Ist das hier ein Theater?

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Hotel Waldhaus in Sils-Maria : Eigenwille mit fünf Sternen
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Urs Kienberger, (in der Mitte): graue Eminenz
Urs Kienberger, (in der Mitte): graue EminenzFoto: promo

Am Seeufer besteigen wir die kleine „Segl Maria“. Von diesem Kursschiff aus können wir auf der Halbinsel Chasté die Bank unter den Lärchen ausmachen, auf der Friedrich Nietzsche während seiner Silser Zeit 1881 bis 1888 manchmal gesessen haben soll. Am Steg des Weilers Isola steigen wir aus und besuchen Vreni und ihre 120 Bündner Strahlenziegen, aus deren Milch sie köstlichen Mascarpin-Käse fertigt, den wir im Waldhaus kosten können.

Wer das Haus zum ersten Mal betritt, denkt, ist das hier ein Theater? Die dienstbaren Geister sind so formvollendet wie in alten Filmen. Das vertrauenerweckende Interieur stammt original aus Grandhotel-Zeiten. Die gediegene Bar, die Blumenarrangements, die Teppiche und die Wanduhren überall im Haus, die wie früher schon von der Mutteruhr im Direktionsbüro gesteuert werden. Nirgendwo ist Beflissenheit oder Hektik zu spüren. Die Gäste nicken sich beim Zusammentreffen freundlich zu wie Mitglieder einer großen Familie.

Waren wir nicht gerade noch Zuschauer im Hoteltheater? Schon sind wir eingemeindet in die Großfamilie. Wir genießen den Charme vergangen geglaubter Zeiten, das Raunen der Gäste, die im Salon in den weichen Sesseln sitzend auf das Abendbrot warten oder morgens nach dem Frühstück dort ihre Zeitung lesen. Manche Urlauber finden das komisch und sagen: Ein Fünf-Sterne-Hotel habe ich mir anders vorgestellt. Das Waldhaus bleibt eigenwillig unter den Luxusherbergen.

Zum Dinner Musik vom Haustrio

„Nach Sils-Maria muss man wollen“, findet Urs Kienberger. Wie alle Mitglieder der Waldhaus-Familie wuchs auch er im Hotel auf, wo seine Großeltern und Eltern im Zwischengeschoss ein paar Räume hatten. Das Esszimmer gibt es immer noch, und noch immer speisen die Kienbergers und Dietrichs dort zu Mittag. So wurde das Hotel zum Teil des eigenen Lebens, das pflanzte sich über die Generationen fort. Alle Familienmitglieder ziehen an einem Strang.

Die Gäste treffen sich zum Dinner im Speisesaal, wo donnerstags das „Waldhaus-Trio“ die Menüfolge untermalt. Die jungen Direktoren haben als gelernte Köche eine Vorliebe für das Kulinarische, das Küchenchef Kurt Röösli seit 25 Jahren komponiert. „Noch heute kommen Gäste, die ich schon aus Kindertagen kenne“, freut sich Urs Kienberger.

Wir lauschen den Vögeln, dem Wind und natürlich dem „Waldhaus-Trio“. Im Salon haben wir unser Buch ausgelesen und die eine oder andere Runde im Pool gedreht. Sogar in den Ort Sils-Maria sind wir gewandert, um die Bilder des Heimatmalers Andrea Robbi anzuschauen. Das Nietzsche-Haus kannten wir schon. Und eine Pferdekutsche brachte uns ins autofreie Fextal. Am liebsten blieben wir allerdings im Hotel, wo wir nachmittags beim Tee aus unserem Zimmerfenster zuschauten, wie die letzte Sonne die Bergspitzen glutrot färbte.

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