Malmö : Kalt ist es nur draußen

Im Winter hat Malmö einen ganz eigenen Charme. Man kann shoppen, Kaffee trinken, Kunst bewundern – und schnell mal nach Kopenhagen fahren.

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Foto: picture-alliance/ dpa

Ein eisiger Wind weht über den Stortorget, den größten Platz in Malmö. Der bronzene Karl Gustav X., der dort stolz auf seinem Pferd sitzt, hat ein Schneemützchen auf. Vielleicht war es eine Schnapsidee, mitten im Winter einen Kurztrip nach Malmö zu buchen. Zwar hatte der Sitznachbar, ein schwedischer Lehrer, im Bus vom Fährhafen Trelleborg gerade noch „vom interessantesten Ort Schwedens“ geschwärmt. Aber dann schob er noch einen Satz hinterher: „Malmö ist eine Sommerstadt.“

Man kann sich vorstellen, wie die Wiesen im weitläufigen Kungsparken voller Sonnenhungriger sind. Jetzt ist es still und beschaulich im Königspark. Nur wenige Einheimische spazieren an diesem Sonnabend über die schneebedeckten Wege und nicken dem Wintergast freundlich zu. Der hat Zeit und Muße für Kultur. Kein Terrassencafé lenkt ab. Und wer möchte sich schon, bei hellem Sommersonnenschein, hinter die dicken Festungsmauern von Schloss Malmöhus begeben?

In dem riesigen, strengen Backsteinbau sind gleich drei Museen untergebracht: eins zur Stadtgeschichte, ein weiteres zur Naturkunde und das Kunstmuseum. Möbel und Objekte des Jugendstil sind zum Beispiel darin zu sehen, Funktionales aus den 30er Jahren und ungezählte Gemälde aus dem 19. und 20. Jahrhundert bis hin zu aktuellen Bildern skandinavischer Künstler. Das Kunstmuseum beherbergt mehr Werke als jedes andere Museum in Schweden. Oft sind Landschaften zu betrachten, in denen sich der Mensch verliert.

Vom fast 500 Jahre alten Festungsbau spaziert man binnen einer halben Stunde in die Zukunft. Das ehemalige Werftgebiet Västra Hamnen ist zum Vorzeigequartier geworden. Wahrzeichen ist der spiralförmige, 190 Meter hohe Turm, der Turning Torso, entworfen von Santiago Calatrava. Verschiedene Architekten durften an der Gestaltung dieses Viertels mitwirken und haben überraschende Townhouses gebaut. Keines gleicht dem anderen und doch bilden alle eine harmonische Einheit. Das beste daran: Das Viertel speist sich zu hundert Prozent aus lokaler, erneuerbarer Energie. Die schicke, meerumspülte Gegend ist längst zur begehrten Wohnlage Malmös avanciert.

Wer hier lebt, hat nicht nur Geld, sondern auch Geschmack. Der Spaziergänger kann das erkennen, wenn er mag. Denn man kann durch die großen Fenster in viele Wohnungen schauen – Schweden mögen keine Gardinen. Elegantes, schlichtes Mobiliar steht in den Appartements und die Wände hängen voller Kunst.

Ob die Leute denn keine Angst vor Einbrüchen haben, will ich wissen. Elisabet Corengia vom Stadttourismus Malmö schüttelt den Kopf. „Bei uns passiert selten etwas“, sagt sie. Aber wir sind doch in der Provinz Schonen und Kommissar Wallanders Einsatzort Ystad ist nicht weit. In der Literatur wimmelt es nur so von Bösewichtern. „Die Leute mögen solche Krimis, und deshalb werden immer neue geschrieben“, vermutet die junge Schwedin.

In Malmös Altstadt gibt es keinen Grund, sich zu gruseln. Laden an Laden reiht sich, und nirgends haben die Verkäufer Langeweile. „Wir haben viele dänische Einkaufstouristen“, sagt Elisabet Corengia. Schicke Mode der schwedischen Designerin Filippa K. finden sie in Malmös Zentrum, angesagte Retrokleidung bei Tjallamalla, ungewöhnliche Taschen und Schuhe bei Begär, Sportunterwäsche im Laden von Ex-Tennisspieler Björn Borg. Der Wintergast, zumal wenn er weiblich ist, guckt überall rein. Billiger und schöner kann man sich doch kaum aufwärmen. Am anderen Ende der Öresundbrücke, im 27 Kilometer entfernten Kopenhagen, seien die Preise um rund 25 Prozent höher, erzählt Elisabet. Dass man in Schwedens drittgrößter Stadt reiche Auswahl an nordischem Design hat, überrascht nicht. Aber wieso gibt es derart viele Kerzenläden? Wachslichter in allen Farben und Formen werden angeboten.

