Slowenien : Dornröschen ist aufgewacht

Portoroz, das slowenische Seebad, will wieder glänzen. Der Nachbarort Piran hat schon einen imposanten Marmorplatz.

Igal Avidan,Irmgard Berner
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Im Zentrum grüßt der Campanile. Sloweniens Architektur weist nicht nur in Portoroz deutlich sichtbar venezianische Einflüsse auf....Foto: Michael Amme/laif

Wohnwagen-Karawanen und Tagesurlauber verstopfen die frisch asphaltierte Straße von Italien nach Slowenien. Immer mehr Urlauber fahren vorbei an der traditionsreichen Adriaküste um Triest und über den verwaisten Grenzübergang bis zum „Rosenhafen“, nach Portoroz. Der slowenische Küstenstreifen ist zwar nur 46 Kilometer lang, bietet aber mehr als Fels, Sand und Sonne.

Aus sozialistischem Schlaf erwacht, entdeckt Slowenien seine österreichisch- ungarische Vergangenheit mit venezianischer Architektur. Kurz hinter der Grenze schlängelt man sich entlang der Küstenstraße bis zur Kreuzung, wo man vor die Wahl gestellt wird: rechts nach Piran oder links nach Portoroz, „Klein-Venedig“ oder „Rosenhafen“, dem einzigen Badeort Sloweniens am Meer. Wir fahren hin. Klassizistische Villen mit üppigen Gärten am Hang erinnern an die alten Zeiten des exklusiven Seebads, lange bevor der Massentourismus in den Ort schwappte. Und seit gut einem Jahr erstrahlt ein Denkmal aus Kaiserzeiten in der Mitte der langen Promenade in neuem Glanz: das Hotel Palace.

Der Legende nach verbrachte hier Erzherzog Franz Ferdinand seine letzte Nacht, bevor er 1914 nach Sarajevo weiterreiste, wo er erschossen wurde. Das Attentat löste den Ersten Weltkrieg aus und zugleich den Untergang des 1910 eingeweihten luxuriösen Hotels mit freiem Blick auf den Badestrand. Noch unter kommunistischer Herrschaft wurde der Prachtbau samt Park unter Denkmalschutz gestellt, sogar ein Kasino wurde hier mehrere Jahre lang betrieben. In den 70er Jahren verschandelten dann zunehmend zweckmäßige Betonbauden die Strandpromenade und der lästige Verkehr vor dem Eingang leitete schließlich den Niedergang der noblen Herberge ein. Nach dem Zerfall Jugoslawiens fiel das Haus der Kommune Portoroz in den Schoß – samt der Auflage, die Ruine zu erhalten. Erst 2003, als die Touristen zurückkehrten und der Weg nach Europa angebahnt wurde, sprang ein Investor ein, und der 70-Millionen-Euro-Umbau begann.

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Im Oktober 2008 öffnete der historische Palast seine reich ausgestatteten Räume. Ein lichtdurchfluteter Glasbau verbindet das Belle-Epoque-Palais mit einem modernen Bau aus dunklem Glas, der sich dezent in die Parkanlage einfügt. In 80 Zimmern samt Swimmingpool und „Rosen-Spa“ gelang hier mit ausgesuchten Materialien ein extravaganter Design-Mix aus klassischem und modernem Stil. Dunkle Holzvertäfelungen wechseln mit strahlend weißen Räumen ab, changieren in rosa und lila Tönen. Als Leitfaden dienten dabei die beiden Motive des Ortes: Salz und Rosen.

Unter dem Management von Kempinski versuchte man im vergangenen Sommer trotz Weltwirtschaftskrise und fehlender Infrastruktur, Portoroz und Slowenien international als Markenzeichen zu etablieren. Das ist nicht einfach, denn noch immer fragen Reiseagenturen: Ist der Krieg in Slowenien zu Ende? Ja längst, inzwischen buhlen Slowenen und Kroaten auch um Gäste aus dem einst feindlichen Serbien. Noch suchen die Slowenen nach ihrer Identität im großen Tourismusbusiness. Denn zum einen waren sie zu lange fremdbestimmt, zum andern fehlt ihnen die italienische Gelassenheit, die viele Gäste mit dem Gefühl von Mittelmeerurlaub verbinden. Dabei sind die Slowenen ob ihrer geografischen Lage traditionell bilingual, sprechen also auch Italienisch, erstaunlich oft sogar Deutsch.

„Schwimmen kann man nur zwischen Mai und Ende September, Spazierengehen das ganze Jahr“, sagt Jadran Furlanic, Direktor des Tourismusverbandes im Landkreis Piran nicht ohne Stolz. Er empfiehlt jahreszeitlich frühen oder späten Besuchern das „Forma Viva“, eine einzigartige Ausstellung von Steinskulpturen im mediterranen Park hinter der Marina von Portoroz. Denn seit 40 Jahren finden hier internationale Bildhauertreffen statt.

