Zugbegleiterin Maria Schmid im Interview : „Jeder will einmal von Bern nach Brig“

Tagaus, tagein auf den Schienen: die Schweizerin Maria Schmid über ihre Arbeit als Zugbegleiterin.

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Architektonisches Meisterwerk. Das Luogelkinviadukt beim Bahnhof Hohtenn, in der Nähe der Zugstrecke Bern–Brig–Bern der BLS.
Architektonisches Meisterwerk. Das Luogelkinviadukt beim Bahnhof Hohtenn, in der Nähe der Zugstrecke Bern–Brig–Bern der BLS.Foto: Gaetan Bally, picture alliance/Keystone

Frau Schmid, Sie haben Coiffeuse gelernt, waren alleinerziehende Mutter und zuletzt zehn Jahre lang Köchin in einem Bistro – wie kommt man da plötzlich auf die Idee, „Kondukteur“ zu werden, wie das vor einiger Zeit in der Schweiz noch hieß?!

Ich habe meinen Job geliebt, aber als mein zweites Kind seinen Abschluss machte, da war ich Mitte vierzig und dachte: Willst du das die nächsten zwanzig Jahre weitermachen – oder dich noch mal auf was Neues einlassen? Als ich die Anzeige sah, Reisezugbegleiter gesucht, dachte ich: Was hab ich zu verlieren? Obwohl ich vom Alter her gar nicht ins Profil passte für den Ausbildungslehrgang: Gesucht wurden Leute mit abgeschlossener Berufslehre und etwas Menschenerfahrung zwischen 25 und 35. Da hab ich mich beworben und hatte Ende 2008 die Wahl: Will ich zur SBB, der schweizerischen Bundesbahn, oder zur Berner Alpenbahngesellschaft Bern–Lötschberg–Simplon, der BLS?

Und?

Ich hab die BLS bevorzugt, mit der verbinden mich schon nostalgische Gefühle. Die war ein großer Arbeitgeber in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, mein Vater hat bei der BLS gearbeitet, mein Großvater auch, wir sind in einem Bahnwärterhaus groß geworden. Der Zug hat extra für meine drei Schwestern und mich gehalten und uns ins nächste Dorf zur Schule gebracht. Das wäre heute mit den vielen Zügen ja undenkbar: einen Extrahalt zu machen für vier Kinder! Die Strecke, das ist halt meine Heimat.

Was haben Sie in der Ausbildung gelernt?

Zum Beispiel, wie man mit heiklen Situationen umgeht, wo man Kulanz walten lässt, allein die Billets sind ein Riesenrepertoire: Es gibt Hunderte von möglichen Tarifen und Ticketvarianten. Wir müssen die Signale kennen, Bremsproben machen können, lernen auch, Züge zu teilen und wieder zusammenzuhängen.

Ihre Landsleute gelten als Weltmeister im Bahnfahren, auch die Pünktlichkeit gilt als typisch schweizerisch.

Die seh’ ich, seit ich dort arbeite, mit anderen Augen: Es ist gar nicht so einfach, einen Zug von A nach B zu bringen, da kann so viel passieren! Unsere Strecke gilt wohl als typisch schweizerisch: die Pässe, die Landschaft, die Bergwelt, der Mensch kann einfach hineinsitzen und genießen. Und die vielen Tunnel sind auch typisch.

Maria Schmid, 50, ist Reisezugbegleiterin bei der Berner Alpenbahngesellschaft Bern–Lötschberg–Simplon (BLS).
Maria Schmid, 50, ist Reisezugbegleiterin bei der Berner Alpenbahngesellschaft Bern–Lötschberg–Simplon (BLS).Foto: promo

Haben Sie da keine Angst? Es gibt eine berühmte Kurzgeschichte von Dürrenmatt, in der die Figuren in den Tunnel reinfahren – und fahren und fahren, ohne Ende.

