Galicien : Wo Herkules den Riesen besiegte

Am Rand von A Coruña steht der älteste Leuchtturm der Welt. Doch auch wegen der schönen Kirchen und Plätze fahren Touristen in die galicische Stadt.

Katja Bülow
Alles unter Kontrolle. Der Torre de Hercules, so scheint’s, wacht auch über die Badenden in der Bucht.
Alles unter Kontrolle. Der Torre de Hercules, so scheint’s, wacht auch über die Badenden in der Bucht.Foto: Dirk Renckhoff/p-a

Unerschütterlich thront der Turm des Herkules auf seinem grasgrün bewachsenen Felsen im äußersten Nordwesten Spaniens. Es ist der älteste noch funktionierende Leuchtturm der Welt. Seit fast 2000 Jahren steht er da, wurde im Wandel der Zeiten mehrfach zerstört und doch immer wieder erneuert, um Seefahrern auf dem Atlantik den Weg zu weisen. Für Manuel Mosquera, der seit seiner Geburt in der Hafenstadt A Coruña lebt, ist er etwas ganz Besonderes – und zugleich ein normaler Bestandteil seines Alltags. Mosquera hütet als Leuchtturmwärter seit zehn Jahren das Wahrzeichen der Stadt.

Tag für Tag schaut er nach dem Rechten, kümmert sich um das alte Gemäuer, um Lampen und Rotationssysteme. Obwohl der Torre de Hercules schon so viele Jahre auf dem Buckel hat, sei er doch noch gut in Schuss, versichert der Techniker, während er mit seinen gelben Arbeitshandschuhen liebevoll an den historischen Stein klopft. Bereits im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt errichtete der römische Architekt und Ingenieur Caio Sevio Lupo den Bau, so jedenfalls steht es auf einer Inschrift am Fuße des Turms.

König Alfons X dem Weisen (1252 – 1284) erschien diese Entstehungsgeschichte wohl zu schlicht. Er hatte eine andere Version: Einst sei der griechische Held Herkules in die Region gekommen, um sie von der Herrschaft des Riesen Geryon zu befreien. Drei Tage und drei Nächte lang hätten die beiden miteinander gerungen, bevor Zeus’ Sohn schließlich gewann. Auf einem Felsen neben dem Meer begrub der Grieche laut Legende seinen Gegner – und baute an eben dieser Stelle einen riesigen Leuchtturm.

Die Galicier preisen gern die Wildheit ihrer Gewässer

Der Aufstieg im Inneren des Torre de Hercules gleicht einer Zeitreise. Die ausgetretene Wendeltreppe führt durch antike Tonnengewölbe, durch einen im 18. Jahrhundert geschaffenen kreisrunden Saal bis hinauf zur Besucherplattform, etwas unterhalb der modernen, elektrisch betriebenen Leuchte. Alle 20 Sekunden sendet sie ihren Lichtstrahl übers Meer.

In Richtung Osten blickt Manuel Mosquera über die blau-silbrig glitzernde Ría da Coruña, einen der zahlreichen fjordartigen Meeresarme der Region. Am Horizont zeichnet sich die kleine Insel La Marola ab. „Wer hier gesegelt ist, der kann in der ganzen Welt segeln“, so heißt der Refrain eines alten Liedes. Die Galicier preisen gern die Wildheit ihrer Gewässer.

Ende des 19. Jahrhunderts, als viele von ihnen aus wirtschaftlicher Not mit Schiffen nach Lateinamerika auswanderten, war es Tradition, am Herkulesturm dreimal das Signalhorn ertönen zu lassen, um sich von der geliebten Heimat zu verabschieden. Im Gepäck hatte so mancher dieser Emigranten ein Bild des Turms – ein Stück Heimat, das auf dem Weg in die ungewisse Zukunft Glück bringen sollte.

Auch heute, während der aktuellen Wirtschaftskrise, packen vor allem junge Menschen aus dem Norden Spaniens ihre Koffer, um dorthin zu ziehen, wo sie Arbeit finden. Der 1982 geborene Reiseleiter Daniel Malvido, der mit fast allen seiner Urlaubergruppen auch auf Mosqueras Leuchtturm steigt, kann sie gut verstehen. „Viele meiner Freunde arbeiten in Jobs, für die sie völlig überqualifiziert sind und verdienen trotzdem zu wenig, um davon leben zu können.“ Er selber hat sich nach und nach ein eigenes Unternehmen aufgebaut. „Slow Travel“, eine langsame, umweltschonende Art des Reisens will er verkaufen. Um möglichst viel über die Reisebranche zu erfahren, war er während seines Studiums regelmäßig im Ausland. Das Geld dafür verdiente er sich als Aushilfskraft in der Auktionshalle am Hafen, einem der größten spanischen Handelsplätze für Fische und Meeresfrüchte.

