Bullerö : In den Vorgärten von Stockholm

Stopp an der Schäre: Eine Tour mit der "Waxholm III" führt durch ein Schweden wie im Bilderbuch.

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Gespiegeltes Idyll. Ein Glückspilz, wer ein Sommerhaus wie dieses sein Eigen nennt. Foto: picture-alliance
Gespiegeltes Idyll. Ein Glückspilz, wer ein Sommerhaus wie dieses sein Eigen nennt.Foto: picture-alliance

Zwischen dicken glatten Felsenbacken führt ein Steg auf die Insel, ganz silbern verblichen von Sonne und Salz. Drauf steht ein stämmiger Mann im meerblauen Overall und packt den Tampen der „Waxholm III“ mit seiner Linken. Mit der Rechten stützt er sich auf eine Krücke. Johans Brauen und sein windgebürsteter Schopf sind so weizenblond wie die raschelnden Grasbüschel im Stein hinter ihm. Johan lebt schon 30 Jahre auf Bullerö. Er ist der Inselwärter.

Schnell leert sich das Schiff. Die erhitzten Jungs und Mädchen aus der Kombüse springen kopfüber in die kühlende Ostsee. Die Ausflügler tauchen hinter roten Holzhäusern und Felsenbergen ab in die märchenhafte Insellandschaft. Bullerö ist aber nicht Bullerbü, auch wenn das fast so klingt und auch verdächtig so aussieht wie in Astrid Lindgrens Erzählwelten. Bullerö ist ein Felsenmeer, bewachsen mit Moosglöckchen und leuchtenden Bartflechten, mit einem dichten Kragen aus hellgrünem Schilf. In den Wiesentälern wohnen die Schafe. Wo immer man steht, ragt hinter Felsrücken der rote Schornstein der „Waxholm III“ auf.

Wer einen der sanften Riesen erklettert, kann weit schauen, denn Bullerö ist eine Inselgruppe im Baltischen Meer: 900 große und kleine Inseln bilden ein Naturschutzreservat. Darum muss man zu Brutzeiten die Insel umschiffen. Bullerö besitzt einige idyllische Holzhäuser (zum Übernachten) und ein Museum, in dem die Geschichte bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Fischer und Bauer haben hier gelebt. Später kamen Künstler. Der Maler Bruno Liljefors kaufte die Bullerö 1908, jagte mit Freunden Vögel und fand so Motive für seine Tierbilder.

Bullerös Inseln sind nur Körnchen im gesamten Archipel. Während Stockholm selbst, in Mälarsee (Süßwasser) und Ostsee (Salzwasser) auf 14 Inseln ruht, zieht sich von dort nach Osten und die Küste entlang bis zu 50 Kilometer tief der innere, mittlere und äußere Archipel, der aus 32 000 winzigen und größeren Inseln besteht. Steinhaufen allesamt, aus Gneis und Granit, entstanden in der jüngsten Eiszeit. Und noch immer wachsen Inseln aus dem Meer, drei bis vier Millimeter pro Jahr. So lange Zeit untergetaucht, sind sie nur spärlich mit Nadelwald bewachsen. Die äußeren Schären sind fast kahl.

Wie das schon riecht. Alles frisch in Stockholm. Wie rein gefiltert ist die Luft, bestens geschaffen für einen Ausflug. Morgens an Pier neun Nybrohamnen (Hamnen heißt Hafen) hatte sich ein internationales Grüppchen Reiselustiger vor der „Waxholm III“ versammelt. Christoffer im schmucken weißen Jackett verteilt die Essenbons und heißt alle willkommen. Das mehr als 100 Jahre alte Holzschiff stimmt gleich nostalgisch. Die Mahagonieinbauten sind auf Hochglanz gebracht, die Lederbänke haben schöne Patina. Die „Waxholm III“ fährt uns einen Tag lang durch Stockholms Inselparadies. An Bord gibt’s erst mal einen Kaffee. Dann sucht sich jeder ein Plätzchen mit Aussicht.

Was sind bloß die Schären? 32 000 dieser Felsbrocken im Meer hat jemand gezählt. Bewohnt sind nur 150, insgesamt 12 000 Menschen leben dort. Zwischen den Hauptinseln kreuzen zwar die Fähren, doch sonst ist der Schwede lieber sein eigener Kapitän. Immerhin 150 000 Boote sind registriert.

Schon ziehen Stockholms Stadtinseln vorbei: Djurgarden, die Grüne und weltweit erster Nationalpark inmitten einer Stadt. Alte Industriebauten und elegante Cafés säumen das Ufer von Södermalm. Bei Fjäderholma, wo einst Whisky verschoben wurde und später die Marine Quartier nahm, öffnet sich der Archipel.

Schlichte Holzhäuser stehen auf den Inseln. Falunrot sind sie meist, eine Farbe, die noch im 16. Jahrhundert den höheren Ständen oblag. Sie wurde zur Nationalfarbe der Schweden. Auf bald jedem noch so kleinen Eiland steht so ein Haus. Am Wasser unten der Anleger. Eine schwindelerregend steile Treppe am Hang verbindet beides. Manchmal sieht man auch nur die weiß gerahmten Fenster und Türen durch einen Tuff dichter Nadelbäume schimmern. Stockholms Ferienwelt scheint so klein wie eine Spielzeugeisenbahnlandschaft. Andere Holzhäuser mimen Schloss oder Landhaus.