(Lacht) Da wär ich im falschen Beruf, wenn ich Angst hätte vor Tunnels. Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein Brand. Aber wir kennen die Abläufe, es kann eigentlich nichts passieren. Mit dieser Einstellung fahre ich da hinein: Weil ich die Möglichkeiten kenne, die Menschen sicher rauszubringen. Für den Gotthardtunnel machen wir einen speziellen Brandschutzkurs; wenn man den absolviert, hat man schon ein mulmiges Gefühl und denkt: Also, grundsätzlich sollte man sich nie in einen Zug setzen und durch einen Tunnel fahren (lacht). Aber das relativiert sich schnell: Die Sicherheitsvorkehrungen sind so hoch, dass eigentlich nichts passieren kann.

Der Gotthard ist einer der berühmtesten Tunnel der Welt, wie ist es, da durchzufahren?

Man sieht nichts, man riecht nichts, man hört nichts, es passiert nichts. Man fährt einfach durch diese Röhre hindurch. Die ist nicht mal rustikal, mit ausgeschlagenen Steinen, wie man das von den Bergstrecken so gewohnt ist.

Haben Sie Lieblingsstrecken?

Ja, die zweieinhalb Stunden von Bern nach Brig. Auch den Bahnbegeisterten bedeutet diese Bergstrecke sehr viel, das ist wie eine Trophäe, die will jeder irgendwann mal befahren. Erst fährt man durch die Stadt, dann durchs Berner Oberland, wo ich zu Hause bin, und das Tal, in dem ich aufgewachsen bin, und hinter dem Lötschbergtunnel ist man schon im Süden, fast in Italien, das ist schön.

Und wenn Sie dann wieder gen Norden fahren …?

… ist es genauso schön! (lacht) Dann wird bald Feierabend sein. Man spürt auch im Zug eine andere Stimmung: Die Ferien sind zu Ende, jetzt geht’s wieder nach Hause. Oder der Skitag ist vorüber, und die Leute sind todmüde. Manchmal trifft man sogar dieselben Fahrgäste, da frag’ ich, wie es gewesen ist.

Unterhalten Sie sich viel mit den Reisenden?

Ja. Wenn ich das Gefühl habe, es passt und ich habe Zeit, die grundsätzlichen Arbeiten sind erledigt, dann nehme ich mir die Zeit. Auch zum Scherzen.

Und das haben die Leute gerne?

Sehr gern! Man muss natürlich schon mit Fingerspitzengefühl drangehen – aber man spürt ja, will der Mensch das jetzt oder nicht. Bei den Gesprächen geht’s auch nicht nur um die Reise, da sagt dann einer: Ach, Sie haben so ein schönes Halstuch, das passt genau zu Ihrer Uniform! Haben Sie das selbst gestrickt? Ah, Sie stricken! Und wo haben Sie die Wolle gekauft? (lacht) Unter die Gürtellinie kann’s auch gehen, am ehesten im Stichkontrollbereich, bei Kurzstrecken, das ist ein ganz anderes Publikum als bei den touristischen Strecken.

Gibt es Bahnhöfe, wo Sie Ihren Gästen sagen würden, da sollten Sie unbedingt mal aussteigen?

Ich liebe meinen Heimatbahnhof, Spiez! Der ist wunderschön, weil man mit wenigen Schritten einen Blick auf das Schloss und die Bucht werfen kann. Und bei gutem Wetter sieht man unsere – wie sagt man – Hotspots, die Jungfrau zum Beispiel. Aber ich liebe jeden Bahnhof irgendwie. Und als Zugbegleiter kennt man ja immer eine gute Bäckerei in der Nähe.

Verraten Sie uns eine!

Die Bäckerei Binoth am Bahnhof Spiez. Die sind sehr freundlich dort, so herzig. Man muss dem Ansturm von Menschenmengen, die mit einem Schwung kommen, ja gewachsen sein.

Und ein gutes Bahnhofslokal?

Da kann ich nicht mitreden, weil ich in der Pause nicht im Restaurant essen gehe, mich lieber zurückziehe, um wieder ruhig zu werden. So eine Menschenmenge im Zug, das ist sehr anstrengend: die Konzentration, die Aufmerksamkeit. Ich schätze das, wenn ich irgendwo auf einer schönen Bank sitzen kann, zum Beispiel am Wasser in Luzern. Man ist ja eine öffentliche Person mit Uniform, auch in der Pause wird man nach dem Fahrplan gefragt. Die Leute können nicht wissen, dass ich gerade nicht arbeite. Und ich nehme meine Gemüsestängeli mit und meine Früchte, sonst komme ich nicht auf mein Tagessoll. Das ist ein bisschen schwierig in unserem Beruf, mit den unregelmäßigen Arbeitszeiten, gesund zu essen …

Wie viele Stunden arbeiten Sie denn?

