Polen : Im Tal der Schlösser

Rund um Jelenia Gora, früher Hirschberg, besaßen viele Adlige herrliche Sommersitze. Einige prunken wieder.

Gerd W. Seidemann
Lomnitz
Das Hotel-Restaurant Schloss Lomnitz -Foto: dpa

Schnell noch mal die Brille geputzt. Nein, kein Sehfehler. Disneyland in Niederschlesien? Wohl eher nicht. Dennoch: Man glaubt nicht, seinen Augen trauen zu dürfen: ein Märchenschloss wie aus dem Bilderbuch, ganz in Weiß, mit Türmchen an den vier Ecken und einem ritzeroten Dach. Palac Wojanow, das frühere Schloss Schildau unweit von Jelenia Gora (Hirschberg), überrascht den Besucher. Das im Jahr 1839 von König Friedrich Wilhelm III. als Sommersitz für seine Tochter Luise gekaufte Schloss ist fein herausgeputzt. Wer die polnische Region am Fuß des Riesengebirges bereist, wird oft staunen dürfen. Das Hirschberger Tal ist gespickt mit Schlössern und Herrenhäusern, die zum Teil formidabel wieder her- und für Gäste eingerichtet sind. Wo das bisher nicht gelungen ist, erwarten den Besucher besonders anschauliche Geschichtsstunden.

Über eine mit weißem Kies belegte Auffahrt knirscht der Besucher zur Rezeption, wo er freundlich empfangen wird. Seit knapp einem Jahr ist Schildau als Hotel und Tagungsort mit 92 Zimmern sozusagen auferstanden aus Ruinen. Denn das im Jahr 1299 erstmals erwähnte Anwesen - nur einmal, im Dreißigjährigen Krieg zerstört - überstand zwar auf wundersame Weise unbeschadet den Zweiten Weltkrieg, wurde in den Jahren danach jedoch geplündert und anschließend dem sozialistischen Verfall preisgegeben. Die Anstrengungen eines italienischen Investors Ende der 90er Jahre waren dann nicht von Erfolg gekrönt: Kaum war das Schloss 2002 fertig renoviert, brannte es lichterloh - aus welchem Grund auch immer.

Dann trat Piotr Napierala auf den Plan. Der Mann aus Breslau hat sich mit einem kleinen Firmenimperium bei der Restaurierung alter Bausubstanz einen Namen gemacht. Nicht nur in Polen. Auch in Deutschland hat er mit Sachverstand und entsprechenden Fachkräften etwa Jugendstilhäusern oder Wasserschlössern zu neuem Glanz verholfen. Das für seine Vorhaben in Polen notwendige Geld, um völlig heruntergekommene Baudenkmäler zu erhalten und letztlich auch zu einer wirtschaftlichen Nutzung zu verhelfen, sammelt er jeweils ein. "Es gibt in Polen mehr Menschen mit Geld, als man sich gemeinhin vorstellt", sagt der 51-Jährige. Und viel Geld muss auch ins Schloss Schildau geflossen sein. Wie viel? "Sehr viel."

Nun ja, neben dem Schloss mussten auch die Gebäude des "Vorwerks" (Stallungen, Gesinde- und Verwaltergebäude) hergerichtet und ausgebaut werden. Dort sind Tagungsräume, ein ansehnliches Spa mit Pool und zwei Saunas sowie zusätzliche Gästezimmer entstanden. Während Besucher in diesen "Gartenhäusern" gutbürgerlichen Standard vorfinden, sollten die Schlosszimmer besonders schön werden, schließlich ist hier die Übernachtung auch etwas teurer. Die Mühe ist unverkennbar, allein, recht geglückt erscheint die Wahl der Einrichtung nicht. "So etwa stellt sich auch meine Tante Klara eine Schlossmöblierung vor", kommentiert ein leicht amüsierter Gast. Vielleicht etwas krass, allerdings nicht völlig unzutreffend. Doch wer wollte meckern: Komfort ist da und das Personal stets bemüht.

