Zürich, Basel und Genf : Schweizer Handwerkskunst: Das "Heimatwerk"

Gutes bleibt: Das „Heimatwerk“, 1930 gegründet, sollte Bauern im Winter Arbeit geben. Heute steht es für gediegene Handwerkskunst und pfiffiges Design.

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Mouvelette. Den eleganten Rennwagen mit Solartechnik gibt’s im Bausatz – zum Preis von 88 CHF.
Mouvelette. Den eleganten Rennwagen mit Solartechnik gibt’s im Bausatz – zum Preis von 88 CHF.Foto: promo

Natürlich exportieren die Schweizer ihre Waren auch. Die besten Produkte aber, so scheint’s, verkaufen sie nur im eigenen Land. Die leckerste Rüeblitorte gibt es im Aargau, das Birnenbrot in Sils-Maria (Engadin) ist legendär, und nach dem Appenzeller Lebkuchen wird man sich sämtliche Finger lecken. In winzigen Dörfern hinter sieben Bergen, auf luftigen Höhen oder tief unten im Tal kommen die Menschen offenbar auf die interessantesten Rezepte. Und: Dort tüfteln sie auch gern und kreieren überraschende Dinge in mutigem Design. Einige dieser Produkte findet man in den Geschäften vom „Schweizer Heimatwerk“. Sechs Filialen gibt es im Land, in Zürich und Basel sowie am Zürcher und Genfer Flughafen. „Schweizer Heimatwerk“ prangt auch über dem Hauptgeschäft in der Uraniastraße im Zentrum Zürichs.

Ein etwas angestaubter Name für einen schicken Geschenkeladen. „Wir haben schon überlegt, ob wir den mal verändern und an die neue Zeit anpassen sollten“, sagt Filialleiterin Jeannette Müller. Andererseits habe sich der Name als „Marke“ eingebürgert. Außerdem sei der Begriff „Heimat“ immer noch aktuell und neuerdings spräche man auch wieder viel über den „Erhalt von Werten“.

1930 war das Heimatwerk vom Schweizer Bauernverband gegründet worden. „Die Menschen auf dem Lande mussten in den langen Wintern über die Runden kommen“, erklärt Jeannette Müller. Aber wovon sollten sie leben, wenn sie nicht ernten konnten? Alles ruhte ja unter einer dicken Schneedecke. Ein zweites Standbein musste her. „Die Idee war, dass die Bauern im Winter Produkte herstellten, die dann zentral vom Heimatwerk verkauft werden konnten“, erklärt die Filialleiterin.

Die Landbevölkerung kommt heute ohne Zubrot zurecht. Dennoch hat das Heimatwerk noch immer seine Berechtigung. Schöne, von Schweizer Kunsthandwerkern im gesamten Land gefertigte Produkte werden hier gebündelt. „Es sind Raritäten, die man sonst nur in einem sehr kleinen Ort oder eben in einer Galerie findet“, sagt Jeannette Müller. Funktional und ausgeklügelt soll ein Objekt sein und bestens verarbeitet. Zwei Einkäuferinnen wachen über das Sortiment des Heimatwerks – und sie sind streng. „Echtes Kunsthandwerk muss es sein und nicht bloß eine Bastelarbeit“, heißt es. „Das Heimatwerk will guten Kunsthandwerkern eine Plattform geben“, erklärt Jeannette Müller.

Manchmal wird auch aus etwas Bewährtem, Altem, Neues kreiert. Ein Bewohner aus Törbel, ein Bergdorf im Wallis, hatte die Idee, etwas Alternatives aus ausgemusterten Schweizer Militärdecken zu machen. Warum nicht eine strapazierfähige Umhängetasche, auf der roter Streifen und weißes Kreuz schön zur Geltung kommen würden? Der Mann fertigte eine Tasche, zeigte sie dem Heimatwerk – und überzeugte die Einkäuferinnen.

Seither hat die kleine Törbeler Firma gut zu tun. Zahlreiche Frauen, die – vielleicht aufgrund kleiner Kinder – keinen Job außer Haus annehmen konnten, fanden Beschäftigung, sagt Jeannette Müller zufrieden. Der Wert der Taschen dürfte bald steigen, denn der Rohstoff, die alten Armeedecken, ist ja endlich. „In ein, zwei Jahren wird es keine mehr geben“, vermutet die Filialleiterin. Der Einwand, man könnte doch neue Decken produzieren, kommt schlecht an. Denn er zeigt, dass man das Prinzip nicht recht verstanden hat. Original oder gar nicht, ist die Devise.

Vor allem traditionelle Waren findet man in den Heimatwerk-Geschäften. Schwere, gegossene Appenzeller Kuhglocken etwa, originale Ledergürtel für Sennhirten, raffinierte Spieldosen oder derb gewebte, himmelblaue Hemden mit Edelweißbordüren. Für Babies und Kleinkinder gibt es Holzspielzeuge, sorgsam befeilt und poliert, damit an einer Rassel auch wirklich alles ungefährlich und schön rund ist. Keramikgeschirr ist im Angebot, typisch mit dem Bernhardiner drauf. Aber es gibt auch zukunftsweisende Produkte. Etwa ein Gefährt, das Kinder fernsteuern können. Die cool wirkende Mouvelette funktioniert nicht mit Batterien, sondern mit Solarmodulen. Ein Dreirad ohne Pedalen ist zu haben, das sich mit wenigen Handgriffen in einen Tretroller verwandeln lässt.

Billig sind diese Dinge nicht. Aber sie sind ihren Preis wert. Während im Souvenirgeschäft Plastik-Schneekugeln, made in China, über den Ladentisch gehen, gibt es im Heimatwerk das Matterhorn in der Glaskugel. Durch Schütteln lässt sich auch hier ein Schneegestöber auslösen. Doch das gute, schön in der Hand liegende Stück kostet mit 59 Franken ein Mehrfaches des Plastikteils. „Hinter den Produkten verbergen sich natürlich auch Schweizer Löhne“ erklärt Jeannette Müller.

Oft ist die Schweizer Fahne in einem Objekt integriert – und die bevorzugten Farben sind Rot und Weiß. Zum Beispiel bei der Küchenschürze, auf der lustige Schweizer Worte wie Öpfelbütschgi (Apfelgriebsch) stehen. Warum zeigen die Schweizer eigentlich so oft und gern, dass sie Schweizer sind? „Nun“, sagt Jeannette Müller, „wir sind eben stolz darauf, Schweizer zu sein.“ Und fügt lächelnd hinzu: „Damit sind wir ja auch privilegiert, oder?“ Hella Kaiser

Das Heimatwerk hat sechs Filialen, darunter an den Flughäfen Zürich und Genf sowie im Zentrum von Basel. Weiteres im Internet: www.heimatwerk.ch

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