Berner Oberland : Brettspiele im Salon

Zeit spielt keine große Rolle im Berner Oberland. Das ist eine gute Voraussetzung für Slow Tourism. In Wengen funktioniert er gut – ganz ohne Autos.

Stefan Quante
Wer wird sich da abwenden? Der Blick auf Eiger und Mönch vom Schilthorn aus zählt zu den schönsten Aussichten im Berner Oberland. Foto: Christian Beutler, pa/Keystone
Wer wird sich da abwenden? Der Blick auf Eiger und Mönch vom Schilthorn aus zählt zu den schönsten Aussichten im Berner Oberland.Foto: Christian Beutler, pa/Keystone

Die Trennung tut manchem weh. Denn das Auto darf nicht nach Wengen, das seit Jahrzehnten kaum veränderte Bergdorf unterhalb von Eiger, Mönch und Jungfrau. Entsprechend voll sind die Parkhäuser und -plätze drunten im Tal. Ohne Vorreservierung ist da in der Hauptsaison nichts zu machen. Den Weg zum Bahnhof Lauterbrunnen erleichtert dem Neuankömmling allerdings der – in nicht gerade kurzen Abständen verkehrende – Buslinienverkehr. Oder der Daumen.

Der Gast hat Glück. Gleich der erste Fahrer hält an, ein betagter Einheimischer in einem nicht gerade neuen Kleinwagen. Jetzt muss nur noch der alte blecherne Futtereimer auf den Beifahrersitz weichen. Über die Rücklehne kann er nicht nach hinten bugsiert werden, also ruht er auf dem Schoß des Gelegenheitstrampers und liefert die erste Einstimmung auf eine ziemlich entschleunigte Reise in eine andere Welt.

Der ebenso faltige wie freundliche Bergbauer verkürzt seinem Passagier die Fahrt mit einem detailreichen Wetterbericht und vielen guten Wünschen für eine schöne Skizeit oben in Wengen. So gastfreundlich können Schweizer tatsächlich immer noch sein ...

Die Fahrt mit der Zahnradbahn vom Tal ins 1274 Meter hoch gelegene Skidorf bietet weitere Anreisefreuden: einen spektakulären Wasserfall auf der anderen Talseite und – mit etwas Glück – ein standorttreues Rudel Gemsen kurz vor dem Tunnel auf halber Strecke. Oben wartet eine „Lady in Red“ auf den Gast, freudig strahlend vor ihrem kleinen Elektrowagen. Judith GrafEngi, Gastgeberin für die kommenden Tage, trägt ein rotes Dirndl ohne Jacke darüber – der Föhn lässt das auch mitten im tiefsten Winter nicht allzu verwegen erscheinen.

Wengen wäre ein unbekanntes Bergdorf geblieben

Frau GrafEngi wurde in Wengen geboren und ist nach biografischen Umwegen wieder zurückgekehrt. Mit ihrem Exmann Andi, einem ehemaligen Skilehrer, betreibt sie jetzt das ruhig gelegene Hotel Bellevue am Ortsrand. Das unprätentiöse Drei-Sterne-Haus mit Jungfrau-Blick lässt Erinnerungen aufkommen, wie Skiferien früher einmal ausgesehen haben: mit gemeinsamen handylosen Tischzeiten und ohne Fernsehgeräte in den Zimmern. Stattdessen gibt es Brettspiele im Aufenthaltsraum.

Judith GrafEngi empfängt ihre Gäste traditionell im roten Dirndl. Foto: Stefan Quante
Judith GrafEngi empfängt ihre Gäste traditionell im roten Dirndl.Foto: Stefan Quante

Als Zugeständnis an die Moderne findet sich allerdings ein Whirlpool und, als Höhepunkt – die Schweiz ist schließlich Bahnland – für so manchen kleinen und großen Gast, eine mehr als 400 Meter lange, ganzjährig betriebene Modelleisenbahn im Garten hinter dem Haus. Achtung Deutsche Bahn: Selbst Neuschnee macht der urigen Mini-Bergbahn nichts aus – den bläst die Lok einfach weg.

Wengen wäre vielleicht ein unbekanntes Bergdorf geblieben, gäbe es hier nicht seit 1930 stets im Januar das legendäre Lauberhornrennen. Der Rekordsieger dort ist durch seine elf ersten Plätze in Abfahrt, Slalom und Kombination (zwischen 1939 und 1948) der Lokalmatador Karl Molitor. Nur der Ordnung halber: Bisher haben lediglich zwei Deutsche als Sieger des Abfahrtslaufs auf dem obersten Siegertreppchen gestanden: Willy Bogner (1960) und Markus Wasmeier (1987). Und die Slalomkrone landete drei Mal in der Familie Neureuther, Felix gewann im vergangenen Jahr, Vater Christian 1973 und 1974. Für viele auch unvergessen der Sieg von Slalom-As Ludwig „Luggi“ Leitner, der 1964 am Lauberhorn triumphierte.

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