Napierala hat auch die "Stiftung Schlösser und Gärten im Hirschberger Tal", eine Art Schlösserverbund, initiiert. Dazu zählen bislang fünf Anwesen, die unter seiner Regie restauriert wurden. Der Verbund soll nicht nur helfen, Kulturerbe zu bewahren, sondern außerdem als Werbebotschafter für die "Schätze des Tals" dienen. Ein großes Ziel ist, von der Unesco als schutzwürdig anerkannt zu werden. "Wir wollen das große Ganze nach vorn bringen. Noch vor wenigen Jahren war Schloss Lomnitz das einzige Vorzeigeobjekt in unserer Region. Jetzt kommen immer mehr dazu", sagt Piotr Napierala.

Das so gepriesene Lomnitz liegt nur einen Steinwurf von Schildau entfernt. Tatsächlich ein Schmuckstück, dem man heute nicht mehr ansieht, wie viel Kopfschmerzen, Arbeit, Erfindungsreichtum und, nicht zuletzt, Geld der Aufbau seine heutigen Eigentümer und Gönner gekostet hat. "Schlossherrin" Elisabeth von Küster und ihr Mann Ulrich hatten gleich nach der "friedlichen Revolution" in Polen das einstige Anwesen der von Küsters (oder was davon übrig geblieben war) vom Staat gekauft. Als Studenten konnten sie zwar nur kleine Geldbeträge in der Verwandtschaft sammeln, doch gingen sie dann mit umso größerem Enthusiasmus und noch mehr Energie ans Werk, um das, was heute zu bestaunen ist, Stück für Stück zusammenzufügen. Das sogenannte Große Schloss von 1720 dient jetzt nicht nur der inzwischen siebenköpfigen Familie als Wohnraum, sondern auch als Tagungsstätte, Museum, Veranstaltungs- und Ausstellungsort. Das "Kleine Schloss", 1805 als Witwensitz erbaut, ist seit einigen Jahren schon ein schnuckeliges Hotelchen mit zwölf Zimmern und sechs Apartments in drei angrenzenden Gartenhäusern.

Und da einst zu dem eigentlichen Schloss auch der nahe Gutshof gehörte, haben sich die Küsters auch dieser Ruine angenommen. "Schließlich war das hier mal ein Rittergut", sagt Elisabeth von Küster, die offenbar vor keiner Aufgabe zurückschreckt. Erste Erfahrungen (und Rückschläge) im Ackerbau hat sie schon sammeln dürfen. Jetzt schwebt der Berlinerin vor, "so eine Art Domäne Dahlem" einzurichten, nur etwas kommerzieller. In diesem Sommer soll ein Hofladen eröffnen, wo Erzeugnisse aus eigener Produktion verkauft werden. "Ich stelle mir eine Art McDorf vor, mit Imbiss und Ausschank, aber eben preiswert, damit nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische etwas davon haben", sagt die Gutsherrin, die die Fäden hier in der Hand hält, während ihr Mann sein Amt als Richter in Görlitz ausübt. Und sie will Bewusstsein im Dorf dafür wiedererwecken, was Land und dessen Produkte wert sein können.

In ihrer Hotelküche kochen Hausfrauen aus der Umgebung das, was sie bestens können: schlesische Küche. "Alle Köche, mit denen ich es versucht habe, waren Flops. Die haben das mit der einheimischen Küche nicht hinbekommen. Außerdem haben unsere Frauen bisher jeden Pulververtreter von Knorr und anderen, die hier aufgetaucht sind, gleich vom Hof gejagt."

Ob die Vertreter von Tütensuppen quasi nebenan, im Schloss Stonsdorf, mehr Erfolg hatten, darf bezweifelt werden. Hier halten der neue Schlossherr Waclaw Dzida und seine Frau Agata ebenfalls eher auf schlesisch-polnische Tradition, auch wenn in der Küche ein französischer Einschlag zu entdecken ist. "Fünf vor zwölf", sagt Dzida habe er 2001 das völlig marode Landgut gekauft, das bis 1945 der sächsischen Adelsfamilie von Reuss gehörte. Nach dem Krieg dasselbe Lied wie vielerorts: Kinderheim, Feuerwehrschulungsheim, Leerstand, Verfall. Das im späten 18. Jahrhundert errichtete Haupthaus sah entsprechend furchtbar aus.