Touristen aus Deutschland kommen immer öfter

Leuchtturmwärter Manuel Mosquera geht um die blank geputzten Scheiben seines Schützlings herum und genießt den Blick in Richtung Süden. In der Ferne erhebt sich der Berg des heiligen Pedro, zu dem Einheimische am Wochenende in einem gläsernen Fahrstuhl aufsteigen. Oben lässt es sich dann in den Grünanlagen flanieren. Weiter vorn leuchtet einladend der weiße Sand der Stadtstrände Riazor und Orzán. Dort tummelten sich noch bis vor 15 Jahren fast ausschließlich Spanier.

In jüngster Zeit aber mischen sich immer mehr Touristen aus England, Frankreich und auch aus Deutschland unter die Badenden. Im Hafen nämlich, auf der gegenüberliegenden, der östlichen Seite der Metropole, dort, wo früher nur Fisch, Öl und Holz umgeschlagen wurden, machen mittlerweile rund 100 Kreuzfahrtschiffe pro Saison Station, Tendenz steigend.

Wenn die Luxusliner an der Kaikante festgemacht haben, dann spazieren die Reisenden direkt von Bord über die Gangway ins quirlige Zentrum. Begeistert fotografieren sie die alten Kirchen und Plätze, die liebevoll drapierten Waren in den Markthallen und natürlich die Statue der Maria Pita auf dem Platz vorm Rathaus. Mit dem Speer in der erhobenen Hand steht die Galionsfigur A Coruñas auf ihrem Sockel. Die Metzgersfrau soll im Jahr 1589 so mutig gegen angreifende englische Freibeuter gekämpft und Mitstreiter mobilisiert haben, dass die Piraten schließlich flüchteten. Maria Pita kam daraufhin als erste einfache Frau Spaniens in den Genuss, eine Rente vom Staat zu bekommen. Das Haus, in dem sie einst lebte, ist heute ein Museum.

Der junge Pablo Picasso war fasziniert vom „Turm aus Karamell“

Beliebt bei den Kreuzfahrttouristen ist allerdings nicht nur der Bummel in die Stadt, sondern auch die 14 Kilometer lange Promenade, die direkt am Meer gebaut wurde. Der Weg führt vorbei an den für Galicien typischen weißen Stadthäusern der Avenida de la Marina mit ihren verglasten Balkons. Es geht an der historischen Stadtmauer entlang zum alten Kastell von San Antón, in dem heute das Archäologische Museum seinen Sitz hat. Und nach ein paar Schritten am Kai des Sportboothafens schlendert der Besucher schließlich weiter bis hin zum Torre de Hercules, Unesco-Weltkulturerbe seit 2009.

Als „Turm aus Karamell“ sah der junge Pablo Picasso, der fünf Jahre seiner Kindheit in A Coruña verlebte, das sandsteinfarbene Bauwerk. Er war fasziniert, fertigte immer wieder Zeichnungen und Ölbilder davon an. Eine Begeisterung, die viele mit ihm teilen. Bis zu 43 000 Menschen kommen monatlich, um die Stufen des trutzigen Bauwerks hinaufzuklettern.

Wenn sie den Torre de Hercules besichtigt haben, zieht es die meisten von ihnen in die verwinkelten Gassen der Altstadt, in die Bars, an deren Decken getrocknete Schinken und Würste hängen und in die Restaurants, in denen Fische und Meeresfrüchte frisch aus dem Atlantik serviert werden. Auch Leuchtturmwärter Manuel Mosquera macht nach Feierabend gern einen Bummel dorthin und bleibt dann für einen Wein und ein paar Tapas, jene Vorabendhäppchen, die in Spanien einfach dazugehören. Heute aber zieht es ihn nach Hause. Denn dort wartet auf ihn etwas anderes, das, solange er denken kann, immer schon da war: „Cocido gallego“, der klassische galicische Eintopf aus Kartoffeln, Kohl, Kichererbsen und reichlich fettem Fleisch. „Das muss man gegessen haben“, schwärmt der Mann. Und während er die Turmstufen hinabsteigt, erzählt er: „Meine Großmutter hat das schon für mich gekocht, genau wie meine Mutter. Und ich tue es auch.“

Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Lietzenburger Straße 99, 10707 Berlin, Telefon: 030/8 82 65 43, Internet: spain.info/de sowie turismocoruna.com

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