Schweden : Das Gefühl grenzenloser Freiheit

Seen, Wälder, seltene Tiere: Schwedens Wildnis überwältigt den Mitteleuropäer. Und das zu jeder Jahreszeit.

Uwe Schlicht

Herrlich! Nachts um ein Uhr noch im Freien sitzen und lesen. Die Mitternachtssonne macht’s auch in Mittelschweden möglich. Jetzt im Juli wirkt das Phänomen bis in die Regionen von Jämtland und Härjedalen hinein. Weiterer Vorteil: Die lange Sonnenscheindauer heizt die quasi dauerkalten Gewässer schön auf. So werden Seen – alle mit Trinkwasserqualität – für verwöhnte Mitteleuropäer bis immerhin 18 Grad angewärmt. Lesen, baden und dazu ein Schuss Abenteuer bei Ausflügen mit dem Mietkanu in eine Seenlandschaft am Rande der Wildnis – Urlauberherz, was willst du mehr?

Im Rogen-Reservat bedeutet Wildnis: Nur auf wenigen markierten Wegen ist der Zugang in diese Seenlandschaft möglich. Wer Tagesetappen von 20 bis 30 Kilometern bis zur nächsten Hütte scheut, sollte sich mit Stippvisiten im Reservat begnügen. Selbst dann muss man jedoch die Wanderkarten zurate ziehen. Jede Nachlässigkeit kann dazu führen, sich in dem Gewirr der Seen zu verirren. Das gilt auch für die Kanuten.

Die Eiszeit hat hier ganze Arbeit geleistet. Das Land wurde unter einem zwei Kilometer dicken Panzer begraben. Der ständige Wechsel von schmelzendem, sich zurückziehendem Eis und wieder vorpreschenden Gletscherzungen hat End- und Seitenmoränen aus Felsen und Geröll hinterlassen. Die Moränen haben sich in Sichelform abgelagert. Die Mulden dazwischen füllten sich mit Wasser. Schmale Landbrücken, die mit Tannen und Birken überwuchert sind, durchziehen das Seenlabyrinth.

In den Wäldern hinter dem Seenlabyrinth ist der Urlauber wahrlich nicht allein: Hier leben Luchse, Bären und Vielfraße, von Zeit zu Zeit zieht es auch Moschusochsen ins Rogen-Gebiet. Der Rogen in Härjedalen ist ihr südlichstes Verbreitungsgebiet. Sonst sind diese wehrhaften Riesen nur im Eiskeller des norwegischen Dovrefjells oder auf Grönland unterwegs. Begegnungen mit den Wildtieren sind allerdings selten. Selbst ohne Aussicht auf sensationelle Tierfotos lohnt der Ausflug wegen der unvergleichlichen Landschaftseindrücke zu allen Jahreszeiten, auch noch und besonders im Herbst. Unter dem tiefblauen Himmel Skandinaviens leuchten dann die Birken goldfarben über dem Blau der Seen.

Der Herbst beginnt in diesen Breitengraden um die Wende vom August zum September. Vor zwei Jahren fielen schon im August Schneeschauer und die Temperaturen sanken auf null Grad. Das war so sensationell, dass die schwedischen Zeitungen mit großen Fotos das Naturereignis auf die Titelseiten hoben. Im normalen Herbst färben sich die Birkenwälder erst im September golden. Dann verwandeln sich die Flechten und Heidelbeerfelder auf den weiten Hochebenen der Fjällets in rote und gelbe Teppiche.

Die Pracht ist jedoch von begrenzter Dauer. Die Temperaturen können binnen 14 Tagen von mehr als 25 Grad am Mittag auf minus fünf Grad in der Nacht sinken. Bei solchen Kontrasten bedecken Nebel die Seen. Lösen sie sich mit steigender Sonne auf, schimmern die Spiegelbilder von Himmel, Bergen und Wäldern in den erstarrten Wasserflächen. Die Schönheit dauert bis zum ersten Herbststurm. Er beraubt im Nu alle Birken ihrer goldenen Blätter.

