Schweiz : Der Gipfel der Gemütlichkeit

Das Hotel Schatzalp liegt oberhalb von Davos, abseits vom Trubel. Es gilt als Vorlage für das Sanatorium in Manns „Zauberberg“.

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Mehr Après mit Aussicht als Ski. Gäste genießen die Sonne auf der Snow Beach genannten Terrasse im Berghotel Schatzalp.
Mehr Après mit Aussicht als Ski. Gäste genießen die Sonne auf der Snow Beach genannten Terrasse im Berghotel Schatzalp.Foto: IMAGO

Man meint, jeden Moment müsste Madame Chauchat durch die Glastür kommen und diese laut hinter sich zufallen lassen, wie es ihre Gewohnheit ist. So genau passt das Hotel Schatzalp im schweizerischen Davos auf die Beschreibung des Sanatoriums Berghof in Thomas Manns „Zauberberg“. Der Speisesaal mit seinen Jugendstilbildern, die langen Korridore, die Fassade – „ein langgestrecktes Gebäude mit Kuppelturm, das vor lauter Balkonlogen von weitem löchrig und porös wirkte wie ein Schwamm“ – alles erscheint so, wie es der Schriftsteller in seinem um 1924 fertiggestellten Roman einfing.

Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, war das Haus das erste Luxussanatorium für Tuberkulosekranke. Ärzte hatten festgestellt, dass die Krankheit in dem Graubündner Klima völlig unbekannt war und einige Patienten auffallend schnell gesundeten. Das sprach sich herum, und bald kamen „Schwindsüchtige“ aus ganz Europa zur Langzeitkur. Darunter auch viele Wohlhabende, die Wert auf Komfort legten. „Eine ganze Zeit lang wurde nach dem richtigen Bauplatz für ein entsprechendes, gehobenes Etablissement gesucht“, weiß der pensionierte Lehrer Klaus Bergamin zu berichten, der sich mit der Geschichte von Davos bestens auskennt.

„Die Patienten sollten nicht nur reine Bergluft atmen, sondern auch möglichst viel Sonne abbekommen.“ So entstand das Gebäude auf einem Sonnenplateau auf 1860 Meter Höhe, 300 Meter oberhalb von Davos. Für damalige Verhältnisse war es ausgesprochen modern. Jedes Zimmer hatte ein Bad, es gab eine eigene Stromversorgung und elektrische Lifte – einer jener kuriosen Drahtkäfige rattert immer noch in die dritte Etage hinauf und ist tatsächlich so groß, dass man ein Bett hineinschieben kann. Besondere Innovation war außerdem die Standseilbahn, die bis heute von Davos aus auf die autofreie Alp zockelt. Für solcherart Komfort mussten die Lungenkranken allerdings auch 4000 Franken pro Tag berappen.

1900 eingeweiht, fungierte die Schatzalp etwa 50 Jahre lang als Sanatorium. In der Anfangszeit lernte es auch Thomas Mann kennen. Seine Frau Katja war etwa ein halbes Jahr zur Kur im Waldsanatorium, das unten im Tal liegt. Als er sie besuchte, soll er täglich zur Schatzalp hinaufgestiegen sein. Im Roman wird sie auch mehrfach erwähnt: „Am allerhöchsten liegt das Sanatorium Schatzalp dort drüben … Die müssen im Winter ihre Leichen per Bobschlitten herunterbefördern …“, lässt er Joachim seinem Vetter Hans Castorp erklären.

Zwar heißt das Sanatorium, in dem die Cousins mehrere Jahre zubringen, „Berghof“. Doch liegt es nahe, dass die Schatzalp Modell gestanden hat. „Übrigens waren die Davoser über das nicht unkritische Werk Thomas Manns alles andere als beglückt“, weiß Klaus Bergamin. Sie hätten es als „kreditschädigend“ angesehen, und nach seinem Erscheinen galt der Verfasser in dem ehemaligen Bauerndorf, das sich dank der Sanatorien zum mondänen Kurort entwickelt hatte, als Persona non grata. Erst später, als er sich im Ruhm des Nobelpreises sonnen konnte, habe man sich mit ihm ausgesöhnt.

Inzwischen ist Davos ein Städtchen, das für Erholungsurlaub und Kongresstourismus steht. Nachdem die Medizin wirksamere Mittel gegen die Tuberkulose erfunden hatte, war die Zeit der Sanatorien – insgesamt waren es 20 – vorbei, aus ihnen wurden normale Beherbergungsbetriebe. Immerhin hat sich die Schatzalp viel vom Flair jener Tage erhalten: den Jugendstilsalon mit Kamin und Panoramafenstern, wo die an Tuberkulose Leidenden, die damals nicht ins Dorf hinunter durften, ihre Gäste empfingen und rauschende Feste feierten; die wunderbare Bibliothek mit rund 5000 Bänden; den eleganten Speisesaal mit Wandmalereien, in dem die Patienten mit fettreicher Kost und Haferbrei aufgepäppelt wurden … „Nur müssen Sie sich vorstellen, dass dort, wo heute die Weinkühler stehen, früher Spucknäpfe standen“, sagt einer der leitenden Hotelmitarbeiter schmunzelnd.

Zweimal pro Woche werden Jugendstilführungen durch das Haus angeboten, und die Nachfrage ist groß. Auch viele, die nicht hier wohnen, möchten einen Blick hinter die Kulissen der mehr als hundertjährigen Institution werfen. Dann bestaunen sie nicht nur die „Kaiserzimmer“ mit den Marmorbädern, die Kaiser Wilhelm II. zehn Jahre dauerreservierte für den Fall, dass eins seiner Familienmitglieder lungenkrank würde. Besucher wundern sich auch, dass die Zimmer hier und da ein wenig Patina angesetzt haben und mitunter recht schlicht ausfallen.

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