anlagen vor.
Schöner Ankern. In Ryn, dem früheren Rhein am Talter See, finden Bootstouristen topmoderne Anlagen vor.Foto: Gerald Penzl

Zum Teufel mit dem Navi! Statt uns direkt von Warschau aus an die Masurischen Seen zu lotsen, beschert uns das alte Ding jede Menge Umwege. Kein Wunder, dass wir erst spät am Abend in Mikolajki ankommen. Gottlob ist die Charterbasis besetzt, doch der Supermarkt hat längst geschlossen. Und so heißt es am nächsten Morgen statt „Leinen los“ erst einmal ab zum Discounter und für eine Woche Lebensmittel einkaufen.

Eindeutig: Polen ist selbst hier an der östlich(st)en Peripherie der EU in der Gemeinschaft angekommen. In den Regalen liegen französischer Crémant, italienische Antipasti, schottischer Lachs und spanischer Schinken ... alles zwar zu höchst portemonnaiefreundlichen Preisen, doch nicht wirklich nötig für eine Bootstour durch Masuren.

In der Marina von Mikolajki (Nikolaiken) geht es zu wie im Taubenschlag. Ein paar Meter weiter schieben sich Heerscharen von Tagesausflüglern durch die Sträßchen, aus den Restaurants der Seepromenade weht Essensduft. Wir passieren die Stadtbrücke und nehmen Kurs auf den schmalen, von Wiesen und Wäldern umrahmten Jezioro Talty, den Talter See. Der Wind zaubert die ersten Krönchen auf die Wellen, Segler pfeilen mit geblähten Spinnakern über das Wasser.

Der erste Eindruck überrascht

Nach zwei Stunden Fahrt wird die Landschaft hügeliger, an den Ufern steht Schilf. Ryn (Rhein), unser Tagesziel am Ende des Sees, empfängt uns mit der Premiumausgabe der Liegeplatzkategorie „Schöner Ankern“. Doch leider dreht sich das Himmelsgebläse während des Anlegemanövers, der Wind kommt jetzt von Land, die Ansteuerung wird zum Glücksspiel. Der Hafenmeister sieht unser Dilemma, spurtet los und hilft.

Das Hausboot, Heim auf Zeit in Masuren
Das Hausboot, Heim auf Zeit in MasurenFoto: Gerald Penzl

„Ryn“, erzählt er später in seinem Büro, „war früher eine der größten Burgen des Deutschritterordens. Heute ist der trutzige Bau ein Vier-Sterne-Hotel mit prima Küche.“ Wir erledigen die Anmeldeformalitäten und machen wir uns auf den Weg in den 3000-Seelen-Ort.

Der erste Eindruck überrascht. Warschau und nicht zuletzt Brüssel haben wohl auch hier tief in die Subventionstöpfe gegriffen und dem realsozialistischen Einheitsgrau mehr als nur einen properen Anstrich verpasst. Vieles wurde liebevoll restauriert.

Am nächsten Tag wollen wir den Talcky Kanal entlangschippern. Aber wo ist er? Wir suchen die Einfahrt mithilfe des Fernglases. Schilf und ein paar Zelte sind zu sehen, kein Kanal. Camper beobachten uns, ahnen, was wir suchen und deuten in Richtung Nordwest. Ah ja, da ist ja das Liliputkanälchen. Ein „Tuuut“ aus dem Schiffshorn zum Dank, und ab geht es durch das Nadelöhr. Es ist der Beginn eines insgesamt elf Kilometer langen, weltverlorenen Wasserstraßengeflechts, das die nördlichen mit den südlichen Masurischen Seen verbindet.

Gizycko hat sich hübsch gemacht

Das „Land ohne Eile“, wie der Schriftsteller Arno Surminski seine Heimat nannte, bittet einen Steinwurf vor der Mündung des Jezioro Boczne in den Niegocin See zu Tisch. „Ihr müsst unbedingt im ,Schwarzen Schwan‘ essen gehen“, hatte uns der Vercharterer ans Herz gelegt. Wir folgen seinem Rat, legen an dem historischen Gasthaus an und lassen uns mit frischen Waldpilzen gefüllte Piroggen schmecken.

Wieder auf dem Wasser, nehmen wir die gut ausgetonnte Fahrrinne Richtung Gizycko (Lötzen) unter den Kiel und steuern nach einer Weile dort den neuen Stadthafen an. Aber nicht nur die „Ekomarina“ macht einen guten Eindruck, auch die ehemalige preußische Provinzstadt hat sich hübsch gemacht.

Rund um den Hafen wurden Lokale und Imbissbuden, Pensionen und Hotels auf Vordermann gebracht, die Weiße Flotte erstrahlt in frischem Glanz, und selbst die preußische Feste Boyen wurde von einem polnischen Verein erneuert und ist nun für Touristen zugänglich. Hoch oben im Café auf dem alten Wasserturm bekommt man beim Rundblick eine Ahnung von der Magie der Seenplatte.

Nicht minder beeindruckend ist die Marina im 20 Kilometer nordwestlicher gelegenen Sztynort (Steinort). Nach der Fahrt durch den Luczanski-Kanal bei Gizycko (Lötzen), ein malerisch-verwunschenes Stück Wasserweg, und einem langen Schlag über den Kisajno See öffnet Neptun in Sztynort nicht nur die Tür zu einem der größten Sportboothäfen der Region. Hier steuern wir auch ein besonderes Kapitel der deutschen Geschichte an.

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