Von Härjedalen aus, dem südlichen Zugang zur Wildnis, sind es 80 Kilometer, bis sich das nächste schmale Straßenband von Norwegens Königsstadt Trondheim bis zur schwedischen Hafenstadt Sundsvall quer durch Skandinavien zieht. Aber selbst die Wildnis ist in Schweden perfekt erschlossen. Der Zugang zu den Naturreservaten ist geregelt: Parkplätze am Rande der Naturreservate sind mit ausführlichen Tafeln versehen, die über geschützte Pflanzen und Tiere, Wanderwege zu den Hütten und Markierungszeichen der Sommer- und Winterwege aufklären. Besonders sollte man auf die Kilometerangaben achten. Die Entfernungen sind in der klaren Luft des Nordens weiter, als man wahrnehmen möchte. Und man sollte auf den Bretterwegen bleiben, die im Sommer durch die Sümpfe führen.

Das Gefühl grenzenloser Freiheit überfällt den Besucher, sobald er das Gebirgsplateau im Grenzbereich von Jämtland und Härjedalen erreicht. In 900 Meter Höhe befindet man sich im nördlichen Skandinavien schon über der Baumgrenze. Das Plateau prägen die drei großen Massive Helagsfjället, Sylarna und Blåhammeren. Aus den Hochflächen schimmern blaue oder graue Seen. Sonne und Wolken sorgen für einen ständigen Stimmungswechsel. Wildwasser entwässern die Hochebenen – abseits der Brücken sind sie nur von erfahrenen Wanderern zu durchqueren. Die Kraft des Wassers ist so gewaltig, dass Jahr für Jahr die Schneeschmelze Polarbirken und Findlinge von den Steilufern reißt.

Die Wildheit Skandinaviens lauert in den Flüssen. Die über die Stromschnellen jagenden, weiß schäumenden Wassermassen gischten in weißen Wolken auf, sobald sie gegen die Felsen klatschen. Die Wasserfälle stürzen nicht wie in Norwegen als schmale Bänder von den Plateaugletschern in die Tiefe. In Schweden beherrschen sie die ganze Breite des Flusses. Der berühmteste Wasserfall Jämtlands, der Tännforsen, fällt über Stufen in ein Seebecken hinunter.

Zwischen den Gebirgsstöcken liegen Distanzen von 30 bis 40 Kilometern: Helagsfjället ragt mit seinen drei wuchtigen Felssolitären klobig aus der Ebene; die Sylarna ist ein lang gestrecktes, den Alpen ähnliches Gebirgsmassiv. Blåhammeren, der Grenzberg zu Norwegen, steigt auf der schwedischen Seite aus Birkengründen und dunklen Seemulden sanft an. Blåhammeren ist der Aussichtsbalkon von Jämtland. Von hier aus geht der Blick zu den 40 bis 60 Kilometer entfernten Bergen von Härjedalen.

Südlich von Are erstreckt sich in einer weiten Mulde das Reservat von Valadalen. Der Wanderer sollte in dem ausgedehnten Waldgebiet unbedingt der Sommermarkierung folgen, selbst wenn die Distanzen länger werden. Denn die Winterwege führen durch sumpfige Niederungen. Ohne Gummistiefel im Wechsel mit wasserabweisenden Bergstiefeln geht hier gar nichts. Die Skandinavier lieben dieses Wanderrevier. Pilze muss man hier nicht suchen, man stolpert über sie. Nur sind die skandinavischen Pilze in Deutschland weitgehend unbekannt. Ein schwedischer Pilzführer ist unentbehrlich.

60 Kilometer nördlich von Are baut sich der nächste Gebirgsstock auf: das Skjäkersfjället. Seine Besteigung ist anstrengend, weil der Weg auf die Hochfläche nur über sumpfige Bergterrassen führt. Jede Terrasse birgt eine Reihe von Seen, die von weißem Wollgras gesäumt sind. Ist das Hochplateau erreicht, bietet sich eine überwältigende Fernsicht. Im Tal winden sich die Tannen in langen Linien auf den schmalen Halbinseln wie Scherenschnitte weit auf den See hinaus.

In den Wochen der Mitternachtssonne bietet sich vom Skjäkersfjället aus ein besonderes Erlebnis: Nach 22 Uhr schimmern die Seen golden aus den Schatten der nachtdunklen Täler. Schweden überwältigt mit seinen Stimmungen.

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