Die erste Gruppe strebt zum Mittagessen. Es gibt Lachs und Krabben, Käse und sauer eingelegtes Gemüse, und Hering natürlich. Köstlich. Draußen zieht währenddessen Saltsjöbaden (Baden heißt Bad) mit dem türmchenverzierten Grandhotel vorbei, ein Kurort aus dem 19. Jahrhundert, den eine wohlhabende Stockholmer Familie erbaute. Dann treten die Inseln weiter zurück, die Vegetation wird karger. Nur hin und wieder ein Häuschen, ein schaukelndes Boot an Robinsons Eiland.

Auf Kymmendö dürfen wir aussteigen. Wegen August Strindberg. Der Dramatiker mietete 1871 ein Sommerhaus auf der Kapitänsinsel und schrieb dort sein Buch „Die Leute auf Hemsö“. Die Insulaner verziehen ihm allerdings nicht, dass er ihr Leben ausplauderte, und ließen ihn darum nie wieder rauf. Wir stehen jetzt am Zaun vor einer saftigen Wiese und schauen auf eine Farm aus dem späten 19. Jahrhundert und Strindbergs Ferienhaus. Rein dürfen wir nicht.

An Bord wird Kaffee und Kuchen serviert, und in der Bibliothek findet sich ein herrliches Rezeptbilderbuch über Evert Taube. Taube, der als Dichter und Komponist für Liebeslieder und Seeballaden berühmt war, zeigt sich darin als echter Bohemien und leidenschaftlicher Esser. Nackt im Brackwasser sitzend, posiert er mit reichlich Tang dekoriert als Ernest Hemingway. Heute steht sein Enkel Jesper in der Kombüse der „Waxholm III“ und ist verantwortlich für das gute schwedische Buffet.

Wir lassen uns den Wind um die Nase wehen und halten Ausschau nach den Elchen, die hier auf Brautschau von Insel zu Insel schwimmen sollen. Nichts zu sehen. Wahrscheinlich hüten sie längst ihre Jungen. Und dann kommt Bullerö in Sicht und sieht von Weitem so aus wie ein Haufen grauer Elefantenrücken im Meer. Nacktfüßig spazieren wir über die glatten Steinberge, besichtigen das kleine Museum, stecken den Zeh ins kalte Wasser.

Nächster Stopp Sandhamn. Das ist der Seglertreffpunkt der Stockholmer. Cafés und Restaurant sind voll, irgendwo wummert eine Rockband. Das ist nichts für Romantiker. Wir wollen unser Bullerö wiederhaben und machen es uns auf dem leeren Schiff gemütlich. Es ist jetzt wirklich frisch geworden, und wer seine Wollsocken vergessen hat, bekommt schnell Eisbeine. Dann geht’s westwärts, durch die Kanholmsförde, vorbei an Grinda, der Badeinsel, und weiter durch die Saxa-Förde, Trälhavet, und Kurs auf Vaxholm.

Vaxholm gilt als Hauptstadt des Archipels, und das Erste, was man sieht, ist des Schwedenkönigs Gustav Wasas graues Schloss, heute ein Museum. Unser Dampfer fährt stur vorbei. Schade. Wie Dickmilch liegt der Himmel auf dem Wasser. Hin und wieder steht reglos ein Angler am steinigen Ufer. Neben ihm sitzen rotbackige Kinder im Gras. Einzelne Segelboote ziehen in den Sommerabend.

Stockholm ist jetzt nah. Ein Tanker taucht auf, eine mächtige Fähre folgt. Die Inseln kommen wieder näher, die Sommerhäuser werden schicker. Manch einer hat sich sein vanillegelbes Wolkenkuckucksheim oben am Hang gebaut. Ein anderer wollte lieber ein rotes Puppenhaus. Es ist einfach nur schön hier draußen. Eine Bilderbuchwelt ohne bauliche Entgleisungen. Und still ist es. Noch dazu ist alles in Caspar-David-Friedrich-Licht getaucht. Caspar David Friedrich, geboren 1774 im schwedischen Greifswald.

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ANREISE

Mit Air Berlin, Germanwings oder Scandinavian Airlines nach Stockholm. Mit dem Arlanda-Express ist man binnen 20 Minuten im Zentrum. Ticket: 24 Euro

ÜBERNACHTUNG

Schönes Design im alten Gebäude, zentral gelegen: Hotel Skeppsholmen (Insel Skeppsholmen), Gröna Gängen 1, Stockholm, Übernachtung ab rund 125 Euro. Telefon: 0046/8/407 23 29, Internet: www.hotelskeppsholmen.com

SCHIFFSTOUREN

Unsere Fahrt auf der „Waxholm III“ (www.strommakanalbolaget.se) dauerte von 9.30 bis 20.30 Uhr und kostete inklusive Drinks, Kaffee, Mittag- und Abendessen sowie geführten Inseltouren rund 100 Euro. Andere Schiffsausflüge findet man im Internet zum Beispiel unter den Adressen: www.waxholmsbolaget.se (Schiffsverkehr zwischen den Inseln), www.minisemester.nu oder www.cinderellabatarna.se

LITERATUR
Stockholm mit Schärengärten, Verlag Reise Know How, 2010, 14,80 Euro

AUSKUNFT
Visit Sweden in Deutschland, Telefon: 069/22 22 34 96 (normaler Tarif), Internet: www.visitsweden.com

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