Morgens trifft man Gruppen von Kindern allein an den vielen Kais oder in den wellengeschützten Schwimmbereichen des sandigen, künstlich angelegten Strandes. Abends tanzen die Urlauber zu den Klängen einer Band in Freiluftlokalen an der Promenade. Die Restaurants sind preiswerter als in Deutschland und bieten eine Mischung aus italienischer und österreichischer Küche, dazu Fisch, Meeresfrüchte und ausgezeichnetes Eis.

Nur wenige Kilometer entfernt findet man im gebirgigen Hinterland in Dorflokalen auch Trüffelspezialitäten. Zudem bietet sich dort bei angenehmer Brise ein fantastischer Ausblick über die Salinen von Secovlje. Hier wurde 500 Jahre lang Salz gewonnen und nicht nur aus dem Hafen von Portoroz exportiert, sondern auch für medizinische Salzbäder und als Salinenschlamm verwendet. Das weiße Kristall hatte Portoroz vor 100 Jahren zum beliebten Kurbad der Habsburger verwandelt – heute findet man das Mineral wieder im Spa des „Palace“.

Der Weg ins kleine Salinenmuseum liegt versteckt zwischen der slowenischen und der kroatischen Grenzstation. Die andere Richtung führt ins grüne Dragonja-Tal. Zwischen Olivenbäumen und Weinreben findet man absolute Ruhe und auf einer Anhöhe einen keltischen Stein, den die Dörfler keinesfalls dem Nationalmuseum in Ljubljana geben wollten.

Den schönsten Sonnenuntergang jedoch erlebt man in Piran. Die mit alten venezianischen Häusern und engen Gassen bebaute Halbinsel steigt treppenartig von der Küste an und ragt weit ins Meer hinaus. Angenehme Ruhe herrscht in der Altstadt – der Autoverkehr ist ausgesperrt, bleibt auf die beiden Uferpromenaden beschränkt. So kann der Besucher auf dem großen Marmorplatz schlendern, um den sich eine Vielzahl von Bars und Restaurants etabliert haben. Den schönsten Blick auf Flaneure und die dominierende St. Georg Kirche bietet übrigens die jüngst eröffnete Dachterrasse des angrenzenden Hotel Tartini, wie der Platz benannt nach dem einheimischen Komponisten Guiseppe Tartini. „Früher fuhren Gäste bis zum Eingang“, sagt die Hotelmanagerin Andreja Frelih. „Jetzt – autofrei – ist der Platz allerdings wesentlich schöner. “ Für die zahlreichen Besucher gibt es am Ortseingang einen großen Parkplatz. Nur zum Kofferausladen darf man kurz im Zentrum parken.

In Portoroz, wo öffentliche Parkplätze knapp und teuer sind, freut man sich dennoch über steigende Besucherzahlen, vor allem über Slowenen und Italiener, so heißt es beim Tourismusverband. Die Deutschen kommen erst an vierter Stelle, nach den Österreichern; bei einem Sprachtest am opulenten Frühstücksbuffet im goldenen Kristallsaal des Kempinski-Palace findet man die Bestätigung. Um mehr zahlungskräftige Gäste zu locken, fehlen dem ambitionierten Haus vor allem zwei Dinge: ein eigener Strand und ein Golfplatz. Für ein Jahr stellt die Kommune den Strand zur Verfügung, den Aufbau jedoch muss der Hotelbesitzer, die Istrabenz-Gruppe, selbst finanzieren. Ein Terrain für den Golfplatz wurde bereits an der Grenze geortet, 15 Autominuten entfernt. Die Bauarbeiten sollen im Herbst beginnen.

Auch sonst wird an der Infrastruktur noch gewerkelt. Der kleine Flughafen etwa wird für internationale Flüge ausgebaut. Am 15. April soll die erste JAT-Maschine aus Belgrad landen. Und auch baulich soll sich noch mehr tun: Zahlreiche kleine Geschäfte und Lokale prägen das Gesicht der Promenade. Nun soll ein neues Einkaufszentrum entstehen: Der Basar muss weichen, Platz für Luxusläden muss her.

Wo die maritime Grenze in der Bucht genau verläuft – darüber streiten sich Slowenien und Kroatien. Auch um die serbischen Touristen rangeln sie. Slowenien warb vor kurzem mit der Einladung: „Besuchen Sie Portoroz, das nächstgelegene europäische Meer.“ Etwas Salz in den Wunden Kroatiens, die die einst verfeindeten Serben mit dem Slogan umgarnen: „So schön und doch so nah.“ Im „ Palace“ in Portoroz hofft man, dass der Grenzstreit mit Kroatien bald beigelegt und die Reise ins benachbarte Land leichter wird. Denn direkt hinter der EU-Grenze im kroatischen Savudrija eröffnete 2009 ebenfalls ein Kempinski-Hotel – mit Golfplatz, der auch für die Portorozer Gäste attraktiv wäre. Am Grenzübergang muss der Pass gezeigt werden. Während Politiker um Lösung der Grenzfragen ringen, gibt sich der lokale Tourismusdirektor versöhnlich: „Wir alle hier sind doch aus Istrien, der Tourismus kennt keine Grenzen.“

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