Man könnte sich eine dicke Kerze kaufen, im Hotelzimmer anzünden und sich’s dann mit einem Schwedenkrimi gemütlich machen. Das Einkehren im Café ist schließlich nicht so einfach. Zwar gibt es ein paar nette Etablissements, aber meist muss man Kaffee und Kuchen selbst an den Tisch balancieren und aufpassen, dabei nicht über spielende Kinder zu stolpern. Von Überalterung ist in Malmö nichts zu spüren, kaum ein junges Paar ist in der Stadt ohne Nachwuchs unterwegs. „Ein, zwei Kinder waren für Schweden immer normal, aber jetzt finden es viele schön, drei oder vier Kinder zu haben“, erklärt Elisabet Corengia. Entsprechend parken auch vor dem Museum of Modern Art ein paar Kinderwagen. Erst vor einem Jahr hat der Kunsttempel in einem umgebauten Kraftwerk aufgemacht. Ein toller Ort für Zeitgenössisches und verblüffende Installationen.

Von hier ist es ein Katzensprung nach Möllevangen. „Da müssen Sie unbedingt hingehen“, hatte Museumsmitarbeiterin Lotta gesagt, „dort ist Malmö wunderbar multikulturell.“ In einer Imagebroschüre vermerkt die Stadt stolz: „Wir haben Bewohner aus 165 Nationen.Und was kommt dabei heraus? „Eine bunte Vielfalt“, strahlt Lotta und erzählt: „In Möllevangen gibt es Gerichte aus aller Welt und viele kleine Läden mit exotischen Waren.“

Und dann gibt es dort noch das ungewöhnliche Kulturquartier Mazetti, benannt nach der einstigen Schokoladenfabrik auf diesem Gelände. Sie beherbergt heute eine Comiczeichenschule, einen Nachtclub, ein alternatives Theater, Bühnen für Rock und Pop-Musik – und eine Schokoladenmanufaktur. Pralinen und Trüffel nach belgischer Tradition fertigt hier Chocolatier Susanne Hansson. „Alles Handarbeit, natürlich in Bioqualität und ohne jegliche Zusätze“, sagt sie. Als Reminiszenz an das große 1888 gegründete (und 1993 geschlossene) Mazetti-Unternehmen, haben die Hanssons ein kleines Museum nebst Café eingerichtet. Bei einer Tasse heißer, fair gehandelter Schokolade kann man Mazettis Firmengeschichte im Fotoalbum durchblättern.

Wie lange die Arbeiter damals wohl brauchten, wenn sie mal nach Kopenhagen wollten? Wir erledigen das in exakt 35 Minuten. Länger dauert die Zugfahrt über die zehn Jahre alte Öresundbrücke nicht, und die Bahn fährt vier Mal in der Stunde. Leider ist es drüben auch nicht wärmer und – man braucht frisches Geld. Für eine schwedische Krone bekommt man nur 0, 83 dänische Kronen. „Wir ziehen auch eine Kommission ab“, sagt die junge Dänin in der Wechselstube freundlich.

„Kaufen Sie denn überhaupt noch in Kopenhagen oder fahren Sie zum Shoppen gleich nach Malmö?“, fragt man die junge Frau hinter dem Schalter. „Einmal im Monat düse ich rüber“, sagt sie, „aber meine Freundin kauft ihre ganze Garderobe dort.“ Wie kann Kopenhagen dann funktionieren? In der Einkaufsmeile „Stroget“, die sich praktisch durch die ganze Innenstadt zieht, sind viele Geschäfte, aber deutlich weniger Kunden als in Malmö.

Statt Kaufhaus also Kultur. Welches Museum darf es sein? Die dänische Metropole hat so viele. In der Carlsberg Glyptothek von 1906 kann man stundenlang glücklich werden. Dänische Kunst hängt hier - und überraschend viel französische. Mehr als 40 Werke von Gauguin, vieles von Degas und Monet. Skulpturen von Rodin und zahlreiche Bilder von Giacometti.