Die kürzesten Schichten sind um die sechs Stunden, die längste ist zehn Stunden und 17 Minuten.

Fahren Sie auch privat mit der Bahn?

Ja, das ist schon irgendwie ein Virus, mein Partner, der Lokführer ist, und ich, wir machen keine ganzen Bahnreisen, aber einmal in den Ferien fahren wir immer eine bestimmte Strecke. Auf Korsika zum Beispiel, da gibt es so eine kleine grüne Bahn. Die Perspektive, mit dem Zug durch ein Land zu fahren, ist einfach anders: Man sitzt hinein und fährt durch die Landschaft, ganz konzentriert, hat einen anderen Genussbereich.

Und worüber können Sie sich freuen?

Wenn ich das Gefühl habe, ich kann Leute glücklich machen auf diesem Reiseweg, wenn sie mich vielleicht noch irgendein Detail fragen und ich helfen kann. Wenn sie zufrieden wirken und sie lachen und Freude haben, wenn ich wieder durchkomme, dann geht es mir gut, dann habe ich das Gefühl, ich mach meinen Job richtig. Oder in schwierigen Situationen, wenn ein Zug stehen bleibt, möglicherweise nach einem Suizid.

Wie beruhigen Sie die Menschen dann?

Ganz wichtig sind Informationen. Man muss den Menschen sagen, was passiert ist, dass sie ein bisschen Geduld haben sollen … Viele können das gar nicht verstehen, die wollen jetzt unbedingt sofort nach Hause. Ich verstehe das ja auch, wenn man in einem vollen Zug sitzt und jetzt endlich Feierabend hat – und dann passiert so etwas! Solche Sachen sind schon sehr emotionell. Aber wenn ich am Schluss trotzdem sagen kann, es ist alles so verlaufen, wie ich das auch gern erleben würde, wenn ich’s schon erleben muss – dass man begleitet wird ... Dieser Name ist schon ganz richtig: Zugbegleiter. Man begleitet die Menschen, von A nach B, in guten wie in schlechten Zeiten.

Sie sind den ganzen Tag auf den Beinen, da müssen Sie am Abend ganz schön erschöpft sein.

Nein. Die Beanspruchung durch schwierige Fahrgäste, die erschöpft. Man ist ja sehr exponiert, es lauschen Hunderte von Ohren, wenn ich etwas Unbequemes zu klären habe mit einem Menschen. Das ist schwierig. Oder technisch anfällige Zugkompositionen, wo ich weiß, das funktioniert einfach nie, wenn diese zwei Züge zusammengekoppelt werden, und die Menschen müssen wieder warten und sitzen im falschen Zugteil – das erschöpft viel mehr als das ganze Laufen, auch auf den Perrons, treppauf und treppab in den Bahnhöfen. Im Gegenteil, das macht fit.

Haben Sie auch eine besonders schöne Begegnung in Erinnerung?

Sehr viele! Die überwiegen. Neulich zum Beispiel: Ein junger Mann, aus Leipzig übrigens, der hat so einen schönen Fingerring poliert. Als ich ihn nach dem Billet gefragt habe, hat er gesagt: Ich habe keins. Und gestrahlt! Aber Sie wissen, das kostet 30 Franken extra. Das macht nichts, hat er gesagt – sie ist es mir wert. Er war auf dem Weg zu seiner Verlobten in Luzern und war so überglücklich, das hat er im ganzen Abteil verbreitet.

Mit Maria Schmid sprach Susanne Kippenberger. Zum „Auftritt Schweiz“ auf der Leipziger Buchmesse präsentiert sich Maria Schmid im Rahmen der „Living Library“ als lebendes, sprechendes Buch: am 14. März ab 15 Uhr 30 im Schauspiel Leipzig; persönliche Terminreservierung: living-library@auftritt-schweiz.ch

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