Während 2002 die ersten Hotelgäste quasi noch auf einer Baustelle nächtigen mussten, sind heute die 30 Zimmer und der prächtige Festsaal mehr als präsentabel. Ein besonderes Bonbon für die Gäste stellt allerdings der Schlosspark in Stonsdorf dar. Er wurde von Lenné entworfen und gehört zu den ersten Grundkonzeptionen eines Parks im englischen Stil in Niederschlesien, mit uraltem Baumbestand und herrlichen Sichtachsen.

Mit Ackerbau - wie Lomnitz - möchten sich die Dzibas hingegen nicht beschäftigen. Ihnen liegt die Förderung der Kunst am Herzen. Seit langem gibt es eine kleine Galerie einheimischer Künstler im Haus, demnächst soll eine Scheune zum "Kunsthaus" umfunktioniert werden.

Nun ist nicht allen Schlössern und Rittergütern im Tal ein derart gnädiges Schicksal beschieden wie Schildau, Lomnitz, Stonsdorf und anderen wiederhergestellten Anwesen wie Palac Paulinum oder dem schicken Schloss Debowy (Eichenschloss), dem ersten "Alles-inklusive-Hotel" Polens. Schon deshalb befürworten sowohl Waclaw Dzida als auch Elisabeth von Küster die Schlösser-Stiftung, die vielleicht zur Rettung einiger Ensembles beitragen kann.

Zum Beispiel Schloss Fischbach (Karpniki). Nach einem Brand 1593 entstand auf dem von einem Wassergraben umschlossenen Grundstück der Vierflügelbau mit Elementen aus Renaissance und Barock. Fischbach ging 1836 an Prinz Carl von Hessen und bei Rhein, der 1844 das Schloss nach einem Entwurf von August Stüler im Stil der Neugotik umbauen ließ. Das Anwesen blieb dann bis 1945 im Besitz der Adelsfamilie. Nach Kriegsende wie gehabt: Plünderung, Schule, Leerstand, Kinderheim - der Verfall war nicht aufzuhalten, das Schloss musste 1973 geräumt werden. Einbrüche und Vandalismus haben dem Inneren den Rest gegeben.

Richtig tragisch und vermutlich exemplarisch für viele Schmuckstücke aus sozialisiertem Besitz: Investoren kommen und gehen, neue Eigentümer stückeln hier und dort, ihnen geht das Geld aus, sie schmeißen hin, nehmen aber das Eichenparkett mit. Wie bei Fischbach, das heute angeblich einer Eigentümergeschaft gehört, die untereinander heillos zerstritten ist. Und so passiert - nichts.

Besucher können das Schloss derzeit nur von außen betrachten. Das mächtige Tor jenseits des Wassergrabens ist verrammelt. Doch wer sich über die zugewucherten Uferwege vorarbeitet, bekommt mit etwas Fantasie einen Eindruck vom höfischen Leben in der Sommerfrische auf einem überaus romantischen Schloss, das noch dazu über einen weitläufigen, heute verwilderten Park verfügt.

Gewerkelt wird schon seit vielen Jahren an Schloss Boberstein. Am Ende der mit Linden bestandenen Zufahrt öffnet sich der Blick auf ein festungsartiges Anwesen, das sich aus naher Sicht als offensichtliche Dauerbaustelle entpuppt. 1994 von einem "Verein für deutsch-polnische Verständigung" erworben, kümmert sich dessen Initiator Günter Artmann, ein Pole, um Substanzsicherung und Renovierung der Anlage aus dem 16. Jahrhundert. Doch es geht nur mühsam voran. Den Verein plagt - wie sollte es anders sein - chronischer Geldmangel. "Erschwerend kommt hinzu, dass Herr Artmann kein einfacher Mensch ist", sagen die Befürworter der Schlösser-Stiftung. Er nehme weder Rat noch Unterstützung an. Artmann, den wir zufällig auf der Baustelle treffen, sieht das anders: "Die Stiftung setzt sich nur für die Interessen der Unternehmen ein, die dahinterstehen." Dem Sanierer Piotr Napierala blutet hingegen das Herz, das denkmalschützerische wie das unternehmerische. "Fischbach muss unbedingt gerettet werden. Auch Boberstein ist wichtig. Allerdings: Solange die Verhältnisse so sind, wie sie sind, und die Eigentümer keinen Rat annehmen, kann man nichts machen. Doch wir geben nicht auf."

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