Polen : Kuckucksruf an der Schleuse

Die Weichsel gilt als wildester Fluss Europas. Doch auch Hobby-Skipper können ihn bezwingen.

Dagmar Krappe
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Sanfte Wellen umspielen den schneeweißen, über acht Meter langen Körper der „Natalia“. Leicht schaukelt das Schiff hin und her. Eine Woche lang wird es mit Gästen im Weichselwerder im Norden Polens unterwegs sein. Sich in die Hände von unerfahrenen Skippern begeben, die gerade noch wissen, wo Backbord und Steuerbord ist, aber ansonsten keinerlei nautische Kenntnisse haben. Einen Führerschein benötigt man nicht, um das Hausboot mit seinen zwölf PS zu steuern.

Zu Beginn das Übliche: Vorwärts geht’s so, rückwärts dann Hebel umlegen, Fahrt rausnehmen; ein paar Schifffahrtzeichen, Knoten für das Anlegemanöver – für den Kurzlehrgang ist Lukasz Krajewski zuständig. Vier Stunden lang übt er mit den Landratten im Hafen von Danzig. Dann sind sie mit „Natalia“ auf sich allein gestellt, nehmen Kurs auf die Weichsel.

„Natalia“ gehört zur Flotte von sechs Motorjachten, die Lukasz Krajewski für einwöchige Touren auf der Weichsel zwischen Danzig und Krakau oder durchs Zulawy Wislane (Weichselwerder) anbietet. „Schon als kleiner Junge fuhr ich mit meinen Eltern zum Segeln ins frühere Jugoslawien. Wasser und Boote haben mich seitdem fasziniert“, erzählt der 34-Jährige. Zur Auswahl stehen fünf Ein- Kabinen-Jachten und die „Aleksandra“, ein größeres Schiff, das über drei getrennte Schlafkabinen verfügt. Sieben Personen passen jeweils auf ein Schiff. Wer nicht selbst steuern möchte, kann auch einen Skipper mieten. Jede Crew erhält vor dem Ablegen eine genaue Routenbeschreibung, Landkarten und Ausflugstipps. Um das Auffüllen der Kraftstoff-, Gas- und Wassertanks muss man sich nicht kümmern. Sie sind so konzipiert, dass sie für einen einwöchigen Trip ausreichen.

Nach drei Stunden ist in Przegalina die erste Schleuse erreicht. Wir heben sie uns für den kommenden Morgen auf und machen vorher an einem Anleger fest. Der nächste Sklep, in Polen eine Art „Tante-Emma-Laden“, ist nicht weit. Schon kurze Zeit später duftet es in der Bordküche nach Rührei mit Schinken. Die Schlafsäcke werden ausgerollt. Erst greller Sonnenschein und nahes Kuckucksrufen lassen uns am nächsten Morgen wieder erwachen.

Die Schleusentore öffnen sich. Da „Natalia“ das einzige Boot in der Kammer ist, haben wir ausreichend Platz. Trotzdem ist Fingerspitzengefühl erforderlich, damit „Natalia“ – etwa durch eine Windböe – nicht an die Schleusenwand gedrückt wird. Sieben Mal müssen wir dieses Abenteuer auf der gesamten Tour bestehen.

Schilf und Seerosen säumen das Ufer des vielleicht 50 Meter breiten Flusses Scharpau. Der Duft der Rapsfelder weht herüber. Kormorane und Enten drehen ihre Runden über unseren Köpfen. Ein paar Angler versuchen ihr Glück. Die zahlreichen Fischreiher scheinen erfolgreicher zu sein. Am Nachmittag wollen wir in Elblag sein. Es beginnt zu nieseln. Mit Daunenjacke und in eine Decke gehüllt trotzen wir dem kalten Nordostwind.

Seit kurzem besteht die Möglichkeit, mit dem gecharterten Boot auch durch den Oberländischen Kanal von Elblag (Elbing) Richtung Ostroda (Osterode) und Ilawa (Deutsch-Eylau) zu fahren. Hier treffen wir auf Lukasz, der mit seiner gerade fertiggestellten Jacht „Aleksandra“ zu einer Testfahrt durch den Kanal aufbrechen will. Dieser künstliche Schifffahrtsweg wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Ingenieur Georg Jakob Steenke gebaut. Um einen Höhenunterschied von fast 100 Metern zu überwinden, schaffte er fünf „schiefe Ebenen“. Die Schiffe haben hier kein Wasser unter dem Kiel, sondern ihr Rumpf liegt auf einem Schienenkarren, der an Seilen über Land gezogen wird. Wer sich eine Fahrt durch den Kanal alleine nicht zutraut, der kann auch einen Tagesausflug von Elblag aus mit einem Boot der Weißen Flotte unternehmen.

Mit knapp zehn Kilometern pro Stunde tuckern wir weiter auf der Nogat, einem Seitenarm der Weichsel. Hin und wieder lassen wir uns einfach nur treiben von Ufer zu Ufer, von Stille zu Stille. Einsame rote Backsteingehöfte lugen hinter Kastanienbäumen hervor. Gelbe Wasserlilien entfalten ihre Blüten im Sonnenschein, Löwenzahnsamen wehen vom nahen Ufer herüber und kitzeln in der Nase. Immer wieder sieht man „Adebars“ über die Wiesen staksen. Angeblich soll jeder vierte Storch auf der Welt „ein Pole“ ein.

An Backbord taucht sie auf, die Marienburg, das Schloss des Deutschen Ritterordens. Wir legen direkt unterhalb der Festung an. Zwei Stunden lang führt uns Grzegorz Stawski durch die größte Backsteinburg Europas. „Die Marienburg wurde ab 1276 in mehreren Etappen erbaut“, berichtet Grzegorz: „Anfang des 14. Jahrhunderts verlegte der Hochmeister des Deutschen Ordens, Siegfried von Feuchtwangen, seinen Sitz von Venedig auf die Marienburg.“ Nach reichlich Geschichtszahlen, Ritternamen und Schlachten wird es Zeit, den Abend kulinarisch ausklingen zu lassen. Zum Sonnenuntergang genießen wir fangfrische Forelle und Zander im Restaurant „U flisaka“.

Drei Schleusen liegen noch vor uns, bis uns die Nogat in die Weichsel entlässt. „In den letzten wilden Fluss Europas“, wie Lukasz Krajewski bei der Einweisung in Danzig betonte. Wir parken das Boot an der Schleuse Biala Gora, nehmen die Fahrräder vom Dachgepäckträger und radeln zehn Kilometer stromaufwärts nach Gniew (Mewe). Auch hier gibt es eine Deutsch-Ordensburg. Wir gönnen uns eine Übernachtung im Schlosshotel. Nebelschwaden wabern über den Wiesen links und rechts der Weichsel.

Am nächsten Tag geht es stromabwärts die Weichsel entlang. Viele Sandbänke machen das Navigieren komplizierter. „Natalia“ muss den Fluss im Zickzack befahren. Markierungen am Ufer zeigen an, wann man die Seite zu wechseln hat. Die nagelneue Marina in Tczew (Dirschau) unweit der historischen Eisenbahnbrücke ist unser letzter Haltepunkt. Die Tore der Schleuse Przegalina sind weit geöffnet. Nach einer Woche „Kapitän auf Zeit“ ist es fast ein Kinderspiel, ein- und auszufahren. Schon kommen die Kräne der Danziger Werften in Sicht. Ein kurzes Stück noch, und „Natalia“ liegt nach 200 Kilometern Mini-Kreuzfahrt wieder fest vertäut am Bootssteg.

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