Die Glyptothek hat eines der schönsten Museumscafés Europas. Man sitzt unter einer gigantischen Glaskuppel, umgeben von Palmen und anderen mediterranen Pflanzen. In einer großen Halle kombiniert das Museum alte Kunst mit modernen künstlerischen Formen. Tiefen Eindruck hinterlässt die Videoinstallation der Dänin Eva Koch. Hinter der Skulpturengruppe „Die Bürger von Calais“ zeigt ihr Video im Breitwandformat die unwirtliche Hafenstadt. Immer neue Lastwagen fahren auf viel zu vielen Straßen durchs Hafengebiet, Züge verschwinden im Eurotunnel, man sieht schmutzige Fähren, Kräne – selten mal einen Menschen.

Kopenhagen ist viel größer als Malmö. Wie soll man das bei einem Kurztrip in den Griff bekommen? Lieber zurück ins gemütliche Malmö, das stolz ist auf seine nachhaltige Stadtpolitik. Busse sind mit Biogas betankt, zu Hunderten parken Fahrräder überdacht am Bahnhof, und was Stadtreiniger von der Straße aufpieken, stecken sie nicht etwa in Plastik -, sondern in Papiersäcke. Im „Salt & Brygga“, dem schicken Lokal am Westhafen, setzt Besitzer Björn Stenbeck ganz auf „Bio“, nicht nur bei Kartoffeln, Fleisch und Gemüse. Auch Tische, Stühle und Lampen sind in seinem Lokal aus ökologisch korrekten Materialien. Viele Preise hat das „Salt & Brygga schon eingeheimst. Nichts wie hin – doch ausgerechnet am Sonntagabend hat es geschlossen.

Wir logieren zentral im Scandic Kramer am Stortorget. Am Platz ist auch das Lokal Piccolo Mondo. Der Kellner bringt eine wunderbare Minestrone zum Aufwärmen. Mit seinen dunklen Haaren und dem Bronzeteint sieht er aus, als müsste er sich nach südlichen Gefilden sehnen. „Meine Eltern kommen aus Marokko“, sagt er, „aber ich bin Schwede.“ Wie er den Winter in Malmö aushält? Er sei ein bisschen lang, gibt er zu, aber dann könne man sich eben noch mehr auf den Sommer freuen. „Wir haben einen Strand, mitten in der Stadt“, fügt er lächelnd hinzu.

Sieht so aus, als müssten wir in ein paar Monaten noch mal nach Malmö reisen, zum Baden, Bötchenfahren, Draußensitzen. Und vielleicht sind im Sommer aus allen Kerzenläden Eisdielen geworden.

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MIT DEM SCHIFF

Eine gute Möglichkeit für einen Kurztrip ist das Arrangement von TT-Line ab Rostock oder Travemünde nach Trelleborg. Es kostet mit zwei Übernachtungen, etwa im gediegenen, zentral gelegenen Scandic Kramer Hotel inklusive Frühstück und Transfer von Trelleborg nach Malmö, 162 Euro. Für die empfehlenswerte Nachtfahrt – man gewinnt einen Tag in Schweden – kommt ein Zuschlag von 15 Euro hinzu, die Doppelkabine kostet ab Rostock 80 Euro, ab Travemünde 85 Euro. Die Fahrt von Rostock dauert siebeneinhalb Stunden, von Travemünde neuneinhalb Stunden. Information unter der Telefonnummer: 045 02 / 801 81 oder im Internet unter www.ttline.com
MIT DER BAHN
Mit dem Europa Spezial der Deutschen Bahn bezahlt man, wenn verfügbar, 39 Euro je Strecke Malmö–Berlin. Fahrtdauer: knapp acht Stunden. Danach wird der Trip teurer als bei der Schiffsvariante. Denn ein Doppelzimmer im Scandic Kramer kostet pro Nacht ab 112 Euro.

MALMÖ

Sehr nützlich ist die „Malmö City Kort“, mit der man vielfache Vergünstigen bei Museen, Transport und Restaurants bekommt. Sie kostet für zwei Tage 200 SEK (rund 22 Euro) und kann am Ort, aber auch schon vor der Reise im Internet bestellt werden. Informationen per Telefon unter der Nummer: 069/22 22 34 96, E-Mail-Adresse: germany@visitsweden.com,

im Internet zu finden unter:

www.visitsweden.com oder www.malmotown.com

KOPENHAGEN
Das Bahnticket über die Öresundbrücke kostet je Strecke 123 SEK (13, 65 Euro).

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